Bisher sind es nur einige Meeresvögel, die nach der Berührung mit ausgelaufenem Öl an der Küste Südenglands verendeten. Über 200 Tonnen Öl sind bislang aus den Tanks der "MSC Napoli" geflossen. Zwar konnte der Ölteppich eingegrenzt werden. Doch die Küstenwache spricht von Verschmutzungen entlang eines acht Kilometer langen Strandabschnitts. Der Ölteppich habe sich vergrößert, teilte sie mit.
Die bange Frage ist nun, ob es den Experten gelingen wird, die gut 3000 Tonnen Öl abzupumpen, die sich noch in den Tanks des havarierten Frachters befinden. Falls nicht, steht der pittoresken Küste eine Ölpest bevor.
"Diese Küste ist als weltweit einzigartig bekannt", sagte der Meeresforscher Ken Collins von der University of Southampton zu SPIEGEL ONLINE. Die Unesco hat die Strände und Klippen von Devon zum Weltkulturerbe ernannt. "Hauptsächlich wegen ihrer Geologie", sagte Collins, "aber auch die Tierwelt ist dort von hohem Stellenwert."
Nach Einschätzung der Umweltschutzorganisation World Wildlife Fund for Nature (WWF) könnte die Havarie des Containerfrachters "erhebliche ökologische Folgen für eine der schönsten Küsten Großbritanniens" haben.
Schwierige Bergung des Öls
Bislang erwartet die Küstenwache keine Ökokatastrophe vor Devon. Der Ort, an dem das Schiff auf Grund gelegt wurde, könnte sich dabei als Glückgriff herausstellen.
Noch liegt der Großteil des Treibstoffs als zähes, klebriges Gift in den Tanks der "MSC Napoli". "Das Abpumpen des Öls kann eine Woche dauern", sagte am Montag der Sprecher der Marine and Coast Guard Authority (MCA), Mark Clark. "Angesichts niedriger Temperaturen müssen wir das Öl erwärmen, um es zum Fließen zu bringen."
Bislang haben die Einsatzkräfte vor Ort keine Hilfe aus Deutschland angefordert. Ulf Bustorff, stellvertretender Leiter des Havariekommandos in Cuxhaven, hält das für ein Zeichen, dass die englischen Kollegen die Bergung "sehr gut im Griff" haben. Das deutsche Havariekommando werde aber über die aktuelle Lage informiert, sagte Bustorff zu SPIEGEL ONLINE.
Die Rettung vor der südenglischen Küste ist kompliziert. Nachdem die Besatzung in Sicherheit gebracht worden sei, gehe es nun darum, alle wassergefährdenden Stoffe vom Schiff zu entfernen, also sowohl das Heizöl als auch die Container, sagte Bustorff. "Das geht relativ gut - solange der Frachter nicht auseindergebrochen ist." Parallel dazu müssten die bereits verlorengegangenen Container an Land gebracht werden, damit sie umhertreibend keine weiteren Schäden anrichten könnten.
Faktoren: Gezeiten und Strömung, Wetter und Wellenhöhe
Zwar sei die Bergung im Grunde "eine Fleißarbeit", sagte Bustorff. Ob es aber Komplikationen geben werde, könne man nie vorhersehen. "Das ist immer abhängig von den Gezeiten, der Strömung, dem Wetter und der Wellenhöhe." Erst wenn die Tanks der "MSC Napoli" leer sind, ist auch die Gefahr für die Umwelt gebannt.
"Direkt dort, wo der Frachter gestrandet ist, haben wir eine Kiesküste", sagte Ken Collins zu SPIEGEL ONLINE. Der Meeresforscher arbeitet seit über 30 Jahren an der Küste Südenglands und kennt die örtlichen Gegebenheiten in Devon auch von Tauchgängen. Käme es dort zu einer Ölpest, sagte Collins, seien wohl am unmittelbarsten die Meeresvögel betroffen. Darunter sind Trottellummen und Trauerenten.
Würde sich eine Verschmutzung über die Bucht hinaus verbreiten, sieht der Experte auch Gefahr für die deutlich empfindlicheren Biotope an den felsigen Küstenabschnitten östlich und westlich der Unfallstelle. Außerdem gebe es Riffe im Wasser, die wohl in Mitleidenschaft gezogen würden, sagte Collins.
Kritik von Umweltschützern
Der Containerfrachter "MSC Napoli" war im Sturm "Kyrill" im Ärmelkanal in Seenot geraten. Nachdem Schleppversuche gescheitert waren und der Frachter auseinanderzubrechen gedroht hatte, wurde er vor der Küste von Devon auf Grund gelegt. Mittlerweile wurden viele Container am Strand angespült - und von Anwohnern geplündert. Umweltschützer kritisieren, dass die "MSC Napoli" überhaupt bei dem schlechten Wetter unterwegs war.
"Große Containerschiffe haben heute mehr Öl als Treibstoff an Bord, als früher kleine Tanker als Ladung mitführten", sagte Hans-Ulrich Rösner, Leiter des WWF-Wattenmeerbüros in Husum. Mit der Größe wachse das Risiko. Es gebe noch weit größere Frachter als die "MSC Napoli". Viele Containerschiffe seien inzwischen so groß, dass sie bei Manövrierunfähigkeit im Sturm selbst durch Notschlepper kaum noch zu bergen seien.
Im Jahr 2001 hatte das Unglück des Tankers "Baltic Carrier" in der Ostsee Küstenschützern und Schifffahrtsexperten vor Augen geführt, was ein verhältnismäßig kleiner Ölteppich anrichten kann: Der Großteil der Ladung des Tankschiffs konnte zwar umgeladen werden. Rund 3000 Tonnen Öl traten aber aus und verschmutzten mehrere Strände und Küstenabschnitte in Dänemark, Seevögel starben. Großer freiwilliger Einsatz war vonnöten, um die Verschmutzung zu beseitigen.
Forscher des Instituts für Ostseeforschung in Warnemünde fuhren vier Wochen nach der Havarie die Route der "Baltic Carrier" mit einem Forschungsschiff ab. Wasser- und Sedimentproben sowie Videoaufnahmen des Meeresbodens zeigten damals: Außerhalb der betroffenen Küstenabschnitte droht keine bleibende Vergiftung.
Meeresforscher Collins sieht in dem gestrandeten Frachter vor Devon indes nicht nur eine akute lokale Bedrohung, sondern auch eine Warnung. In der Bucht würden kleinere Schiffe, die von der Ostsee kommen, sich regelmäßig mit größeren treffen und Ladung austauschen. Seit Jahren warnten Experten vor den Gefahren eines Ölunfalls. Angesichts der gestrandeten "MSC Napoli" sagte Collins: "Dieser Unfall kommt mir wie eine Übung für etwas vor, das noch in der Zukunft liegt."
gro/stx/AFP/dpa/rtr
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