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Weder Tier noch Pflanze Bizarre Wesen aus der Schleimzeit

2. Teil: Lesen Sie weiter: Schleimpilze steuern Roboter und überraschen Genforscher. Das Standardwerk über die seltsamen Wesen haben drei deutsche Laien verfasst.

"Schleimpilze reagieren auf Umweltbedingungen flexibel", sagt Klaus-Peter Zauner von der Universität Southampton. "Mit dem Wort Intelligenz sollte man aber vorsichtig umgehen." Dann erzählt er die Geschichte vom Schleimpilz im Salzrand. Dahinter verbirgt sich kein Haute-Cuisine-Gericht, sondern ein Myxomyzet in der Falle. Über Salz läuft ein Plasmodium nämlich nicht gern. Ist es von einem Salzring eingeschlossen, müsste es eigentlich verhungern. "Irgendwann nimmt dann aber doch jeder Schleimpilz die Salzhürde", sagt Zauner. Aber warum? Erzeugt ein Frustrationsmechanismus einen Mut der Verzweiflung? Niemand weiß das.

Zauner bedient sich der Fähigkeiten von Physarum polycephalum zur Steuerung eines Roboters. Er hat einen sternförmigen Schleimpilz mit sechs Zacken gezüchtet, dessen pulsierende Bewegungen eine Kamera aufnimmt. Jedes Zucken der Zacken übersetzt ein Computer in Steuerbefehle und sendet diese an einen spinnenartigen Roboter mit sechs Beinen. Dieser trägt einen Lichtsensor. Läuft der Roboter ins Helle, wird eine Lampe eingeschaltet, die über dem Schleimpilz hängt. Da grelles Licht für den Schleimpilz unangenehm ist, pulsiert er anders, der Roboter erhält neue Steuerbefehle.

"Auf diese Weise erreichen wir eine Rückkoppelung, der Schleimpilz wird zum Gehirn des Roboters", erklärt Zauner. Bisher erinnern die ungelenken Bewegungen des Gefährts allerdings noch an eine Breakdance-Vorführung. Trotzdem sehen die Wissenschaftler in ihm den ersten Schritt in der Entwicklung von Robotern, die in komplexen Situationen nicht so schnell überfordert sind wie heutige.

Zurück in der Maisinger Schlucht: Nach zwei Stunden hält Peter Karasch den ersten Schleimpilz des Tages in den Regen – Lycogala epidendrum, einen Blutmilchpilz in ausgereiftem Zustand. Jeder Regentropfen, der ihn trifft, schlägt kleine Sporenwolken aus seinen prall gefüllten Fruchtkapseln. Der Blutmilchpilz ist eine von rund 370 Arten, die bisher in Deutschland gefunden wurden, 1000 sind es weltweit.

Die meisten Schleimpilze werden von Laien entdeckt und bestimmt. Selbst das dreibändige Werk Die Myxomyzeten haben nicht Biologen, sondern ein Naturfotograf, ein pensionierter Lehrer und ein Amtsgerichtsrat im Ruhestand verfasst. Weil sie keinen Verlag für die Bücher finden konnten, veröffentlichten sie sie im Eigenverlag und streckten 150.000 Euro aus eigener Tasche vor. Mittlerweile sind ihre drei Bände zum Standardwerk avanciert und wurden in 20 Ländern verkauft. Eine ungewöhnliche Karriere für ein Fachbuch in deutscher Sprache.

Eine der strittigsten Fragen der Schleimpilzforschung konnten allerdings erst Profis nach aufwändigen Untersuchungen beantworten: Was für Lebewesen sind Schleimpilze? Schon 1864 hatte der Freiburger Botaniker de Bary erkannt, dass Myxomyzeten keine Pflanzen sind, und sie den Tieren zugeordnet. Nicht nur wegen ihrer Wanderleidenschaft, sondern auch aufgrund der "Aufnahme und Wiederausscheidung fester Ingesta, von denen mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sie nicht zufällig in die Leibsubstanz gelangen, sondern zum Behufe der Ernährung aufgenommen und verwendet werden". Moderne Genforscher wissen es besser: Tiere, Pflanzen und Schleimpilze haben zwar gemeinsame Vorfahren, doch seit 700 Millionen Jahren bilden die Schleimpilze einen eigenen Zweig im Stammbaum des Lebens. Zuvor waren bereits die Pflanzen eigene Wege gegangen.

Dass die genauen Abstammungsverhältnisse jetzt geklärt sind, haben die Myxomyzeten ihren Cousins, den unechten Schleimpilzen, zu verdanken. Deren Amöben bilden keine einzelne Riesenzelle, sondern rotten sich bei Nahrungsknappheit zusammen und formen Zellhaufen. "Diese zellulären Schleimpilze sind die Erfinder des Opfertodes", sagt Gernot Glöckner vom Leibniz-Institut für Altersforschung in Jena. Hocken die Zellen zu Millionen aufeinander, beginnen sie, wie ein winziger Wurm vom dunklen Waldboden aus ans Licht zu kriechen. In einem letzten Aufbäumen reckt sich der Organismus schließlich in die Höhe: Die unteren Zellen bilden einen Stiel, andere den Fruchtkörper und eine auserwählte Minderheit die Sporen. Da alle Zellkerne im Gegensatz zum Plasmodium echter Schleimpilze unterschiedliche Erbinformationen tragen, opfern sich die Zellen im Stiel, damit sich die Sporenzellen fortpflanzen können. "Wer sich vermehren darf, hängt von bestimmten Fitness-Faktoren ab, die wir aber noch nicht genau kennen", sagt Glöckner.

Zusammen mit Forschern aus Köln, Großbritannien und den USA hat er im vergangenen Jahr das Genom des zellulären Schleimpilzes Dictyostelium discoideum entschlüsselt. Neben der Stellung der Schleimpilze im Stammbaum des Lebens brachte die Genomanalyse ein weiteres, überraschendes Ergebnis: Dictyostelium besitzt 12.500 Gene, fast genauso viele wie die Fruchtfliege und immerhin mehr als halb so viele wie der Mensch. Offenbar war also schon der Genpool unserer einzelligen Vorfahren sehr groß.

Bis zum Jahr 2007 wollen Glöckner und seine Kollegen auch das Genom eines echten Schleimpilzes entziffern. Der Wunschkandidat ist wieder Physarum polycephalum, dessen grellgelber Schleim es schon ins Guinness Buch der Rekorde geschafft hat: Bonner Forscher züchteten 1987 zum Abschied ihres Chefs Karl-Ernst Wohlfarth-Bottermann ein fünfeinhalb Quadratmeter großes Exemplar in W-Form. Das war die größte Zelle der Welt. "In den nächsten Jahren werden echte und unechte Schleimpilze in der Genforschung eine große Rolle spielen", prophezeit Gernot Glöckner. Denn mit ihrer Hilfe könnten die Forscher herausfinden, welche Gene sich bereits bei den gemeinsamen Vorfahren von Tieren und Schleimpilzen verändert haben und welche erst im Schleimpilz-Zweig des Stammbaums.

Die Teilnehmer der feuchten Safari in der Maisinger Schlucht haben am Ende des Tages nur echte Schleimpilze in ihren Sammelboxen. Einen frischen Blutmilchpilz zum Beispiel, aus dem nach dem Anschneiden ein rosafarbener Schleim sickert, Hemitrichia calyculata, die ihre Sporen durch elastische Fäden herausschleudert, und Ceratiomyxa fruticulosa, deren Fruchtkörper für jede Spore ein eigenes Stielchen formen. Später im Münchner Pilzverein werden die Schleimpilzsucher ihre Funde durch die Stereolupe begutachten und mit den Augen durch einen Märchenwald wandern. Da geht es steile Böschungen hinab, auf denen goldfarbene Fäden wachsen, quer durch Wälder aus Wunderkerzen hin zu den winzigen Glühlampen unter riesig wirkenden Mooszweigen.

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