Von Axel Bojanowski
Die Kugelform? Wie trivial! Doch Landkarten prägen Weltsichten, und die Mühen des Menschen, seine dreidimensionale Welt adäquat auf planer Fläche wiederzugeben, zieht sich durch die Geschichte der Moderne. Zum ersten Opfer aller Kartografen wurde stets die Antarktis: grotesk verzerrt, als unproportionierter Streifen am unteren Kartenrand - oder gleich ganz abgeschnitten. Auch als Dreh- und Angelpunkt der Plattentektonik fielen die Antarktis und ihre untermeerischen Lava-Gebirge so nicht ins Auge. Das sei eine Frage der Perspektive, sagt der Geologe Helmut Echtler vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) zu SPIEGEL ONLINE: Aufgrund seiner Randlage auf den Landkarten werde der Südkontinent schlicht zu wenig beachtet.
Mehr Platz um den Gürtel des Äquators herum
Dabei waren alle nötigen Daten vorhanden. McCarthy benutzte eine Standardkarte der Geologie ("Nuvel-1") mit Bewegungsrichtungen und -geschwindigkeiten, wie sie per GPS-Messung ermittelt wurden, und jedem Forscher zur Verfügung stehen. Zwar bewegen sich die Platten in alle Richtungen. Doch McCarthy trug die Vektoren penibel in Tabellen ein - und fand heraus: In der Summe kennen die Erdplatten vor allem eine Route, nach Norden.
Die Erdplatten beschleunigen sich auf dem Weg von der Antarktis nach Norden, hat McCarthy berechnet. Ursache ist wiederum die Kugelform der Erde: Der nach Norden drängende Meeresboden habe viel Platz, er könne sich im Süden nahezu ungebremst bewegen, erklärt McCarthy.
Im Laufe der letzten 200 Jahrmillionen wurden die meisten Kontinente so in die Nordhemisphäre geschoben. Dort herrscht nun großes Gedränge, vielerorts kollidieren Erdplatten: Eine Kollisionsfront zieht sich beispielsweise von Europa nach Ostasien, entlang derer sich Gebirge wie die Alpen und der Himalaja auftürmen. Wie Sporne schieben sich Landmassen - etwa Afrika und Indien - von Süden her in den eurasischen Kontinent. Kollisionen bremsen die Platten in der Nordhemisphäre. McCarthy hat errechnet: Je weiter nördlich des Äquators sie liegen, desto langsamer bewegen sie sich.
"Elegante geometrische Erklärung"
Die Studie überrascht die Fachwelt. Die Arbeit zeige, dass sich die Bewegung der Erdplatten elegant mit Geometrie erklären lasse, sagt Onno Oncken, GFZ-Experte für Plattentektonik, zu SPIEGEL ONLINE. Bislang wurden Plattenverschiebungen einzig anhand der gemessenen Bewegungen rekonstruiert.
Möglicherweise erklärt McCarthys Geometrie-Gesetz nun sogar das Werden und Vergehen der Kontinente. Denn im Laufe der Erdgeschichte vereinigten sich die Landmassen mehrfach zu einem Superkontinent. Warum das geschah, erschien lange rätselhaft.
Der neuen Studie zufolge, werden die Platten womöglich systematisch zusammengetrieben: Der letzte Superkontinent Pangäa - er umfasste vor 225 Millionen Jahren fast die gesamte Landmasse der Erde und lag teilweise auf der Südhalbkugel - zerfiel vor rund 200 Millionen Jahren. Aus einem Bruch entstand genau jener untermeerische Gebirgsring um die heutige Antarktis herum, dessen frische Lava die Erdplatten seither nach Norden treibt.
In ferner Zukunft werden sich die heutigen Kontinente vermutlich im Norden vereinen, sagt der Geologe Wolfgang Frisch von der Universität Tübingen zu SPIEGEL ONLINE. Er ist der Autor des Standardwerks "Plattentektonik". Möglicherweise würde dann der nächste Kontinent-Zyklus beginnen, wenn sich nahe des Nordpols ein gigantischer Lava-Ring auftäte. McCarthys Geometrie-Regel folgend spekuliert Frisch: Die Erdplatten könnten dann wieder nach Süden driften - und im Norden entstünde ein riesiger neuer Ozean.
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