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01.12.2006
 

Empfindliches Ökosystem

Fremde Quallen fressen sich durch Kieler Förde

Von Tonia Sorrentino

Eindringlinge in der Kieler Förde - Forscher haben dort die Rippenqualle entdeckt. Die fremde Art ist eine Gefahr für heimische Fische: Weil sie sich schnell vermehrt und hungrig ist. Nun wird ihr Verhalten in der neuen Heimat erforscht - und ob die Qualle sich weiter ausbreitet.

Die Rippenqualle "Mnemiopsis leidyi" ist als einer der aggressivsten Einwanderer gefürchtet - nun auch in heimischen Gewässern. Sie drohe, das Ökosystem der Ostsee dramatisch zu stören. Das sagte Ulrich Sommer vom Leibniz-Insititut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel (IFM Geomar). Die Zeit rennt, denn die Meerestiere müssen untersucht werden, um ihrem Verhalten genau auf den Grund zu gehen.

Schleimige Bedrohung: Die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi wandert in die Kieler Förde ein
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J. Javidpour / IFM-GEOMAR

Schleimige Bedrohung: Die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi wandert in die Kieler Förde ein

Mitte Oktober wurden bei einer wöchentlichen Wasserprobe in der Kieler Förde erstmals Quallen dieser Art gefunden. Zu jenem Zeitpunkt sei die Anzahl der Tiere binnen einer Woche bereits "von Null auf 30" pro Kubikmeter Wasser angestiegen, sagte der Meeresökologe zu SPIEGEL ONLINE. "Es werden von Woche zu Woche mehr. Inzwischen sind wir schon bei 90 Individuen angelangt." Sommer und seine Kollegen sind alarmiert: Sollte sich die "Mnemiopsis leidyi" weiter ausbreiten, könnte sie die Fischbestände der Ostsee drastisch reduzieren. Auf längere Sicht seien sie auch für die Nordsee gefährlich, befürchtet Sommer.

Die Rippenqualle, ausgewachsen zwischen sieben und zehn Zentimeter groß, ernährt sich einerseits von Zooplankton: Das sind mikroskopisch kleine Lebewesen im Ozean, die nicht nur Fischlarven als Nahrung dienen, sondern auch einigen erwachsenen Fischen. Sprotte und Hering sind besonders gefährdet, wie Sommer sagt. Überdies fresse die "Mnemiopsis leidyi" Fischlarven und -eier. "Eine Ausrottung der Bestände ist unwahrscheinlich, aber sie sind gefährdet." In einer groß angelegten Studie versuchen Sommer und sein Team jetzt, vor allem das Fressverhalten der Rippenqualle in der Ostsee zu erforschen.

Dazu gehöre etwa die Untersuchung des Magens der Tiere, sagte Doktorandin Jamileh Javidpour zu SPIEGEL ONLINE. Zudem müsse erforscht werden, ob die Rippenquallen auch bei einer Wassertemperatur von etwa zwei Grad Celsius noch am Leben bleiben. Unklar sei ebenso, sagte Sommer, in welchen Meerestiefen die Quallen ihre Opfer angreiffen. "Möglicherweise bleiben diejenigen verschont, die ihre Laichgebiete weit unterhalb der Wasseroberfläche haben." Die Forscher hoffen, Ende des Monats erste Daten über die "Mnemiopsis leidyi" erhoben zu haben.

Fischbestände auf zehn Prozent reduziert

Mit Sicherheit könne man im Moment nur sagen, "dass das Problem einigermaßen großflächig auftritt", sagte Sommer. Von Warnemünde über die Schlei bis ins Norwegische Bergen sei die Rippenqualle schon beobachtet worden. "Es ist nicht auszuschließen, dass sie auf natürlichem Weg über den Golfstrom zu uns gekommen ist, aber es ist nicht anzunehmen."

Wahrscheinlicher sei, so Sommer, dass die fremde Art mit Ballastwasser von Schiffen verschleppt wurde. Auf diese Weise sei die "Mnemiopsis leidyi" erstmals in den achtziger Jahren außerhalb ihrer Heimat - der amerikanischen Ostküste - im schwarzen Meer aufgetaucht.

Nach dieser Invasion reduzierten sich die dortigen Fischbestände innerhalb weniger Jahre auf ein Zehntel. Zwar ist Sommer zufolge bis heute umstritten, ob die Fische allein aufgrund der Rippenquallen starben, oder ob zum Teil die damalige Überfischung im Schwarzen Meer zu dem Problem geführt habe. Die Kieler Wissenschaftler befürchten jedoch, dass die "Mnemiopsis leidyi" nun in der Ostsee einen ähnlichen Schaden anrichten könnte. Die 90 gezählten Individuen pro Kubikmeter entsprächen bereits mehr als einem Drittel der Maximaldichte, die 1989 im Schwarzen Meer erreicht wurde, sagte Sommer.

Einziger natürlicher Feind: eine anderer Qualle

Eine weitere Ausbreitung innerhalb der Ostsee wäre umso dramatischer, als dass die Rippenqualle bisher keine natürlichen Feinde hat: Höchstens die Feuerqualle kann ihr nach Untersuchungen aus dem Schwarzen Meer möglicherweise zur Bedrohung werden. Dazu müsste diese allerdings aus Richtung Nordsee bei anhaltenden Sommertemperaturen mit den Westströmen in die Ostsee gelangen. "Das wäre mit Blick auf den Badetourismus aber nicht ratsam", so der Wissenschaftler. Zudem reproduziere sich die Feuerqualle in der Ostsee nicht.

Die einzige Möglichkeit, eine Rippenquallenplage einzudämmen, sei, die Fischerei zu reduzieren, um einen größeren Fischbestand aufrecht zu erhalten. "Das kann aber Jahre dauern", sagte Sommer. Für die Fischer sei das Meereslebewesen auch an sich ein Problem - im schlimmsten Fall hätten sie statt Fischen fast ausschließlich Rippenquallen in den Netzen. Die sich übrigens mit hoher Geschwindigkeit vermehren, wie Sommer sagte: "Eine Mnemiopsis kann ein paar Tausend Eier in der Woche legen."

Inzwischen ist die Rippenqualle bis in das Asov'sche, das Marmara-, das Mittel- und das Kaspische Meer vorgedrungen. Für den Menschen stelle das Lebewesen keine Gefahr dar, sagte Sommer. Ein weiterer klassischer Einwanderer, der Schaden angerichtet hat, ist dem Meeresökologen zufolge der sogenannte Schiffsbohrwurm, der es vor allem auf Holzmolen und Bootsstege abgesehen habe. Im Gegensatz zu ihm und der Rippenqualle seien die meisten Invasionen fremder Arten aber unbedenklich für die Meeresökosysteme.

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