Grünland, Treibhauseffekt, globale Erwärmung: Wohl an keinem Ort der Erde kumuliert die Metaphorik des Klimawandels so wie auf der dänisch verwalteten Rieseninsel Grönland. Kanzlerin Angela Merkels Besuch dort werde nochmals veranschaulichen, "welche Herausforderungen auf der Menschheit ruhen", sagte Ulrich Wilhelm, der Sprecher der Bundesregierung: Jene Insel, welche die Wikinger im Mittelalter Grünland tauften, ist heute politisch ein symbolischer Hotspot.
"Aber auf Grönland beschränkt ist das nicht", sagt Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Meeres- und Polarforschung in Bremerhaven. "Wir sehen in der Arktis eine stärkere Erwärmung als global." So seien die Lufttemperaturen über Land in den letzten 50 Jahren doppelt so stark gestiegen wie im weltweiten Mittel, sagte der Experte für die Veränderungen im Nordmeer zu SPIEGEL ONLINE.
Nördlich des 60. Breitengrads - auf dem die Südspitze der riesigen Insel liegt - zeigen sich die Folgen des Klimawandels also besonders deutlich. Und Grönland ist der größte Brocken in dieser Weltgegend. Forscher aus den Industrienationen interessieren sich weniger für die bloß 60.000 Menschen, die dort leben, sondern mehr für die gewaltige Eiskappe. Die Gletscher, die auf der grönländischen Landmasse liegen, sind an manchen Stellen über 3000 Meter dick.
Banges Starren auf die Eisschmelze
Im Gegensatz zum arktischen Meereis, das an der Wasseroberfläche schwimmt, und beim Schmelzen nicht mehr Wasservolumen erzeugen, als es vorher verdrängt hat, sind die Rinnsale vom grönländischen Festland-Eispanzer von weltweitem Interesse: Schwellen sie an, so steigt der Meeresspiegel.
Sieben Meter plus, so schätzt AWI-Forscher Lemke, würde eine völlige Schmelze in Grönland für die Weltmeere bedeuten - ein extremes Szenario, das weit in der Zukunft liegt. Zwar wissen Experten, wie heikel solche Anstiegsprognosen sind. Doch gilt der dänische Arktisriese als großer Joker auch für die kurzfristige Entwicklung. Nirgendwo sonst wird fieberhafter die Veränderung der schier gigantischen Eismassen erforscht.
Grönland und Klimawandel sind aus mehrere Gründen ein ganz heißer Forschungsgegenstand:
Die Bewohner Grönlands sehen die weltweit vielbeachtete Entwicklung übrigens durchaus positiv. "Die Wärme hält sich mittlerweile bis in den November", sagte der grönländische Bauer Ferdinand Egede vergangenen August dem SPIEGEL. Wenn das am Treibhauseffekt liege, dann heiße er ihn willkommen.
Kartoffeln gedeihen, Jagd wird schwieriger
Egede ist ein Pionier, der versucht, in Südgrönland Kartoffeln anzubauen. Bis vor kurzem war solche Landwirtschaft auch in den Buchten an der Südspitze undenkbar. Doch in den vergangenen 30 Jahren ist die Jahresdurchschnittstemperatur etwa am Ort Qaqortoq um 1,3 Grad Celsius gestiegen, die Wachstumsperiode verlängerte sich um zwei Wochen auf 120 Tage - und immerhin bekommen Pflanzen um den 60 Breitengrad herum im kurzen Sommer bis zu 20 Sonnenstunden täglich ab.
Die Kehrseite ist, dass Grönlands Einwohner wohl von den Traditionen ihrer Ahnen Abschied nehmen müssen. "Jagen wird immer schwerer", sagte Egede, "im Winter friert der Fjord kaum mehr zu, und die Schneemobile würden einsinken."
Für die Wissenschaft ist Grönland im wahrsten Sinne des Wortes das Treibhaus, in dem sie konzentriert beobachten können, was wohl weiten Landstrichen auf der Erde noch bevorsteht - auch wenn sich das über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinstrecken könnte. "Unser Problem ist nicht dieser langsame Trend, dass es global wärmer wird", sagt AWI-Forscher Lemke. "Unser Problem ist, dass auf diesem Trend das aktuelle Wetter draufsitzt. Wetterextreme werden mit der globalen Erwärmung zunehmen." Und das ist nicht nur für die Bewohner Grönlands, sondern weltweit von Bedeutung.
stx
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