London - Selten dürfte ein Gerichtsurteil so unterschiedlich interpretiert worden sein wie dieses. "Al Gores unbequemer Richterspruch", titelte die Londoner "Times" - und fügte süffisant hinzu, der Film sei "übersät mit neun unbequemen Unwahrheiten". Der "Guardian" traf den Kern dagegen genauer: "Klimawandelfilm soll in den Klassenräumen bleiben", hieß es. Der Kläger - ein Vater zweier Kinder aus der Grafschaft Kent - sei mit dem Versuch, Gores Klimawandelfilm aus den Klassenräumen des Landes zu verbannen, gescheitert.
Der Lastwagenfahrer Stewart Dimmock, Vater zweier Kinder und als "School Governor" so etwas wie ein Elternbeirat, war gegen Gores oscarprämierten Klimawandelfilm vor Gericht gezogen. Der Streifen wird derzeit an mehr als 3500 Schulen in England, Schottland und Wales als Unterrichtsmaterial verteilt. Damit setze die Regierung die Schüler einer "Gehirnwäsche" und politischer Indoktrinierung aus, lautete Dimmocks Vorwurf. Man dürfe den Film deshalb grundsätzlich nicht an Schulen zeigen.
Richter Justice Burton vom Londoner High Court erteilte dieser Forderung jetzt eine klare Absage. Der britische Schulminister Ed Balls werde in den Klassenräumen nicht widerrechtlich "parteipolitische Ansichten" verbreiten, wenn er Gores "weitgehend korrekten" Film zeigen lasse. Die Lehrer müssen ihre Schüler lediglich auf insgesamt neun inhaltliche Fehler aufmerksam machen, die der Film laut Burton enthalte:
Zwar bekommt Gore die inhaltlichen Fehler und Unschärfen in seinem Film nun erstmals richterlich vorgelegt. Doch neu ist an ihnen kaum etwas. Seit der Film 2006 erschienen ist, und erst Recht nach dessen Oscarauszeichnung haben sich Heerscharen von Wissenschaftlern, Umweltschützern und Klimawandelskeptikern über den Streifen hergemacht und ihn aus allen Winkeln beleuchtet. Dabei tauchten kleinere Fehler und Unschärfen auf, doch die meisten Experten bescheinigten Gore, die Faktenlage im Großen und Ganzen korrekt dargestellt zu haben.
Einige der Fehler, die Burton in dem Film fand, sind zudem kaum Gore selbst vorzuwerfen – es sei denn, man erwartet von dem US-Politiker mehr als von den Wissenschaftlern. Dass etwa der Klimawandel den Golfstrom gefährden könnte, war bis vor kurzem eine selbst von prominenten Forschern vertretene Meinung, die erst in den vergangenen Monaten weitgehend revidiert wurde. Anderes – wie etwa der Zusammenhang zwischen Hurrikanen und der Erwärmung – ist derzeit Gegenstand angeregter Fachdebatten.
Urteil passt zu bisherigen Meinungen
Burtons Urteil steht deshalb in keinerlei Widerspruch zu den bisherigen Urteilen über den Film. Denn der enthält laut Burton neben den neun Fehlern vier Haupthypothesen – "und jede einzelne ist sehr gut abgesichert durch die Forschungsergebnisse, die in respektierten Fachblättern veröffentlicht wurden und mit den jüngsten Schlussfolgerungen des IPCC übereinstimmen". Er betonte ausdrücklich, dass er mit dem inhaltlichen Kern von Gores Film voll übereinstimme - nämlich "dass der Klimawandel hauptsächlich auf den Ausstoß von Kohlendioxid, Methan und Stickoxid durch den Menschen zurückzuführen ist".
Die anderen drei zutreffenden Hypothesen seien, dass die Temperaturen künftig wahrscheinlich weiter steigen, der Klimawandel ohne Gegenmaßnahmen ernsthaften Schaden anrichten werde und dass es für Regierungen und Einzelpersonen absolut möglich sei, die Folgen des Klimawandels zu lindern.
Die Anwälte von Kläger Stewart Dimmock sprachen unverdrossen von einem "meilensteinartigen Sieg". Auch Dimmock selbst stellte sich als Gewinner dar. "Hätte ich diesen Fall nicht vor Gericht gebracht, würde unser Nachwuchs noch immer indoktriniert werden." Burton bemühte sich derweil um einen salomonischen Richterspruch: Er erstattete Dimmock zwei Drittel seiner Anwaltskosten, die britischen Medien zufolge rund 200.000 Pfund – fast 290.000 Euro – betragen. Denn immerhin hätte der Film laut Burton gegen die gesetzliche Regelung verstoßen, dass politische Ansichten im Unterricht nicht einseitig dargestellt werden dürfen – und erst die jetzt von ihm vorgeschriebenen Hinweise hätten das verhindert.
mbe
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