Von Jan-Philipp Hein und Markus Becker
"Schlechte Argumente bekämpft man am besten, indem man ihre Darlegung nicht stört." Dieser Aphorismus wird dem englischen Schauspieler Alec Guinness zugeschrieben. Stefan Rahmstorf geht anders vor. Wenn ein Journalist sich mit dem Klimawandel befasst und Argumente bringt, die Rahmstorf schlecht findet, kann es schonmal Stunk geben. Der Professor vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) schreibt dann Briefe. Allerdings nicht an die Autoren, sondern gleich an die zuständigen Chefredakteure oder Ressortleiter.
Rahmstorfs Schreiben sind wuchtig, der Verfasser ist nicht nur Mitglied des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen), sondern auch noch im Weltklimarat (IPCC) der Vereinten Nationen und damit einer der Autoren des Berichts des Gremiums, der apokalyptische Schlagzeilen nach sich zog. Rahmstorf gilt als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Stimmen Deutschlands zum Klimawandel. Kaum einer kommt an ihm vorbei, kaum jemand wird so oft zitiert wie er. Seine Thesen gelten als richtig, sein Laden als das Referenzinstitut für das gesellschaftliche Leitthema Klimawandel.
Dass Menschen für den Klimawandel entscheidend mitverantwortlich sind, bezweifelt fast niemand mehr. Doch damit hört der Konsens in der Wissenschaft schon auf. In welchem Umfang und mit welchen Folgen sich das Klima genau verändern wird, ist heftig umstritten - und wenn Wissenschaftsjournalisten über diese Unsicherheiten berichten, kann es Streit geben. Vor wenigen Tagen bekam Rahmstorf im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" eine ganze Seite, um nicht nur die "FAZ" selbst, sondern auch einzelne Journalisten abzuwatschen. Darunter "Cicero"-Chefredakteur Wolfram Weimer, "Welt"-Kolumnist Dirk Maxeiner und der Filmemacher Günter Ederer. Titel der Philippika: " Deutsche Medien betreiben Desinformation".
Briefe an die Chefs
Nicht nur die betroffenen Journalisten sehen in der Kampfschrift den Höhepunkt des Rahmstorfschen Kreuzzugs. Ihre Antwort, für die sie von der "FAZ" eine Drittelseite bekamen, liest sich entsprechend. Zynisch reagieren auch Autoren und Journalisten, die von Rahmstorf nicht bedacht wurden, etwa Burkhard Müller-Ullrich: "Ich bin ein bisschen sauer, dass Herr Rahmstorf nicht auch mich an den Frankfurter Pranger stellt", schrieb Müller-Ullrich im Online-Forum der "FAZ".
Andere finden das längst nicht mehr witzig. Wie zum Beispiel der Münchner Wissenschaftler Josef Reichholf, der jüngst in einem umstrittenen Beitrag des ARD-Magazins "Report München" auftauchte. Der Film von Günter Ederer, der als "Aufklärung" über die Klimahysterie angekündigt wurde, gab unter anderem dem US-Forscher Fred Singer die Gelegenheit, seine altbekannten Thesen zu verbreiten. Singer wurde dem Zuschauer als renommierter Klimaforscher vorgestellt. Unerwähnt blieb, dass er jahrelang Geld von Ölkonzernen bekam und früher die Existenz des Klimawandels ebenso bestritt wie den Zusammenhang zwischen FCKW und dem Ozonloch.
Qualitätssicherung oder verkappter Zensurversuch?
Auch Reichholf, der wie Ederer zu den Unterzeichern der Replik an Rahmstorf zählt, kam in dem Beitrag als Experte zu Wort. Reichholf - Leiter der Wirbeltier-Abteilung der Zoologischen Staatssammlung München - sagte vor der Kamera, die gängigen Klimaszenarien für Mitteleuropa seien Unsinn. Das hatte Konsequenzen. Ederer: "Ein mit Leidensmine geschriebener Brief erreichte den Bayerischen Rundfunk." Rahmstorf habe versucht, die Redaktion einzuschüchtern.
Auch die Technische Universität München, an der Reichholf Naturschutz und Gewässerökologie lehrt, bekam Post. Rahmstorf wandte sich an den Ombudsmann "mit der Bitte, mindestens zwei Fälle von möglichen Verstößen (Reichholfs) gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis an Ihrer Hochschule zu prüfen". Dabei ging es um Grafiken in Büchern, die – so Reichholf – weder mit Rahmstorf noch etwas mit der TU München zu tun hatten. "Ich kann das nur so verstehen, dass Herr Rahmstorf mir persönlich schaden will", sagte Reichholf im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
In seinem "FAZ"-Aufsatz fordert Rahmstorf eine "journalistische Qualitätssicherung", um sicherzustellen, dass Beiträge dem Stand der Wissenschaft entsprechen. Für Reichholf ist das ein verkappter Zensurversuch: "Der Stand der Wissenschaft ist fließend. Es gibt das Prinzip der Selbstkorrektur." Wenn man sich dem entziehen wolle, gebe man Glaubensbekenntnisse ab. Das sei "Dogmatismus". Die Forderung Rahmstorfs richte sich gegen die Freiheit der Medien und der Wissenschaft.
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