Gestört dürfen sie nicht werden, die Gleichgewichte in der Natur. Werden sie zu sehr belastet, bricht der Naturhaushalt zusammen. Schon ein wenig zu viel, ist schnell zuviel. So besagen es die Prognosen zum Klimawandel für das Kohlendioxid, das in der aus Stickstoff, Sauerstoff und Wasserdampf bestehenden Luft nur mit einem Drittel eines Promilles enthalten ist. Um ein Fünftel des Drittelpromilles ist der Anteil durch unser Tun schon angestiegen. Kleine Ursachen, große Wirkungen!
Worum handelt es sich aber wirklich bei diesem Gleichgewicht? Wie und durch wen wird festgestellt, ob es "funktioniert", also nur ein wenig hin und her schwingt wie die Waage der (blinden) Justitia, wenn sie Recht spricht? Und dann, hoffentlich, mit der richtigen Gewichtung auch das Gleichgewicht findet. Blumige Beschreibungen, mehr romantische Schilderungen als realitätsnahe Feststellungen, gibt es zuhauf davon. Konkretes ist dagegen kaum zu haben.
Die Natur hat keine Soll-Werte
Auf ganzer Bandbreite weiß vor allem das Spektrum der "im Grünen" Tätigen, wie das Gleichgewicht aussehen soll. Die Landwirtschaft meint, so müsse es sein, nämlich zugunsten der Nutzpflanzen und -tiere. Jagd und Fischerei meinen es ganz im Sinne ihrer Zielsetzungen anders, und Naturfreunde wiederum auf ihre Weise. Am meisten strapazieren Naturschützer ohne Beweise das Gleichgewicht in der Natur. Man braucht nur auf die "Störung" hinzuweisen. Diese ist schon per Gesetz "auszugleichen", auch wenn überhaupt nichts dazu nachweisbar ist und der Ausgleich vielleicht noch mehr "Eingriff" bedeutet. Die Natur wird nicht "gefragt". Sie bliebe auch stumm, denn sie ist, wie sie ist und ohne Meinung, wie sie sein soll.
Das legen allein Menschen fest, die "verändern" und dementsprechend ihren Zielwert (wieder) einstellen wollen. Die Natur hat keine Soll-Werte, weil ihr, abgesehen vom Menschen, niemand vorschreibt, wie sie sein soll. Sie ist nicht einmal aus den sogenannten Ökosystemen zusammengesetzt, die nicht gestört werden dürfen, weil sie sonst zusammenbrechen. Ökosysteme sind (für die ökologisch-wissenschaftliche Forschung allerdings sehr praktische und ergiebige) Konstruktionen - aber keine Funktionseinheiten der Natur. In der Natur sehen wir sie nicht. Es gibt keine Abgrenzungen, die das eine Ökosystem von einem anderen trennen.
Erfunden sind jene vermeintlichen Übereinstimmungen mit den Lebewesen, den Organismen, denen zufolge sie in den Wunschvorstellungen mancher Menschen zu Super-Organismen aufsteigen. Denn anders als die Organismen haben die Ökosysteme keine Abgrenzung von Innen und Außen. Eine solche nimmt lediglich die Forschung gegebenenfalls aus praktischen Gründen vor. Es fehlt ihnen jegliche zentrale Funktionssteuerung, ohne die Organismen in der Tat nicht leben könnten, weil sie sich gerade damit gegen das Außen absetzen müssen. Und Ökosysteme können sich auch nicht fortpflanzen.
Ungleichgewichte treiben die Systeme an
Infolgedessen nehmen die vermeintlichen Ökosysteme viele Zustände ein, ohne dass einer der richtige wäre. Einen solchen legen die Menschen fest, die diesen haben wollen. Die Ökosysteme bleiben auch nicht "stabil", sondern ändern ihre Zusammensetzung mit der Zeit durchaus ohne Zutun des Menschen. Könnten und "sollten" sie das nicht, gäbe es keine Evolution. Die Natur ist eben nicht aus Maschinen aufgebaut, die so zu laufen haben, wie sie konstruiert sind. Was in der Natur in Wirklichkeit "funktioniert", also die Vorgänge in Gang hält, sind deshalb auch nicht Gleichgewichte in Ökosystemen, sondern Ungleichgewichte, die solche offenen Systeme antreiben.
Wir fänden sie überall, würden wir nicht die Augen verschließen oder in ideologischer Sturheit darauf beharren, dass die Natur so zu sein hat, wie man sie sich vorstellt. Dabei geht so gut wie alles, insbesondere auch das, wovon wir Menschen leben, aus natürlichen oder künstlich verstärkten Ungleichgewichten hervor. Vertraut sind uns davon die Jahres- und Tageszeiten mit ihrem Wechsel, die umso stärkere "Spannungen" erzeugen, je größer die Unterschiede sind. Unsere klimatisch gemäßigten Breiten sind deshalb weit produktiver als die meisten tropischen Regionen, weil über die Jahreszeiten günstigere Produktionsbedingungen zustande kommen als bei immer gleicher Umwelt.
Schon im wechselfeuchten Klima mit Regen- und Trockenzeiten steigt die Nutzbarkeit, wie das reiche Tierleben in den Savannen zeigt. Das gilt global, aber im Kleinen genauso. Wenn sich nicht erst genügend große Überschüsse aufbauen können, fällt die spätere Nutzung schlecht aus. In der Natur entsteht allüberall zunächst "Kapital", bevor es umgesetzt und verwertet wird.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Natur | RSS |
| alles zum Thema edition unseld | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH