Nur gut fünf Zentimeter kurz ist der Körper von Anoura fistulata - einer Fledermaus-Art, die vor kurzem in den Nebelwäldern der Anden Ecuadors entdeckt wurde. Dort teilt sie ihr Dasein mit zwei anderen Blütenfledermäusen derselben Gattung, Anoura caudifer und Anoura geoffroyi.
Die gewaltige Zunge von Anoura fistulata aber hatte es Nathan Muchhala angetan - so sehr, dass er ihre Länge messen wollte. Also trainierte der Forscher der University of Miami die Tiere darauf, Zuckerwasser aus Strohhalmen unterschiedlicher Länge zu trinken. Bei Menschen wäre das eine leichte Übung gewesen. Bei Fledermäusen erwies sich das Vorhaben als deutlich kniffliger.
Am Ende aber kam Muchhala zu handfesten Ergebnissen: Während A. caudifer und A. geoffroyi über eine Strohhalmlänge von knapp vier Zentimetern nicht herauskamen, schlürfte A. fistulata noch aus Röhrchen von bis zu 8,5 Zentimetern.
Das ist ein Rekord, vermeldet Muchhala in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Nature" (Bd. 444, S. 701): Kein anderes Säugetier könne im Vergleich zu seiner Körperlänge derart raumgreifend schlecken. Beinahe hätte Anoura fistulata auch noch den Rest des Tierreichs hinter sich gelassen. Allerdings musste sie sich knapp dem Chamäleon geschlagen geben.
Immerhin aber hält die Fledermaus die Bestmarke unter den Säugetieren. Ihr Trick: Die Zunge beschränkt sich nicht auf den Gaumen und den Kiefer, sondern erstreckt sich über den Hals bis in den Brustkorb. Dort ist sie von einer speziellen Gewebestruktur umgeben, der sogenannten Zungenröhre.
So etwas erfindet die Natur nicht umsonst, dachte sich Muchhala: Es müsse auch eine zur Zunge passende Pflanzenblüte geben. Einen solchen Zusammenhang hatte schon Charles Darwin vorausgesagt und am Beispiel eines Falters auf Madagaskar bewiesen. Er leistet sich einen Rüssel von unglaublichen 28 Zentimetern, mit dem er sich auf eine bestimmte Orchideenart spezialisiert hat. Daneben gibt es laut Muchhala auch Fliegen, die auf Englisch nicht ohne Grund mega-nosed flies genannt werden. Mit ihren fast sechs Zentimeter langen Rüsseln bestäuben auch sie Orchideen mit besonders langen Blüten.
Als der Biologe die Pollen auf den Gesichtern und im Fell der drei Fledermausarten analysierte, fand er tatsächlich nur bei Anoura fistulata Pollen des Glockenblumengewächses Centropogon nigricans, das besonders lange Blütenröhren von acht bis neun Zentimetern hat.
Da bisher keine Pflanzen bekannt waren, deren Blüten einzelnen Fledermausarten angepasst sind, ist dies das erste Beispiel für eine Pflanze, die allein von einer einzigen Fledermausart bestäubt werden kann. Der Forscher vermutet, dass sich die lange Zunge und die Blütenröhre gemeinsam entwickelt haben. Bleibt zu hoffen, dass das Gewächs nicht eines Tages ausstirbt.
hda/ddp
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Natur | RSS |
| alles zum Thema Bizarre Wesen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH