Wer gern auf einem Berg wohnen möchte, kann das auch erreichen, indem er einfach geduldig wartet, gelegentlich seine Behausung einreißt und darüber eine neue errichtet. Im Laufe der Zeit erhöht der Kulturschutt so immer mehr den eigenen Siedlungsplatz - die Menschen wohnen sich regelrecht nach oben.
Was dabei entsteht, nennen Archäologen Wohnhügel oder auch Tell. Der Begriff kommt aus dem vorderen Orient, wo im Laufe der Jahrhunderte, etwa im Irak, bis zu 40 Meter hohe Wohnhügel entstanden sind. Dokumentiert sind die Erhebungen auch auf dem Balkan und in Südamerika - bislang jedoch nicht im Gebiet des heutigen Deutschlands.
Umso erstaunlicher erscheint deshalb der rund 7000 Jahre alte Wohnhügel, den Archäologen jetzt in der Nähe von Oberröblingen in Sachsen-Anhalt entdeckt haben. Der Hügel sei im Laufe der Jahrhunderte beim Zerfall von Behausungen entstanden und bestehe beispielsweise aus Lehmresten, sagte der Archäologe Robert Ganslmeier vom Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. "Eine derartige Anlage ist deutschlandweit einmalig. Die Menschen haben sich hier seit der Jungsteinzeit auf einer großen Fläche hochgewohnt." Der Hügel besteht aus Kulturschichten unterschiedlicher Zeiten, sagte Alfred Reichenberger, Sprecher des Landesamts für Vorgeschichte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Ort sei immer wieder besiedelt worden.
Zerstückeltes Skelett eines Pferdes
Entdeckt wurde der Tell bei Bauarbeiten für einen Autobahnzubringer. Die Archäologen arbeiten nun unter Zeitdruck, um die Spuren der Vorgeschichte zu sichern. "Wir haben nicht mehr viel Zeit", sagte Ganslmeier. "Die Brückenbauer sitzen uns im Nacken."
Auf dem Wohnhügel habe es rituelle Handlungen gegeben, erklärte er. Die Archäologen stießen auch auf eine 3000 Jahre alte Opferstelle. "Wir fanden zwei geköpfte Jugendliche, daneben lag das zerstückelte Skelett eines Pferdes, bei dem der Schädel und die Hinterläufe fehlten", sagte der Archäologe. Auch einen Hundeschädel und Reste eines Kalbes habe man entdeckt. Einer der Jugendlichen habe einen Armring aus Knochen getragen, zudem lagen bei den Tierskeletten mehrere Keramikgefäße. "Entweder diese Menschen wurden geopfert oder hingerichtet", sagte Ganslmeier.
Er glaubt, dass Steinzeitmenschen vor 7000 bis 5500 Jahren aus Lehm und Siedlungsabfällen die ovale Wohnstätte angelegt hätten, die damals 100 Meter lang und 50 bis 60 Meter breit gewesen sei. "Aus ungeklärten Gründen wurde der Wohnhügel dann vor 5500 Jahren verlassen", so Ganslmeier. "Erst vor 3000 Jahren sind spätbronzezeitliche Menschen gekommen und lebten hier nochmals etwa 300 Jahre."
Dass der Hügel so gut erhalten sei, sei ein Glücksfall. Dies liege unter anderem daran, dass in späteren Zeiten ein Fluss umgeleitet wurde, so dass der Hügel nicht mehr von Erosion betroffen gewesen sei. Ganslmeier glaubt, dass es durchaus noch mehr derartige Wohnhügel in Deutschland geben könnte. "Sie sind aber schwer zu finden."
hda/dpa
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Natur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH