Anfang Juni beginnt in den USA die Hurricane season - und die gesamte Ostküste starrt gebannt auf die Wetterkarten, wenn sich über dem Atlantik ein Sturmwirbel bildet: Wie groß wird er? Werden die Meteorologen ihm einen Namen geben? In gar zum Hurrikan erklären?
Dieses Jahr fürchten sie sich besonders. Erst im April behaupteten US-amerikanische Forscher der Colorado State University in Forth Collins, dass die Zahl der tropischen Wirbelstürme in diesen Jahr überdurchschnittlich groß sein würde., Das liege am zyklischen Einfluss des Wetterphänomens El Niño. Der Mensch sei aber an diesem Phänomen nicht schuld. Schwedische Wissenschaftler rücken die kurzfristige Perspektive auf die Naturgewalten zurecht: Alles eine Frage des Vergleichs.
Dass die Anzahl der tropischen Wirbelstürme seit Mitte der neunziger Jahre gestiegen ist, sehen einige Forscher als Folge der globalen Erwärmung.
Dem widersprechen Johann Nyberg und seine Kollegen schwedischen Geologischen Dienst in der Wissenschaftszeitschrift "Nature": Tatsächlich würden die Hurrikane zahlreicher - aber damit nähere sich die Sturmaktivität nur wieder dem langjährigen Mittel an: Die Zahl der Wirbelstürme sei keinesfalls ungewöhnlich hoch, wenn man sie mit anderen Perioden hoher Hurrikan-Aktivität vergleiche. Für diese Schwankungen sei aber wohl nicht der Mensch verantwortlich.
Dabei streiten die Forscher nicht ab, dass es in den vergangenen zehn Jahren mehr Hurrikans registriert wurden. In den vergangenen Jahren gab es durchschnittlich 4,1 große Hurrikane, die vor allem im Bereich zwischen der Karibik und Westafrika im Atlantik entstehen. Dagegen wurden zwischen 1971 und 1994 jährlich nur 1,5 Stürme dieser Kategorie registriert. Viele Wissenschaftler nahmen diese Entwicklung als Anlass, auf die Erwärmung an der Oberfläche der Meere hinzuweisen.
Die Vergangenheit war stürmisch
Ein Problem bei Analysen - und der Suche nach möglichen Zusammenhängen - war jedoch, dass verlässliche Daten für Wirbelsturm-Häufigkeit nur bis zum Jahr 1944 zurückverfolgt werden konnten. Nyberg hat nun einen Weg gefunden, um an weiter zurückliegende Daten zu kommen. Er nutzt dafür Korallen aus der Karibik, deren Wachstum durch Temperatur und vorhandene Nährstoffe beeinflusst wird. Auch Küsten-Sedimente untersuchte er. Daraus konnte Nyberg ein Bild der Sturmhäufigkeit seit 1730 erstellen. Eine ähnliche Untersuchung - weniger detailliert, dafür weiter zurückreichend - hatten US-Wissenschaftler Ende Mai ebenfalls in "Nature" vorgestellt: Aus karibischen Sedimenten rekonstruierten sie eine höchst wechselhafte Hurrikan-Geschichte der vergangenen 5000 Jahre.
| Sturmjahre: Statistik für die Ost- und Golfküste der USA | |||
| Jahr(e) | Wirbelstürme mit Namen | davon Hurrikane | davon Hurrikane der Stärken 3/4/5 |
| 2007 | 17 | 9 | 5 |
| 2006 | 10 | 5 | 2 |
| 2005 | 27 | 15 | 7 |
| 1900-1949 (50 Jahre) |
189 | 101 | 39 |
| 1956-2005 (50 Jahre) |
165 | 83 | 34 |
| Langjähriges Mittel | 9,6 | 5,9 | 2,3 |
| (Quelle: Colorado State University, Zahlen für 2007 sind Vorhersagen) | |||
Nybergs Übersicht zeigt nun den Zeitraum von heute bis zurück vor den Beginn der Industrialisierung im Detail. Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts stößt der Mensch durch die massenhafte Verbrennung von fossilien Brennstoffen - zunächst Kohle, später auch Öl und Gas - Kohlendioxid in rauen Mengen frei. Die Konzentration von Klimagasen in der Atmosphäre ist in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegen. Ob und falls ja die Sturmaktivität als Folge des Klimawandels gewertet werden muss, ist unter Forschern umstritten.
Jedenfalls ergibt sich vor dem historischen Hintergrund der letzten knapp 300 Jahre ein erstaunliches Bild: Die jetzige Wirbelsturm-Aktivität sei normal, so die schwedischen Forscher. Die Zeit zwischen 1971 und 1994 müsse dementsprechend sogar als "ungewöhnlich ruhig" gewertet werden.
at/afp
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