ThemaKlimawandelRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
25.04.2008
 

Erderwärmung

Sechs Notoperationen fürs Weltklima

Von Holger Dambeck

Schwefelbomben in der Stratosphäre, künstliche Wolken, Sonnensegel im All: Soll der Mensch direkt in die Atmosphäre eingreifen, um die Erderwärmung zu bekämpfen? Geoengineering ist höchst umstritten. Forscher verlangen jetzt eine unvoreingenommene Analyse von Techniken zur Klimarettung.

Soll jemand, der aus Versehen eine Fliege verschluckt hat, gleich noch eine Spinne hinterher schlucken, die dann die Fliege vertilgt? Ronald Prinn bemüht gern markige Vergleiche, wenn es um Erderwärmung und Geoengineering geht, also gezielte Eingriffe in Atmosphäre oder Ozeane. Der Direktor des Center for Global Change Science am Massachusetts Institute of Technology (MIT) betrachtet Geoengineering mit einer gewissen Skepsis.

Grundsätzlich existieren zwei verschiedene Konzepte: Entweder man verringert die auf der Erde absorbierte Sonneneinstrahlung, etwa mit großen Spiegeln im All, Schwefelpartikeln oder mehr weißen Wolken. Oder aber CO2 wird in großen Mengen aus der Atmosphäre geholt und im Meer oder unterirdischen Speichern versenkt. Der in beiden Fällen erwünschte Effekt: Es wird kühler auf der Erde, die gefürchtete Erderwärmung bleibt aus oder wird verlangsamt.

Wie kontrovers das Thema selbst unter Wissenschaftlern diskutiert wird, zeigte sich vergangene Woche auch auf dem Jahrestreffen der European Geosciences Union ( EGU) in Wien. Einige Forscher warnten vor gefährlichen Experimenten mit ungewissem Ausgang, andere fragten pragmatisch: "Warum eigentlich nicht?". Mancher Politiker oder Manager hält Geoengineering sogar für die geniale Lösung eines Problems, das er ansonsten lieber negiert. Vor allem in den USA, wo die derzeitige Regierung Bush eine CO2-Reduzierung bislang ablehnt, kommt Geoengineering besonders gut an.

Freibrief für ein "weiter so"?

Wenn Wissenschaftler aber Chancen und Risiken seriös beurteilen wollen, stehen sie vor einem derzeit kaum lösbaren Problem: "Wir können die Auswirkungen von Geoengineering nicht genauer berechnen als die Konsequenzen des CO2-Anstiegs", sagt MIT-Forscher Prinn. In der Tat sind viele Fragen zum Klimawandel noch offen. Wie stark steigt der Meeresspiegel wirklich? Wie schnell schmelzen die Gletscher? Ist es angesichts dieser Unsicherheiten eine gute Idee, etwa zwecks Kühlung tonnenweise Schwefel in die Stratosphäre zu pusten, wie es der Nobelpreisträger Paul Crutzen vorgeschlagen hat?

Argumente gegen weitreichende Eingriffe ins Klima gibt es zuhauf: "Geoengineering könnte wie eine Aufforderung zu riskantem Verhalten wirken, also noch mehr CO2 zur Folge haben", meint Ken Caldeira von der Carnegie Institution of Washington in Stanford. "Am Ende landen wir bei viel CO2 und viel Geoengineering. Es verringert die Motivation, den CO2-Ausstoß zu verringern." Der Forscher warnt zudem vor Konflikten zwischen weniger und stärker von den Eingriffen betroffenen Regionen: "Es wird Gewinner und Verlierer geben, das könnte Kriege zur Folge haben."

Das Riskante am Geoengineering ist zudem, dass es wie eine Droge wirkt. Einmal damit angefangen, könnte es sein, dass die Menschheit kaum wieder davon loskommt. "Wenn man es stoppt, gehen die Temperaturen sofort nach oben", sagt Oliver Wingenter vom New Mexico Institute of Mining and Technology in Socorro. "Das Problem ist das Kohlendioxid."

Trotzdem hält der Forscher, der sich intensiv mit der Düngung der Ozeane beschäftigt hat, Geoengineering für eine bedenkenswerte Option. Die Eingriffe könnten der Menschheit für 10 oder 20 Jahre helfen, den Klimawandel zu bremsen, sagt Wingenter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es wäre allerdings töricht, Geoengineering ohne CO2-Reduktion zu machen."

Auch sein Kollege Caldeira von der Carnegie Institution of Washington will das Ganze zumindest für den Notfall nicht ausschließen: "Nehmen wir an, die Menschheit folgt den Empfehlungen des Weltklimarats IPCC, doch die Veränderungen sind trotzdem dramatisch. Dann könnte Geoengineering interessant werden."

Wingenter beklagt, dass manche Kollegen vor allem beweisen wollten, dass bestimmte Techniken - etwa das Ausbringen von Schwefel in die Stratosphäre - nicht funktionierten oder gewaltige Nebenwirkungen hätten. So warnt ein internationales Forscherteam in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Science" vor den Schäden an der Ozonschicht, die kühlende Sulfate in der Atmosphäre anrichten könnten. Vor allem an den Polen würde die vor UV-Strahlung schützende Schicht beschädigt, ergaben die Simulationen.

"Wir wissen, dass Sulfat die Ozonschicht zerstören kann", sagt Wingenter. "Aber warum probieren wir nicht etwas anderes aus?" Er ist sich mit vielen Kollegen einig, dass mögliche Eingriffe zum Abmildern der Erderwärmung genau studiert werden sollten - aber eben ohne ideologische Scheuklappen. "Wir müssen Geoengineering untersuchen, bevor wir völlig die Hoffnung verlieren", sagt er. Ähnlich äußert sich der Atmosphärenforscher Rolf Müller vom Forschungszentrum Jülich, der gerade in "Science" vor den Risiken des Einsatzes von Schwefel warnt. "Die möglichen Auswirkungen von Geoengineering auf Ozonschicht und Klima müssen viel besser erforscht werden", meint Müller. "Wir stehen hier erst am Anfang."

Arbeit für die nächsten Jahre haben die Wissenschaftler auf jeden Fall genug. An teils verrückt erscheinenden Ideen zur Rettung des Weltklimas mangelt es nicht:

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 292 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
22.06.2011 von exminer: Geoenengineering ein anderes Wort für Größenwahn

Fällt mir das Märchen vom "Fischermann und sine Fru" ein. Meistens bemerken die Experten zu spät,daß die Eingriffe oft kontaproduktiv sind. Aber wir leben im Zeitalter der "Spezialisten und Experten" die [...] mehr...

05.06.2011 von Flightkit: Deutsche Sehnsucht nach Untergang, 2nd edition

Meinung ist gefragt? Die Menschheit könne eingreifen, um Erderwärmung zu bekämfen? Indem sie die Atmosphäre manipuliert? Dieses Experiment habe einen ungewissen Ausgang? Was man verbindlich sagen kann ist, daß der Mensch [...] mehr...

03.06.2011 von zukunft007: zdf

nein,sie sagten nicht,daß es durchgeführt wird.Jedoch in Erwägung zu ziehen,Schwefel mit Flugzeugen auszubringen ist schon ein starkes Stück. Vor Jahren hieß es noch,schwefelsaurer Regen verursacht das Waldsterben und jetzt [...] mehr...

03.06.2011 von Spiegeluniversum: Chemtards

Das ZDF behauptet aber nicht ohne irgend einen Beleg, daß so etwas jetzt schon tatsächlich durchgeführt wird. Kondensstreifen bestehen aus Wasser, das bei der Verbrennung des Treibstoffs besteht. Sie entstehen auch bei [...] mehr...

03.06.2011 von Spiegeluniversum: Klima ≠ Wetter

Kein Klimatologe hat behauptet, daß die gegenwärtige temporal und lokal begrenzte Dürre ein Indiz für die weltweite Erwärmung ist. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Natur
alles zum Thema Klimawandel

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP