Von Bernhard Thierry
Denken, Verstand, Vernunft, Intelligenz, Bewusstsein – für die letztlich nicht fassbaren kognitiven Phänomene haben wir viele Wörter. Wohl ebenso viele wissenschaftliche Deutungsansätze mag es schon dazu gegeben haben, ob Tiere gleiche geistige Fähigkeiten besitzen wie der Mensch.
Man braucht gar nicht bis zu Descartes zurückzugehen, der Tiere für belebte Maschinen hielt. Vor weniger als hundert Jahren behaupteten kluge Köpfe, ohne Sprache gäbe es kein Denken. Auch dieser Standpunkt gilt heute dank einer Revolution in den Kognitionswissenschaften als obsolet. In den letzten Jahrzehnten trugen Tierforscher viele erstaunliche Beobachtungen zu den geistigen Leistungen unserer Mitgeschöpfe zusammen. Besonders bei den Primaten fanden sie reichlich Anzeichen für Geisteszustände, die Gedanken oder Vorstellungen beinhalten. Tiere, die so etwas hervorbringen, machen sich ein Bild von der Welt, das ist unbestreitbar.
Aber wie weit reicht ihr Verstand? Lassen sie sich bei Verhaltensentscheidungen von Vernunft leiten, von rationaler Überlegung? Heutige Forscher versuchen zu ergründen, was die Tier- und die Menschenaffen in dieser Hinsicht können. Die Frage ist, ob das Tier eine Aufgabe anders löst, als indem es schrittweise zum Ziel kommt. Kann sich ein Affe einen Plan zurechtlegen? Vermag er Wirkungen auf Ursachen zurückzuführen? Ist er dazu fähig, einem Artgenossen eine Absicht zu unterstellen?
Solche Themen berühren unmittelbar uns selbst, die Natur des Menschen, charakterisierte doch schon Aristoteles den Menschen im Unterschied zu dessen Mitgeschöpfen als "vernunftbegabtes Tier", als "Vernunftwesen". Gilt diese Abgrenzung noch? Im Folgenden schildere ich eine Reihe experimenteller Studien, die ergeben, dass einige nichtmenschliche Primaten tatsächlich im Stande sind, logisch zu denken, künftige eigene Bedürfnisse vorherzusehen und Intentionen anderer zu verstehen – allerdings in Grenzen.
Kann ein Affe über etwas nachdenken, das er nicht sieht? In Leipzig prüfen dies Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Zoo an Menschenaffen. Der Psychologe Josep Call etwa führt unter den Augen der Zoobesucher Experimente mit Schimpansen und Gorillas durch. Beispielsweise zeigt er einem Tier zwei undurchsichtige Behälter, von denen es einen auswählen darf. Das Tier weiß: Nur einer enthält einen Leckerbissen. Dann schüttelt der Forscher eines der beiden Gefäße. Sofern dabei ein Geräusch zu hören ist, wählt der Affe – richtig – dieses Gefäß. Bleibt alles still, kommt es zwar auch vor, dass er das geschüttelte Behältnis haben möchte. Doch meistens entscheidet er sich für das andere. Demnach können diese Menschenaffen aus fehlenden Indizien Schlüsse ziehen – schlussfolgerndes Denken durch Ausschluss.
Wenn ein Tier eine Aufgabe löst, ist stets die Frage, ob ihm das durch Versuch und Irrtum gelang – auch indem es aus Fehlern lernte und sie korrigierte –, oder ob es vorher darüber nachgedacht, sich die Sache überlegt hat. Im ersten Fall würde das Tier lediglich zwischen Objekten oder Ereignissen Verbindungen bemerken, Muster, an denen es sein Verhalten ausrichtet. Es würde etwas ausprobieren und so dem Ziel in kleinen Schritten näherkommen. Im zweiten Fall hätte es Kategorien oder Eigenschaften erkannt und solche Abstrakta aufeinander bezogen. Es hätte sich eine Vorstellung gemacht und Schlussfolgerungen durchgeführt. Allgemeiner gesagt: Das Tier bewertet eine Information als gültig, weil sie mit einer anderen verknüpft ist, von deren Wahrheitsgehalt oder Stimmigkeit es schon vorher überzeugt war.
Wie Affen damit umgehen, versuchen Forscher anhand künstlicher Situationen zu ergründen, in denen ein entscheidendes Element gerade nicht vorhanden ist, das zur Lösung der Situation aber benötigt würde. Mit solchen Versuchsaufbauten lässt sich erproben, ob ein Affe das Ausschlussverfahren anwendet, ob er sich die Position eines versteckten Gegenstands vorstellt oder auch, ob er die Transitivitätsregel benutzt (das Prinzip: Wenn B aus A folgt und C aus B, dann folgt C aus A).
Kausalwirkung eines Messers
Weiterhin kann man mit raffinierten Tests prüfen, ob es Menschenaffen gelingt, vorausschauend zu handeln – aktuell nicht gegebene, erst in Zukunft eintretende Umstände zu berücksichtigen. Das Team von Call versuchte das mit Orang-Utans. Die Affen lernten zum Beispiel, sich mit Hilfe eines bestimmten Werkzeugs eine Belohnung zu verschaffen. So konnten sie mit einem Stock mit gekrümmtem Griff eine Flasche Saft angeln. Als sie später wieder in denselben Raum durften, gab es dort keinen Saft. Nur verschiedene Geräte lagen herum, darunter auch wieder ein solcher Stock. Kurz darauf wurde der Orang-Utan in einen anderen Raum gelockt. Als er nach einer Stunde in den Versuchsraum zurückkam, waren die Geräte verschwunden, dafür hing jetzt die Saftflasche unerreichbar an der Decke.
Würden die Affen beim nächsten Mal auf die Idee kommen, das passende Werkzeug mit aus dem Raum zu nehmen und nachher wieder mitzubringen? Wie sich zeigte, gelang es allen getesteten Tieren, sich mit dieser Situation zu arrangieren, also in die Zukunft zu planen. Einzelne der Orang-Utans bewältigten die Situation auch dann noch, wenn eine Nacht dazwischen lag. Offenbar vermochten sie sich in den nächsten – oder vergangenen – Tag hineinzuversetzen. Das hatten Forscher eigentlich nur dem Menschen zugetraut.
Wenn Menschenaffen – oder auch andere Affen – vorausschauend denken, müsste das zumindest bedeuten, dass sie Ereignisketten erfassen. Aber erkennen sie auch Ursache-Wirkungs-Beziehungen? Eine Forschergruppe um Marc Hauser von der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) hat dies an den halb frei lebenden Rhesusaffen auf der kleinen Karibikinsel Cayo Santiago untersucht.
Die Frage war, ob diese Makaken die Kausalwirkung eines Werkzeugs begreifen, zum Beispiel die eines Messers. Also zeigte der Experimentator dem Affen erst einen Apfel und versteckte ihn dann hinter einer Abschirmung. Kurz darauf nahm er den Schirm weg – jetzt lagen da zwei Apfelhälften. Und schließlich ergriff er ein Messer, das auch hinter der Wand gelegen hatte, um es dem Versuchstier vorzuweisen.
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