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20.01.2008
 

Vulkane auf Indonesien

Die Throne der zürnenden Götter

Sengende Lava, erstickender Schlamm oder ein Tsunami - 129 aktive Vulkane sorgen auf Indonesien immer wieder für verheerende Katastrophen. Menschen droht ständige Todesgefahr, aber die feuerspeienden Berge schaffen auch Leben.

Doch Udi, ein 60-jähriger Bauer aus dem Dorf Kinarejo auf der indonesischen Insel Java, rührt sich nicht. Und das, obwohl Kinarejo nur viereinhalb Kilometer vom schwelenden Gipfel des Merapi entfernt ist. Obwohl Säulen austretender giftiger Gase und zitternde Seismografen einen kurz bevorstehenden Ausbruch ankündigen. Und obwohl die Regierung die vollständige Evakuierung angeordnet hat. "Ich fühle mich hier sicher", sagt Udi. "Solang der Hüter bleibt, bleib ich auch."

Der Merapi ist ein Killer. Fast 3000 Meter erhebt sich der "Feuerberg" über Wälder und Felder. Er gehört zu den aktivsten und gefährlichsten Vulkanen der Welt. 1930 kamen bei einem Ausbruch mehr als 1300 Menschen ums Leben. Selbst in weniger gefährlichen Zeiten steigen Rauchfahnen drohend aus dem Gipfel. Ein Teil der Umgebung, heißt es auf einer lokalen Karte der Gefahrenzonen, "wird immer wieder von pyroklastischen Auswürfen, Lavaströmen, Steinschlägen, toxischen Gasen und herausgeschleuderten glühenden Gesteinsbrocken heimgesucht ". Als im Mai 2006 das Grollen des Vulkans anschwillt, fliehen Tausende von seinen fruchtbaren Hängen und ziehen widerwillig in provisorische Camps in tiefer gelegenen, weniger gefährdeten Lagen. Sogar die Affen strömen scharenweise bergab.

Nicht so Udi und die anderen Dorfbewohner. Sie warten auf das Losungswort eines Mannes in den Achtzigern mit strahlendem Gebiss und einer Vorliebe für Mentholzigaretten. Mbah Marijan, der Hüter des Merapi, bekleidet einen der wohl seltsamsten Posten im Land. Das Schicksal von Dorfbewohnern wie Udi sowie der 500.000 Einwohner von Yogyakarta, einer Stadt 32 Kilometer weiter südlich, ruht auf seinen schmalen Schultern.Marijan ist für die Rituale zuständig, die das Ungeheuer, das der Legende nach im Gipfel des Merapi haust, besänftigen sollen. Aber diesmal reichen sie wohl nicht aus. Die Warnungen werden dringlicher. Vulkanologen, Militärs, ja sogar Indonesiens Vizepräsident bitten Marijan, der Evakuierung zuzustimmen. Doch er weigert sich. "Es ist eure Pflicht, mit mir zu reden", sagt er zur Polizei. "Und meine Pflicht ist es zu bleiben."

Marijans Verhalten würde andernorts vielleicht selbstmörderisch erscheinen, nicht jedoch in Indonesien. Der Archipel aus 17.500 Inseln bildet den westlichen Ausläufer des hyperaktiven Pazifischen Feuerrings. Diese Zone gewaltiger geophysikalischer Kräfte, in der tektonische Platten aufeinanderstoßen, zieht sich über 40.000 Kilometer hufeisenförmig um den Pazifik.

Nirgendwo sonst leben so viele Menschen so nahe bei so vielen aktiven Vulkanen - 129 nach einer Zählung. Allein auf Java leben 120 Millionen im Schatten von mehr als 30 Vulkanen, ein Umstand, der in den vergangenen 500 Jahren mehr als 140.000 Menschen den Tod brachte.

Ein aktiver Vulkan droht mit vielen Gefahren: mit sengender Lava, erstickendem Schlamm oder Tsunamis, denen nicht selten ein Ausbruch folgt. 1883 löste der vor Javas Küste gelegene Krakatau einen Tsunami aus, der 36.000 Menschen das Leben kostete. Sein Name wurde zur Metapher für eine Naturkatastrophe.

Für Marijan ist ein Ausbruch jedoch weniger eine Drohung als vielmehr ein Zeichen für Wachstum. "Das Reich des Merapi wird größer", sagt er und deutet mit einer Kopfbewegung zum rauchenden Gipfel. In Indonesien sind Vulkane nicht nur eine Gefahr, sie schaffen auch Leben. Vulkanasche reichert den Boden an; Bauern auf Java können pro Saison drei Reisernten einfahren. Auf dem benachbarten Borneo mit nur einem Vulkan ist das nicht möglich.

Weniger irdisch betrachtet, bilden Vulkane den Mittelpunkt mystischer Überzeugungen, die Millionen von Indonesiern in ihrem Bann halten und Ereignisse auf unvorhersagbare Weise beeinflussen. Die Vulkangipfel ziehen Gurus und Pilger an. Ausbrüche verheißen politische und soziale Umwälzungen.Man könnte sagen, für Indonesien sind Vulkane die Schmelztiegel, in denen sich Weltanschauungen und Religionen - vom Mystizismus bis zum Islam - vereinen. Das Land, durch eine Vielzahl von Ethnien und Sprachen geprägt, wird von Vulkanen zusammengehalten. Die Achtung vor ihnen ist geradezu ein nationaler Charakterzug.

Während das Zentrum für Vulkanologie, eine staatliche Behörde, die acht seismografische Stationen auf dem Merapi unterhält, die moderne Naturwissenschaft repräsentiert, steht Marijan, der Hüter des Vulkans, für das mystische Indonesien. Als ein holländischer Radfahrer 1996 auf dem Vulkan vermisst wurde, ließ Marijan angeblich den dichten Nebel verschwinden und fand den verletzten Ausflügler in einer Schlucht. Es ist nicht immer leicht, die vulkanischen Zuckungen, die sich zu einem Erdstoß steigern, von der seismischen Unruhe, die sich wieder legt, zu unterscheiden. Die Kontrollmechanismen wurden jedoch immer mehr verfeinert. Über Nacht haben die staatlichen Vulkanologen die höchste Warnstufe ausgerufen: Jeden Moment könne der Lavadom einstürzen.

Marijan bleibt unbeeindruckt. Schließlich beruhten die Warnungen nur auf Vermutungen von Männern, die dem Geist des Vulkans gänzlich fernstehen. Ein Einsturz des Lavadoms? "Das sagen grad die Richtigen", meint er lächelnd.

Indonesiens Motto "Bhinneka tunggal ika" - "Einheit in der Vielfalt" - bezieht sich auf etwa 300 Ethnien und mehr als 700 Sprachen und Dialekte. Sechs Religionen sind staatlich anerkannt: Islam, Katholizismus, Protestantismus, Buddhismus, Hinduismus und Konfuzianismus. Doch der Mystizismus durchdringt sie alle und legt ihre animistischen Wurzeln frei. Sumatra, die große Insel nordwestlich von Java, ist die Heimat der Batak, die im 19. Jahrhundert von europäischen Missionaren zum Christentum bekehrt wurden.Viele von ihnen glauben, dass der erste Mensch an einem Bambusstab vom Himmel auf den Pusuk Buhit, einen aktiven Vulkan am Ufer des Tobasees, herabgestiegen sei. Die hinduistischen Tengger, die im Osten Javas in der Umgebung des Bromo leben, klettern regelmäßig durch erstickende Schwefelwolken auf den Berg, um Geld, Gemüse, Hühner und gelegentlich auch eine Ziege in den Krater zu werfen. Auf Flores begraben die Nage, katholischen Glaubens wie die meisten Menschen auf der Insel, ihre Verstorbenen mit dem Kopf Richtung Ebulobo - eines Vulkans, dessen Kegel den südlichen Horizont beherrscht.

Nicht weniger heilig sind die Vulkane auf Bali mit seiner vorwiegend hinduistischen Bevölkerung. Besonders verehrt wird der mehr als 3000 Meter hohe Agung. Es heißt, ein Balinese finde ihn auch mit verbundenen Augen. Viele Menschen schlafen mit dem Kopf Richtung Vulkan.

1963 fielen 1000 Menschen einem grauenvollen Ausbruch des Agung zum Opfer.Weitere verhungerten, nachdem Aschenregen ihre Ernten begraben hatten. Doch was einst als göttlicher Zorn gesehen wurde, betrachtet man heute als Geschenk. Aus Stein und Sand, die durch den Ausbruch hochgeschleudert wurden, baute man Ferienanlagen und Restaurants für die Ausländer, die seit den siebziger Jahren in Scharen kommen. Trotz der Attentate islamischer Terroristen in den Jahren 2002 und 2005, bei denen mehr als 220 Menschen ums leben kam, ist der Tourismus weiterhin Balis wichtigster Wirtschaftszweig.

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