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12.12.2007
 

Rede vor Geowissenschaftlern

Wie Bushs Wissenschaftsberater die Erderwärmung erklärt

Aus San Francisco berichtet Holger Dambeck

In Bali ringen die Nationen um eine Übereinkunft zum Klimaschutz, in San Francisco diskutieren Tausende Geoforscher die Erderwärmung. Ein Redner bei der Konferenz präsentierte eine etwas andere Sichtweise: Der Wissenschaftsberater von George W. Bush.

John Marburger betritt die Bühne. Es ist ein gewagter Auftritt, denn der wissenschaftliche Berater von US-Präsident George W. Bush spricht auf dem Herbsttreffen der American Geophysical Union (AGU) in San Francisco. Der Klimawandel ist das Topthema auf dem fünftägigen Treffen, an dem nach Schätzungen insgesamt 15.000 Wissenschaftler teilnehmen. In Hunderten Vorträgen geht es um die teils dramatischen Folgen der Erderwärmung - und nun will Marburger den Wissenschaftlern erklären, warum die US-Regierung in Sachen Klimawandel eigentlich alles richtig macht.

John Marburger: "Der Klimawandel ist nicht die einzige Gefahr für die Menschheit"
SPIEGEL ONLINE

John Marburger: "Der Klimawandel ist nicht die einzige Gefahr für die Menschheit"

"Es ist sehr schwer in diesen Tagen, vernünftig über den Klimawandel zu diskutieren", sagt Marburger, "mit Wissenschaftlern geht das immer noch am besten". Der Direktor des Office of Science and Technology Policy im Weißen Haus will erst mal gut Wetter machen. Dann beklagt er, dass die Dinge in den Medien vereinfacht dargestellt, Theorien als Fakten und Meinungen als Wissenschaft verkauft würden. "Die Wissenschaft hat eine Menge Glaubwürdigkeit in dieser Diskussion verloren."

Marburger stellt den menschlichen Einfluss auf das Klima nicht in Frage - doch er versucht, ihn zu relativieren: "Der Klimawandel ist nicht die einzige Gefahr für die Menschheit, denken Sie nur an die Überbevölkerung." Gleichzeitig warnt er vor - in seinen Augen - voreiligen Schlüssen: "Was die Abschätzung der Folgen des Klimawandels betrifft, gibt es noch viele Unsicherheiten, etwa die Wirkung von Aerosolen oder der genaue Anstieg des Meeresspiegels." Die jüngst veröffentlichte Zusammenfassung der IPCC-Berichte geißelt er als "undifferenziert". "Lesen Sie die Originalberichte, die sind wirklich gut", empfiehlt Marburger den Versammelten.

Unverständnis und Angst

Immer wieder schütteln Zuhörer im Saal den Kopf, mancher kann sich das Lachen kaum verkneifen über das, was der Mann hier verkündet, der Bushs Wissenschaftsexperte ist. "Die Gletscher erzählen uns eine ganz andere Geschichte über den Klimawandel", sagt eine Wissenschaftlerin, die in einer US-Behörde forscht und aus Angst vor Repressalien ihren Namen nicht nennen will.

Vor allem Marburgers Appell an die Wissenschaftler, doch die Unsicherheiten in ihren Prognosen nicht unter den Tisch fallen zu lassen, sorgt für Unmut. Ben Santer vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien hat kein Verständnis für Marburgers Argumentation: "Das ist absurd. Man kann sich nicht immer hinter den Unsicherheiten der Wissenschaft verstecken", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Glücklicherweise ist er nicht mehr lange im Amt."

Zweifel an dem von Menschen verursachten Klimawandel hält Santer für vollkommen falsch. "Wir haben unsere gesamte Forscherkarriere investiert, um den Einfluss des Menschen auf das Klima zu untersuchen. Wir wissen, dass der Mensch für den Hauptanteil der Erderwärmung verantwortlich ist."

Santer hat gemeinsam mit Kollegen den Wasserhaushalt des Westens der USA der letzten 50 Jahre untersucht. Die auf der Konferenz vorgestellten Ergebnisse sind eindeutig: Schon jetzt fallen im Winter in den Rocky Mountains mehr Niederschläge als Regen denn als Schnee - entsprechend niedriger ist die Schneedecke. Schon jetzt schmilzt der Schnee nachweisbar früher als noch vor 50 Jahren, und auch die Temperaturkurve der letzten 50 Jahre hat einen eindeutigen Trend: nach oben.

"Wir müssen handeln"

"Der Mensch ist für diese Veränderungen verantwortlich, und nicht etwa natürliche Schwankungen", sagt Santers Kollege Tim Barnett von der University of California in San Diego. In aufwendigen Modellrechnungen habe man dies nun zeigen können. "Wie auch immer wir die Daten angefasst haben, der Einfluss des Menschen war immer nachweisbar. Wir haben keine Zweifel", betont Barnett, "wir müssen handeln".

Bush-Berater Marburger ist in diesem Punkt sogar prinzipiell auf einer Linie mit Forschern wie Barnett oder Santer. Doch unter Handeln versteht er etwas anderes. "Derzeit wird vor allem diskutiert, wie man den Klimawandel verhindern oder abschwächen kann", sagt Marburger. Dabei seien Strategien zur Anpassung an die Erderwärmung mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, weil sie das Leben der Menschen heute und in den nächsten Jahren verbessern könnten. Maßnahmen zur Verhinderung des Klimawandels würden hingegen erst langfristig Ergebnisse zeigen. "Wir werden eine Erderwärmung bekommen", sagt Marburger, "wir erleben sie sogar schon heute".

Experiment mit dem Klima

Es sei nicht sinnvoll, aufstrebenden Ländern wie China oder Indien Emissionsgrenzen aufzuzwingen. "Die Menschen wollen ihr Leben verbessern", das könne man ihnen nicht verweigern. Und dann erklärt Marburger, warum seiner Meinung nach auch die USA ihren CO2-Ausstoß nicht drastisch reduzieren können: "Die Kosten sind sehr hoch. Wir können nicht ignorieren, dass es einen ökonomischen Wettbewerb gibt." Man könne nicht einfach Kraftwerke abschalten. "Ohne Strom funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Die Energiebranche ist der wichtigste Wirtschaftszweig der Welt." Der denkbare Handel mit Emissionsrechten oder die Chancen klimafreundlicher Technologien - in der Rede des Bush-Beraters kommen sie nicht vor.

Tausende US-Forscher, die in San Francisco über abschmelzende Gletscher, drohende Dürren und Temperaturkurven diskutieren, sehen die Welt mit etwas anderen Augen als die Strategen im Weißen Haus. "Wir machen derzeit ein Experiment, das wir nicht unter Kontrolle haben", lautet die nüchterne Analyse der Situation Thomas Painters von der University of Utah, der die Veränderungen bei Schnee und Gletschern in Gebirge untersucht. "Dieses Experiment könnte desaströse Folgen haben, für manche hat es sie schon heute." Reduktionen des CO2-Ausstoßes sind für den Assistenzprofessor deshalb unumgänglich. "Wir müssen versuchen, unseren Einfluss auf das System Erde zu vermindern."

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