Sonntag, 22. November 2009

Wissenschaft



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15.05.2008
 

Nationalparks

Südafrika gibt Elefanten zum Abschuss frei

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt

Südafrika erlaubt wieder die Jagd auf Elefanten. Die Zahl der Dickhäuter, die lange als bedroht galten, ist stellenweise derart gestiegen, dass die Regierung ganze Herden töten lassen will. Tierschützer sind entsetzt.

Es ist immer wieder dieses grausige Bild: Irgendwo auf einer Lichtung liegen riesige graue Kadaver, die Stoßzähne sind herausgebrochen. Von den Wilderern fehlt jede Spur. 14 Elefanten sind in den vergangenen vier Wochen allein im Virunga-Nationalpark an der Ostgrenze der Republik Kongo von Wilderern brutal umgebracht worden. "Hier ist ein wirkliches Gemetzel im Gange", sagt Emmanuel de Merode, Leiter der Umweltschutzgruppe "WildlifeDirect" in dem zentralfrikanischen Staat.

Die Nachfrage nach Elfenbein sei enorm, seit der Handel mit dem sogenannten weißen Gold 1989 weltweit verboten wurde. Vor allem die Chinesen kaufen alles auf, was auf den illegalen Markt kommt, sagte de Merode. Jetzt hat auch Südafrika das 13 Jahre alte Moratorium der Elefantenjagd aufgehoben. "Wir befürchten, dass es wieder einen internationalen Elfenbeinhandel wie in den siebziger und achtziger Jahren geben wird", sagt de Merode. Es sei ein falsches Signal, vor allem für die Wilderer im gesamten südlichen Afrika.

Marthinus van Schalkwyk, Südafrikas Minister für Umwelt und Tourismus, hat die Diskussion ausgelöst: Im Februar kündigte er an, dass die sogenannte "Elefanten-Keulung" ab 1. Mai dieses Jahres wieder zugelassen ist - zum ersten Mal seit dem Ende des Apartheid-Regimes. Bei dieser Tötungsmethode werden ganze Elefantenherden mit Bullen, Kühen und Jungtieren ausgelöscht, meist mit großkalibrigen Waffen vom Hubschrauber aus.

Keulung als letzte Möglichkeit

"Sicher, Elefanten haben einen ganz speziellen Platz in den Herzen der Menschen, auch in meinem", räumt der Minister ein. "Deshalb erwarten wir auch eine sehr emotionale Debatte über unsere Entscheidung." Doch die enorm gewachsene Elefantenpopulation in den südafrikanischen Nationalparks – auch im weltberühmten Krüger-Park – lasse keine andere Möglichkeit. Versuche, die Dickhäuter umzusiedeln oder ihre Zahl mit Empfängnisverhütungsmitteln auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, seien gescheitert.

"Nicht nur wir, auch andere südafrikanische Länder machen sich Sorgen, dass die stark wachsende Elefantenpopulation das Gleichgewicht der Natur und die Artenvielfalt ebenso gefährden könnte wie das Leben und die Sicherheit von Menschen", sagte van Schalkwyk. Botswana, Namibia und Simbabwe klagen ebenfalls über eine Elefanten-Überbevölkerung. Andere Länder wie etwa Mosambik, Angola, Kenia und Kongo mühen sich dagegen, die Zahl der Dickhäuter zu steigern - nicht zuletzt, weil sie Touristen anlocken.

Im kongolesischen Virunga-Park etwa lebten vor den jahrzehntelangen Bürgerkriegen rund 3500 Elefanten, heute sind es gerade noch 350. Während die Dickhäuter noch vor wenigen Jahren in ganz Afrika vom Aussterben bedroht waren, leben heute allein im Krüger-Park nach einer im August 2007 vorgenommen Schätzung wieder über 13.500 Elefanten. In den angrenzenden privaten Naturparks kamen noch einmal 2000 dazu. Bis zum 1995 eingeführten Keulungsverbot war die Zahl der Elefanten, von denen jeder pro Tag rund 300 Kilogramm Futter braucht, in der Region durch gezielte Abschüsse konstant bei 7500 gehalten worden.

Wütende Proteste von Tierschützern

Doch seit van Schalkwyks Ankündigung tobt eine heftige Debatte. Naturschützer gehen davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren zwischen 400 und 1000 Tiere jährlich getötet werden. "Wir rechnen definitiv damit, dass sie in diesem Winter mit der Keulung beginnen", sagt Michelle Pickover von der Organisation "Animal Rights Africa" (ARA). "Wenn nicht im Krüger-Park, dann anderswo." Um einen Imageschaden und negative Folgen für das Tourismusgeschäft zu vermeiden, ist die südafrikanische Regierung denn auch daran interessiert, dass die Aktion in den Wintermonaten Mai bis September möglichst unauffällig über die Bühne geht.

Doch genau das wollen Tierschutzorganisationen wie ARA verhindern und internationalen Druck aufbauen. "2010 steht vor der Tür, und wir werden das ausnutzen", droht Pickover mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft. ARA will gemeinsam mit anderen Gruppen zu einem weltweiten Boykott der WM 2010 aufrufen, wenn Südafrika den Tötungsbefehl nicht rückgängig macht.

"Es gibt keinen ethischen oder ökologischen Grund, aus dem das Töten auch nur eines einzigen Elefanten in Südafrika erlaubt werden darf", sagt Pickover. Unterstützung bekommt sie von Wissenschaftlern wie dem Biologen Bruce Page von der Universität von KwaZulu-Natal: "Die Zahl der Elefanten im Krüger-Park mag gestiegen sein", so der Forscher. "Aber wir wissen bis heute nicht, ob die Keulung irgendeinen Einfluss auf die Artenvielfalt hat oder nicht."

Aktivisten uneinig

Doch auch die Umwelt- und Naturschützer sind zerstritten, denn manche befürworten den Abschuss von Elefanten durchaus. "Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir wieder zum Instrument der Keulung greifen sollten", meint Rob Little, WWF-Chef in Südafrika. Ähnlich äußerte sich der renommierte kenianische Naturschützer Richard Leakey: "Obwohl ich die Elefanten-Keulung abscheulich finde, sehe ich doch unter bestimmten Bedingungen einen Sinn darin." Das gezielte Töten der Tiere könne "ein notwendiger Bestandteil der Arterhaltung sein"- wenn es auch bei jedem Naturschützer "alle Alarmglocken schrillen" lasse.

Leakey fordert zudem eine differenzierte Betrachtung der südafrikanischen Pläne, denn die reichten "weit über die Keulung hinaus". So sei ab dem 1. Mai auch das Einfangen von Elefanten für kommerzielle Zwecke wie Safaris oder Zirkusdressuren verboten. Die Schutzbestimmungen für die etwa 350 in Südafrika in Gefangenschaft gehaltenen Tiere seien drastisch verschärft worden. Außerdem sollen fünf Millionen Rand (etwa 500.000 Euro) in ein Elefantenforschungsprogramm fließen.

Aktivisten wie Pickover kann das nicht besänftigen: "Elefanten sind uns Menschen so ähnlich," klagt sie. "Sie empfinden Schmerz und Trauer, haben ein starkes Familiengefühl, ein Erinnerungsvermögen und ein Bewusstsein. Einfach zu sagen, wir töten sie jetzt massenhaft, ist und bleibt für mich schrecklich und grausam."

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