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01.02.2007
 

IPCC-Report

Harte Kämpfe um die Klima-Bibel

Aus Paris berichtet Bernhard Pötter

Der Klima-Report der Vereinten Nationen wird in wenigen Stunden veröffentlicht - und Delegierte aus 130 Staaten ringen bis zur letzten Minute um jedes Wort. Mit gutem Grund: Was morgen präsentiert wird, bestimmt die Debatte über den Klimawandel für die kommenden Jahre.

An der Wand können die Delegierten ablesen, dass sie sich sputen müssen: 80 Prozent der Zeit sei bereits verstrichen, aber erst 40 Prozent der Arbeit getan, mahnt die Projektion an der Wand des großen Saals im Unesco-Hauptquartier in der Avenue Suffren in Paris, als die Wissenschaftler und Regierungsvertreter nach einer langen Nacht zur entscheidenden Verhandlungsrunde antreten.

Nicht nur im Kampf gegen den Klimawandel wird die Zeit knapp. Auch beim Verhandeln über den neuen Uno-Klimabericht rennen den etwa 240 Delegierten aus 130 Staaten die Stunden davon. Gestern wurde bis nach Mitternacht um Formulierungen und Interpretationen gefeilscht - auch wenn die zentralen wissenschaftlichen Details des Berichts schon im Frühjahr 2006 durchgesickert sind. Am heutigen Donnerstag ist die Mittagspause gestrichen, und auch in der Nacht wird es für die Unterhändler kaum Schlaf geben: Am Freitagmorgen um 9.30 Uhr soll der neue Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), des Klimagremiums der Vereinten Nationen, auf der Website der Organisation veröffentlicht werden.

Erwartet wird nicht weniger als die Vorhersage, ob die Menschheit der Klimakatastrophe noch entgehen kann. Der IPCC-Report wird in den kommenden Jahren die Grundlage für hitzige politische Debatten sein, Zeitungen werden ihn nach Naturkatastrophen zitieren, Versicherungen werden ihn für die Berechnung künftiger Milliardenschäden benutzen.

Nur die Überschrift ohne Einwände akzeptiert

Die Unterhändler sitzen in vertraulicher Runde und abgeschirmt von Journalisten im holzgetäfelten Konferenzraum der Unesco, auf den Tischen glimmen die Bildschirme von Laptops. Der Bericht der Wissenschaftler wird Absatz für Absatz an die Wand projiziert - schon versehen mit Vorschlägen, wie er zu ändern sei. Die Regierungen ringen um jeden Satz, jedes Wort. "Wir haben auch schon über einzelne Kommata verhandelt", erzählt ein Teilnehmer. "Schließlich kann ein Komma den Sinn verändern."

IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen

Ziele

ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...

Arbeitsgruppen

Ergebnisse bisher

Es klingt lustig, ist aber kein Witz: Das einzige Wort, das bisher ohne Einwände abgesegnet worden sein soll, ist die Überschrift: "Introduction", "Einführung". Dabei sind sich die Wissenschaftler im Grundsatz einig: Der Klimawandel findet statt, der Mensch ist verantwortlich und muss schleunigst handeln, um wenigstens das Schlimmste zu verhindern.

Im Hochglanz-Prospekt des IPCC sieht alles einfach aus: "2500 Experten, 800 Autoren, 450 Redakteure, 130 Länder und 6 Jahre Arbeit ergeben den Bericht 2007." Die Wirklichkeit ist komplizierter. Denn das, worauf sich die Wissenschaftler in sechs Jahren harter Arbeit geeinigt haben, wird in Paris von den Vertretern der Regierungen binnen vier Tagen und drei Nächten bewertet. Die Delegationen sitzen von früh bis spät im Plenum und machen Änderungsvorschläge. Die Redakteure wägen ab, vermitteln, suchen Kompromisse oder weisen die Vorschläge zurück.

Die Politik will nur die Zusammenfassung

Gegen ihren Willen wird keine Formulierung geändert, so ist es Brauch. "Die Argumente, die ausgetauscht werden, sind wissenschaftlicher und nicht politischer Natur", sagt der französische Klimaforscher Jean Jouzel, Vizepräsident IPCC-Arbeitsgruppe I, deren Bericht über die wissenschaftlichen Details derzeit in Paris debattiert wird. Doch wie sehr Wissenschaftler mitunter von ihren Regierungen bedrängt werden, zeigt ein Bericht der "Union of Concerned Scientists", der vorgestern in Washington veröffentlicht wurde: Demnach mischte sich die US-Regierung in den vergangenen Jahren mindestens 435 Mal in die Arbeit von insgesamt 150 Klimaforschern ein.

Dass Regierungen und Wissenschaftler im Saal II der Unesco um jedes Wort kämpfen, hat seinen Grund. Denn so wichtig der IPCC-Bericht auch ist: Die Delegierten wissen sehr wohl, dass kaum ein Entscheidungsträger den gesamten Report liest, sondern nur die jetzt so hart umkämpfte Zusammenfassung. Also wird noch einmal debattiert, ob ein Einfluss des Menschen auf das Klima nun "wahrscheinlich" oder "sehr wahrscheinlich" sei.

Der Streit über die Formulierung, dass die Hurrikane im Atlantik wegen der gestiegenen Wassertemperaturen an Stärke zunehmen, ist bereits entschärft, sagen Teilnehmer des Treffens. Es soll nun heißen, die seit 1970 beobachtete Zunahme an Zerstörungskraft von tropischen Wirbelstürmen sei "wahrscheinlich" auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen.

Seltenes Lob für USA und Saudi-Arabien

Doch die nächste Klippe wartet bereits: Messungen der Eisschmelze in Grönland und der Antarktis zeigen, dass das Festlandeis schneller zurückgeht, als es die Klimamodelle berechnet haben. Manche Delegationen wollen, dass in der Zusammenfassung darauf deutlich eingegangen wird. Manche Wissenschaftler aber finden die Daten unzureichend oder verteidigen ihre Modelle.

"Es gibt eigentlich keine Bremsmanöver aus ideologischen Gründen", sagt eine Teilnehmerin aus Großbritannien. "Wenn die USA oder Saudi-Arabien Einfluss ausgeübt haben, dann im Vorfeld und nicht hier unter den Augen der Öffentlichkeit." Die Delegierten loben sogar das Auftreten der US-Delegation und die "konstruktiven Vorschläge" der Saudis. Als Schrittmacher gelten die Regierung aus Großbritannien, Deutschland, Österreich und der Schweiz - aber durchaus auch China, das mit der größten Delegation angereist ist.

Die Verhandlungen sind vielleicht auch deshalb so zäh, vermutet ein anderer Teilnehmer, weil manche Wissenschaftler unerfahren im Umgang mit den Regierungsvertretern seien - immerhin sind 75 Prozent der Autoren des IPCC-Berichts zum ersten Mal dabei.

Wenigstens gibt es Fortschritte, die im Licht der bisherigen Debatten schon gewaltig wirken, obwohl sie doch banal sind: Die Delegierten sollen sich mittlerweile darauf geeinigt haben, dass die Menschheit nicht nur wahrscheinlich, sondern "sehr wahrscheinlich" für den Klimawandel verantwortlich ist.

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