Von Angelika Franz
Des Rätsels Lösung liegt im spitzen Anflugwinkel des Asteroiden, behaupten Hempsell und Bond. Das Objekt kam aus dem Süden und rasierte geradewegs den Gipfel des Gamskogel ab. Dabei explodierte der Brocken und wurde zu einem gigantischen Feuerball mit einem Durchmesser von fünf Kilometern. Die Höllenwalze rollte ins Tal, schmolz den Stein, hinterließ jedoch sonst keine nennenswerten Spuren für die Ewigkeit. Oder fast keine. Denn möglicherweise gibt es doch einige Sekundärkrater, in den Boden gerissen von umherschleudernden Gesteinsbrocken der Bergspitze. Die aber sind zum Leidwesen von Hempsell und Bond zwischen den Bodenmustern eiszeitlicher Gletscher nur sehr schwer auszumachen.
Die beiden Wissenschaftler wissen, dass sie sich mit einer Interpretation geologischer Formationen hier auf sehr dünnem Eis bewegen. "Eines Tages müsste mal jemand – und das werden definitiv nicht wir sein – sorgfältig die verschiedenen Krater in Asteroidenkrater und Gletscherkrater sortieren", schreiben sie sich auf ihrer Homepage. "Wenn Sie also mit Google Earth in der Gegend von Köfels einen runden Krater entdecken, freuen Sie sich nicht zu früh. Sie könnten zwar einen Sekundärkrater gefunden haben, viel wahrscheinlicher aber sind Sie auf eine Struktur gestoßen, die einst ein Gletscher in dem Boden grub."
Asteroid als Erklärung für weitere Mythen?
Der Asteroid gehörte zur sogenannten Aten-Gruppe, benannt nach dem ägyptischen Gott Aten (auch Aton) in Gestalt der Sonnenscheibe. Seine Bahn verlief eng an der Umlaufbahn der Erde, deshalb war auch sein Einfallswinkel so spitz. Durch die Hitze der Explosion und das von dem Asteroiden eingebrachte Material hat sich der Boden so verändert, dass eine Datierung des Ereignisses mit herkömmlichen Methoden nicht mehr möglich ist, sagen Hempsell und Bond. Das erkläre die 6000 Jahre Zeitunterschied zwischen dem berechneten Einschlag und der Datierung der Geologen.
Obwohl die Asteroiden der Aten-Gruppe nach dem ägyptischen Gott benannt wurden, lange bevor Hempsell und Bond ihre These aufstellten, könnte der Name kaum passender sein. Denn vielleicht ist die Geschichte von Sodom und Gomorrha nicht die einzige Legende, die der Absturz im Jahr 3123 vor Christus begründete. "Mindestens 20 Mythen aus allen Kulturkreisen kommen als Erklärungsversuch in Frage", sagt Hempsell und verweist auf den junge Phaeton, der den Sonnenwagen seines Vaters Helios auf die Erde stürzen ließ, und den Kampf des Göttervaters Zeus gegen die Titanen.
"Wir denken aber, zu Sodom und Gomorrha passen die tatsächlichen Geschehnisse – die plötzliche Erhitzung des Bodens, die vielen verbrannten Menschen – am besten." Dass die Auswirkungen der Pilzwolke schlimmer waren als die tatsächliche Explosion, liegt nach Meinung der beiden Wissenschaftler daran, dass die umliegenden Hänge der Alpen die Wucht der Detonation auffingen. "Der Feuerball rollte ins Tal und tobte sich dort aus. Die Energie aber entwich nach oben."
Hempsell und Bond haben es allerdings nicht geschafft, ihre Hypothese in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu veröffentlichen. "Unser Aufsatz wurde abgelehnt, weil wir letztendlich zu wenig beweisen können", sagt Hempsell. Also haben die beiden ihre Beobachtungen in einem Buch zusammengetragen. Nachts und am Wochenende haben sie daran geschrieben, denn tagsüber gehen sie nach wie vor ihren richtigen Jobs nach.
Hempsell ist Senior Lecturer der Raumfahrttechnik an der Bristol University. Bond leitet als Managing Director die Firma Reaction Engines, die Raketenabschusssysteme entwickelt. "Jetzt sind wir beide froh, uns wieder voll auf unsere Tagesjobs konzentrieren zu können", erklärt Hempsell. "Aber wir mussten 'A Sumerian Observation of the Köfels' Impact Event' einfach schreiben, weil uns die Sache doch zu wichtig war, um sie weiterhin nur abends im Pub zu diskutieren."
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