Aus Char Bangla berichtet Matthias Gebauer
Immer wieder halten wir, da Hunderte Flusskühe die Ufer wechseln. Riesige Vogelschwärme ziehen über den dichten Wald hinweg. Überall dümpeln Fischerboote, kleine Nussschalen aus Holz. Meist waten die ausgemergelten Männer mit ihren kleinen Netzen auf der Suche nach Essbarem durch die Fluten, manchmal haben sie Netze an Holzpfählen montiert. Was wie ein Natur-Paradies aussieht, ist keineswegs menschenleer. Im Durchschnitt leben in Bangladesch rund 1000 Einwohner auf jedem Quadratkilometer. Auf 40 Prozent der Fläche Deutschlands leben in dem überfüllten Land rund 150 Millionen Menschen.
Shahidul Mullah ist vor 15 Jahren nach Char Bangla gekommen. "Ich hatte kein Land, hier fanden wir Platz zum Leben", sagt er. Erbarmungslos brennt die Mittagssonne auf ihn und die anderen Dorfbewohner hinab. Es ist ein einfaches Leben, das die Menschen hier führen. Sie passten sich an das extreme Wetter an. "Von den Alten lernten wir, dass es Anfang Mai so kräftig regnet, dass die Inseln bis zum Juni komplett unter Wasser stehen", sagt Shahidul Mullah. Folglich baute er seine Hütte auf einem Plateau und pflanzte in der Regenzeit Reis an. Geht das Wasser zurück, sät er auf dem Boden andere Pflanzen.
Das an der extremen Natur austarierte System bestimmt den ganzen Landstrich. Und auch wenn die einfachen Bauern noch nie etwas von Klimagasen, der Ozonschicht oder ähnlichem gehört haben, haben sie eine eigene Philosophie vom Leben. "Das Wasser war schon immer ein Feind für uns, aber auch eine Quelle des Lebens", sagt Shahidul Mullah. Nun aber veränderten sich die Wassermassen. "Das Wasser nimmt mir nur noch Land, es gibt mir kaum noch etwas zurück." Wer an der Veränderung Schuld ist, weiß er nicht. Aus seiner Sicht kann so etwas nur Allah bewegen.
Klimawandel wirft gewohntes Leben aus der Bahn
Mit den mühsam erwirtschafteten Erträgen des an der Natur angelehnten Arbeitens konnten die Bauern bisher gerade ihre Familien ernähren. Jeden Tag reicht es für eine Schale Dal, einem gelblichen Brei aus Linsen und Zwiebeln, und ein wenig Reis. Einmal pro Woche kommt ein Stück Fleisch hinzu oder einer der gefangenen Fische. Am Abend gibt es für den müden Vater ein oder zwei Pakete Paan, eine in ein grünes Blatt gehüllte Mixtur aus Muskatnuss und Kalk. Die lokale Droge, die Shahidul Mullahs Zähne blutrot gefärbt hat, beruhigt. Außerdem vergesse man die Sorgen, sagt er. Wie auf Knopfdruck grinsen seine Freunde und zeigen ihre ebenso roten Gebisse.
Mit dem Klimawandel aber gerät Shahidul Mullahs Leben aus den Fugen. Immer häufiger gibt es schwere Wirbelstürme, sagt der Farmer, auch in diesem Jahr erlebte er schon vor der Monsun-Zeit einen heftigen Zyklon. Wetterforscher registrieren in der Tat in den vergangenen Jahren einen Anstieg der Wirbelstürme, die statt sonst alle 20 Jahre nun alle fünf Jahre auftreten. Diese Forschung kennt Shahidul Mullah nicht. Ihm bleibt nur übrig, jeden Abend zu beten, dass am nächsten Morgen kein Sturm heraufzieht. Die Furcht davor ist Teil seines Lebens geworden.
Keine Alternative zum Warten
Gerade aber hat Shahidul Mullah andere Sorgen. Vor zwölf Tagen hat seine Frau Alea Becum die kärgliche Behausung mit den drei Kindern verlassen. Sie wollte zu einem Arzt, doch bis heute ist sie nicht zurück, denn nur selten kommt eine der Fähren an der Insel vorbei. Der Vater hofft nur, dass sie vor dem Monsun wiederkommt. Wenn nicht, muss er die nasse Zeit ohne seine Familie verbringen. Gehört hat er nichts von seiner Familie, schließlich gibt es auf seiner Insel keinen Strom, von der Existenz des Telefons hat der Farmer bisher nur gehört. Also wartet er weiter, vielleicht kommt seine Frau ja heute noch.
Alternativen zum Warten auf die Klima-Katastrophe haben die Bewohner des Südens kaum. Shahidul Mullah wünscht sich, dass wenigstens seine Kinder einmal woanders wohnen können. Doch ihre Chancen sind gering. Die kleine Schule, die eine Hilfsorganisation auf der Insel aufgebaut hat, ist nur während der trockenen Monate offen. Für eine echte Ausbildung reicht das nicht, für ein Leben in der Hauptstadt Dhaka erst recht nicht. "Wir haben keine Zukunft, wir können nur auf bessere Tage hoffen", sagt der Vater und macht sich wieder an die Arbeit am Dach. Nur Gott könne ihnen aus der Situation heraushelfen und das Wetter im Zaum halten.
Dafür will Shahidul Mullah später am Abend beten.
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