Die Natur ist an Einfallsreichtum fast nicht zu überbieten. Kein Wunder - um zu überleben, müssen Maus und Käfer ihre Strategien und Taktiken stets weiterentwickeln. Es gilt, mit den besten Tricks das geeignete Weibchen zur Fortpflanzung zu finden, die geschickteste Tarnung vor üblen Feinden auszutüfteln oder auch eine handfeste Abwehr gegen fressfreudige Jäger zu entwickeln.
Jetzt hat ein Forscherteam um Aaron Rundus von der University of California Erdhörnchen untersucht und eine ganz neue Strategie der Feindabwehr entdeckt: heiße Schwänze gegen angriffslustige Klapperschlangen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler jetzt in "Proceedings of the National Academy of Science" (Online-Vorabveröffentlichung).
Heiße und kalte Abwehrstrategie
Die Wissenschaftler stellten fest, dass eine bestimmte Erdhörnchenart, der kalifornischen Ziesel (Spermophilus beecheyi), ihre Schwänze erhitzen können und dabei Infrarotstrahlung abgeben. Die Erdhörnchen nutzen die Technik zur Schlangenabwehr. Denn die Hörnchen, besonders die Jungtiere, stehen bei den Schlangen ganz oben auf dem Futterzettel. Dabei können die Nagetiere wählen: Greift eine für Wärme empfindliche Klapperschlange an, strecken sie ihren Schwanz in die Höhe und geben Infrarot-Signale ab. Kommt hingegen eine Kiefernnatter (Pituophis melanoleucus) daher, die die Strahlung nicht wahrnehmen kann, bleibt der Schwanz kalt.
Die Forscher hatten das Infrarotsignal entdeckt, als sie im Labor mit einer Wärmekamera Erdhörnchen und Klapperschlangen filmten. Sobald sich eine Klapperschlange näherte, heizte sich der Schwanz der Nager deutlich auf.
Nachtaktive Schwanzwedler
Besonders nachts wedeln die Hörnchen besonders eifrig mit dem Schwanz - die Zeit, in der die Klapperschlangen bevorzugt auf die Jagd gehen. Diese Beobachtung können die Forscher jetzt erklären: Auch wenn die Schlangen den Schwanz nicht sehen können, nehmen sie die Wärmestrahlung war. Für die Wärmeproduktion spielt das Sympathische Nervensystem der Nager und das wilde Herumwedeln des Schwanzes eine Rolle. Darüber hinaus vermuten die Forscher weitere Ursachen.
Warum die Erdhörnchen ihren Schwanz erhitzen, konnten die Forscher mit Hilfe von kleinen Erdhörnchen-Robotern klären. Auch der Roboterschwanz gab Infrarotstrahlung ab. Wenn die Roboterhörnchen ein Infrarotsignal abgaben, änderten die Klapperschlangen ihr Verhalten: Statt angriffslustige Räubergebärden zu vollziehen, verhielten sie sich defensiv und zogen ab. Der Grund: Der erhitzte Schwanz lässt die Schlange glauben, sie hätte ein viel größeres Tier vor sich.
Diese Ergebnisse stärken nach Meinung der Wissenschaftler die Hypothese, dass die sensorische Fähigkeit eines Räubers die Evolution entsprechender Signale bei den Beutetieren nach sich ziehen sollte. Die kalifornischen Klapperschlangen können besonders gut Wärme wahrnehmen und damit auch ihre Beutetiere, die Erdhörnchen, aufspüren.
khü/dpa
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH