SPIEGEL ONLINE: Herr Ministerpräsident, wie schlägt sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem ersten Gipfel als EU-Ratspräsidentin?
Rasmussen: Frau Merkel macht einen exzellenten Job. Sie ist bestens mit der Materie vertraut. Sie kennt die Details, und der Teufel steckt im Detail.
SPIEGEL ONLINE: Teile Ihrer Regierung scheinen den Klimawandel nicht allzu ernst zu nehmen. Ihr Finanzminister Thor Pedersen etwa hat die Prognosen der Wissenschaftler öffentlich als übertrieben bezeichnet. Können Sie nachvollziehen, dass Kritiker Ihr Land als Bremser im Klimaschutz bezeichnen?
Rasmussen: Meine Regierung hat vor einigen Wochen einen ehrgeizigen Energieplan vorgestellt, und zur Regierung gehört auch der Finanzminister. Wir vertreten eine klare Position. Wir wollen die Weiterentwicklung der erneuerbaren Energie, darunter Bio-Treibstoffe der zweiten Generation. Wir wollen auch die Verwendung von Biomasse ausweiten.
SPIEGEL ONLINE: Experten glauben, dass Dänemark seinen Status als Musterland beim Einsatz erneuerbarer Energien inzwischen verloren hat. Das Land hat in den neunziger Jahren große Fortschritte gemacht, stagniert aber seit Ihrem Amtsantritt im Jahr 2001.
Rasmussen: Wenn Sie unseren früheren Umweltminister fragen, antwortet er natürlich sehr kritisch, weil wir einige seiner Subventionen gekürzt haben. Aber wir wollen einen Gegenwert für unser Geld und leiten deshalb einige unserer Umwelt-Investitionen um. Wir haben zum Beispiel die Subventionen für die Windkraft leicht gesenkt. Es gibt aber die vielversprechende Perspektive, dass die technische Entwicklung die erneuerbaren Energien auf dem freien Markt wettbewerbsfähig machen wird - und das gilt nicht nur für die Windkraft.
SPIEGEL ONLINE: Und warum hat sich die Senkung der dänischen Treibhausgas-Emissionen in den vergangenen Jahren verlangsamt?
Rasmussen: Das ist nicht richtig. Dänemark ist bei der Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen der ehrgeizigste EU-Staat. Im Kyoto-Protokoll haben wir uns zu einer Senkung des Ausstoßes um 21 Prozent bis zum Jahr 2012 verpflichtet - das ist mehr als in jedem anderen Staat.
SPIEGEL ONLINE: Bundeskanzlerin Merkel will die EU in Brüssel darauf einschwören, bis 2020 den Anteil von erneuerbaren Energien am gesamten Energiehaushalt auf 20 Prozent zu steigern. Dänemark hat dieses Ziel nahezu erreicht - so dass es Ihr Land wenig kosten würde, dem EU-Plan jetzt zuzustimmen. Werden Sie sich bis 2020 zurücklehnen?
Rasmussen: Wir sind noch nicht am Ziel. Der Anteil erneuerbarer Quellen am gesamten Energieverbrauch unseres Landes liegt derzeit bei etwa 15 Prozent. Wir werden weitere Anstrengungen unternehmen. Ziel unseres Energieplans ist, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2025 auf 30 Prozent zu verdoppeln. Nur beim Stromverbrauch beträgt der Anteil erneuerbarer Energien bei uns schon jetzt 20 Prozent, dank der Windkraftwerke.
SPIEGEL ONLINE: Klimaforscher kritisieren, dass Sie den Bau neuer Windkraftanlagen gestoppt haben.
Rasmussen: In Wirklichkeit haben wir sogar entschieden, die Kapazität der Windparks zu erweitern, insbesondere die der Offshore-Parks. Wir haben einige Probleme mit einigen Windmühlen an Land aufgrund von Einwohner-Protesten. Aber wir arbeiten daran. Ein Teil der Lösung ist, einen Teil der kleinen Windkraftwerke durch größere und effizientere Modelle zu ersetzen. Damit kann die Gesamtzahl verringert werden, während die Leistung steigt. Die größeren Windkraftwerke sind schon fast wettbewerbsfähig und brauchen keine Subventionen mehr.
SPIEGEL ONLINE: Auf internationaler Ebene scheint die Atomkraft vor einer Renaissance zu stehen. Ist sie die neue grüne Energie, wie Frankreich behauptet?
Rasmussen: Nein. Und sie ist kein Teil unserer Energiepolitik. Zunächst möchte ich betonen: Es ist ein Grundsatz der EU, dass jeder Staat selbst über seinen Energiemix entscheiden kann. Wir werden uns nicht in die Energiepolitik anderer Länder einmischen. Aber ich sehe die Atomkraft nicht als erneuerbare Energie an.
SPIEGEL ONLINE: Die Arktis gehört zu Dänemark, und große Teile Ihres Landes befinden sich unterhalb des Meeresspiegels. Dänemark wird also zu den ersten Ländern gehören, die die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen. Sollte das Thema deshalb nicht höchste Priorität genießen?
Rasmussen: Ich habe angekündigt, dass wir Dänemark auf lange Sicht von fossilen Energieträgern unabhängig machen wollen. Wir sind in einer sehr komfortablen Lage: Wir besitzen Öl- und Gasfelder in der Nordsee, so dass wir unabhängig sind. Wir sind der einzige Netto-Energieexporteur in der EU. Ich will, dass Dänemark auch in der Zukunft vollkommen unabhängig ist - also auch, wenn die Reserven in der Nordsee erschöpft sein werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir die erneuerbaren Energien weiterentwickeln.
Das Interview führte Carsten Volkery
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