Von Inga Richter
Mitte Februar, Sonnenschein, satte zehn Grad im Plus. Menschen scharen sich vor Eiscafes, Familien radeln durch die Gegend - nur die Briten liegen in ihren Gärten auf der Lauer. Etwa 50.000 Naturfreunde sind es, die genau protokollieren, wann die ersten Osterglocken blühen, Sträucher ihre Knospen entfalten und die ersten Wespen, Frösche und Raben auftauchen.
1998 rief Tim Sparks vom UK Phenology Network das "Nature's Calendar Project" ins Leben, um die Spuren des Treibhauseffektes vor der eigenen Tür sichtbar zu machen. Seitdem datiert eine stetig wachsende Fangemeinde die Startsignale von Frühling und Herbst. Wie man die Blaumeise von der Kohlmeise unterscheidet oder Schlehdorn von Rotdorn, das lernen die Teilnehmer durch bebilderte Beschreibungen der typischen Arten. Zusätzliche Anleitungen gewährleisten die Vergleichbarkeit; beispielsweise sollen nur alte Bäume in Betracht gezogen werden und nur die Früchte von unbeschnittenen Sträuchern. Im Zweifelsfall gilt "if in doubt, leave it out". "Die Datenbank umfasst über 2.000.000 Aufzeichnungen", sagte Sparks SPIEGEL ONLINE. Diese würden mit historischen Daten verglichen und ins Verhältnis zu den Temperaturen gesetzt, erläutert der Forscher. Die ältesten Aufzeichnungen dieser Art stammen aus dem Jahr 1684.
Die bislang rekordverdächtigsten Beobachtungen liefert der jüngste Bericht. Doktor Kate Lewsthwaite, Koordinatorin des Projektes, stellt fest: "Der britische Frühling explodiert einen vollen Monat vor dem offiziellen Ende des Winters." Denn das Netzwerk meldete bereits Anfang Februar Marienkäfer, Schmetterlinge und nistende Blaumeisen - Leben, das normalerweise erst im März aus der Winterpause erwacht. Beweise, so Lewsthwaite, "dass sich die Dinge ändern". Fakten, die Politik und Bevölkerung hinsichtlich der Treibhausgasemissionen einheizen sollen.
Vögel üben die größte Faszination aus
Doch nicht nur die Dokumentation des Klimawandels braucht helfende Hände, sondern auch der Naturschutz. Fisch- und Pflanzenbestände sind ein Indikator für den Verschmutzungsgrad von Gewässern und Landschaft, der Rückgang von Vögeln und Säugetieren zeugt von verschlechterten Lebensbedingungen. Weltweit verzeichnen Bürger solche Trends und greifen so dem Naturschutz unter die Arme.
Dabei übt die Vogelwelt offenbar die größte Faszination aus. Hans Ulrich Rösner vom World Wildlife Fund (WWF) erklärt SPIEGEL ONLINE: "Das, was Menschen dazu bringt, im Naturschutz mitzumachen, sind überwiegend Vögel." Im Gegensatz zu Igel oder Eichhörnchen sind sie stets sichtbar. "Auch im letzten Garten gibt es irgendwo eine Amsel", sagt Rösner. Laut Informationen der Staatlichen Vogelschutzwarte kurbelte der vor 40 Jahren keimende Vogelschutzgedanke das Thema Naturschutz überhaupt erst an.
Nach den ersten Zählungen von Gänsen und Enten, so Rösner, gesellten sich bald Brutvogelkartierungen hinzu. Eines dieser Projekte nennt sich Adebar (Atlas deutscher Brutvogelarten), durchgeführt von dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) und der Stiftung Vogelmonitoring. Alljährlich melden sich tausende Ehrenamtliche, die jeweils eine Fläche von 18 Fußballfeldern nach Nistplätzen durchforsten. Auf Messtischblättern wird akribisch jedes Brutpaar vermerkt. Der Zeitaufwand für einen Hobby-Ornithologen ist nicht unerheblich: 80 bis 120 Stunden. Ein Einsatz, der den DDA veranlasste, die Motivation der Beteiligten zu ergründen. Die Umfrage ergab einen einfachen, aber wirkungsvollen Grund: Spaß an der Sache. Auch das Erweitern der Kenntnisse spiele eine große Rolle. Zudem sind die meisten auch lange bei der Sache: Über die Hälfte der Ehrenamtlichen waren bereits mehr als zehn Jahre aktiv.
Hobbyforscher-Daten beeinflussten IPCC-Bericht
So wie der ehemalige Gymnasiallehrer Klaus Gerdes. "Seit über 60 Jahren" habe er sich der Ornithologie verschrieben, erzählt er SPIEGEL ONLINE. Heute leitet der Vogelkundler Zählungen. Unentgeltlich. Einmal im Monat trifft er sich mit Gleichgesinnten, um Wasservögel zu beobachten. Zur genauen Identifizierung sind teure Gerätschaften notwendig, Ferngläser und gute Spektive mit 30 bis 60-facher Vergrößerung.
Seine Berichte werden von der Vogelschutzwarte ausgewertet. Es sei wichtig, die Zu- oder Abnahme der Populationen zu dokumentieren, "um den Wert des Gebietes zu unterstreichen", sagt Gerdes. Die Zählerei an sich habe zwar mit dem Naturschutz nicht viel zu tun, aber es sei die Grundlage.
Dass Naturschutz nicht nur aus Zählen besteht, beweisen neben unzähligen anderen Aktivisten auch die Bewacher von Seeadlerhorsten. "Die Leute sitzen über zwei Wochen in einem Bauwagen, verbringen dort ihren Urlaub und gucken, dass die Horste ungestört bleiben", so der WWF-Experte Rösner. "Naturschutz basiert darauf, dass ganz viele Leute freiwillig etwas tun."
Keine fruchtlose Arbeit, wie das Nature's Calendar Project demonstriert: Die Forscher Menzel und Sparks fertigten aus den Resultaten des Programms eine Metaanalyse, die laut Sparks, "schwerwiegenden Einfluss auf die Stellungnahmen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zum Klimawandel hatte".
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