Washington - Monatelang hatte sich US-Innenminister Dirk Kempthorne Zeit gelassen, nun lud er am Mittwoch zur Pressekonferenz. Der Eisbär, so der Minister, könne "in absehbarer Zukunft vom Aussterben bedroht sein". Deswegen habe man sich entschlossen, ihn auf die Liste der bedrohten Tierarten zu setzen.
Munitioniert mit Satellitenbildern und Grafiken war der Minister vor den Journalisten erschienen. Belege, die vor allem eines untermauern sollten: Die Eisflächen im hohen Norden nehmen beständig ab - auch wenn der Winter in diesem Jahr vergleichsweise kalt ausgefallen ist. Der Rückgang des Lebensraums lasse die Zahl der Bären immer weiter sinken, sagte der Minister. Kempthorne forderte deswegen effektive Maßnahmen gegen die Erderwärmung. "Ich muss unterstreichen, dass die Auflistung des Eisbären als gefährdete Tierart weder den globalen Klimawandel aufhalten noch das Abschmelzen des Meereseises stoppen wird", sagte er. Dabei sind es nicht zuletzt Washingtons Klimadiplomaten, die bei den internationalen Klimaschutzverhandlungen bislang auf die Bremse drücken.
Nun soll also die Eisbärenpopulation im US-Bundesstaat Alaska verstärkt beobachtet und geschützt werden. Dort leben etwa 4700 der Tiere. Weltweit soll es noch 20.000 bis 25.000 von ihnen geben, doch Forscher wissen tatsächlich nur wenig über ihre genaue Zahl. Nur für zwei der 19 Eisbärenpopulationen weltweit gibt es überhaupt Langzeitdaten.
Kanada sieht keinen Grund für höchste Schutzstufe
Deswegen ist die Frage unter Wissenschaftlern durchaus umstritten, wie gefährdet die Tiere tatsächlich sind. Die Weltnaturschutzunion (ICUN) führt den Eisbär auf der Liste der gefährdeten Tiere. Doch in Kanada - wo zwei Drittel aller Eisbärenbestände leben sollen - sehen die Behörden zum Beispiel keinen Grund, die Tiere so einzustufen. Umweltminister John Baird verwies darauf, dass ein Beratergremium der Regierung im vergangenen Monat nur für eine niedrige Schutzstufe plädiert habe.
In den USA war monatelang um die Entscheidung gestritten worden, für die sich vor allem Öko-Aktivisten stark gemacht hatten. Ursprünglich hatte die Regierung bereits Anfang Januar eine Entscheidung treffen sollen. Weil sich dennoch nichts tat, hatten drei Umweltschutzorganisationen gegen Washington geklagt. Ein Bundesgericht gab der Klage statt und setzte eine Frist bis zum 15. Mai, nachdem das Innenministerium zuvor einen Aufschub bis zum 30. Juni beantragt hatte. Die Regierung hatte argumentiert, es müssten noch komplexe rechtliche und wissenschaftliche Fragen geklärt werden.
Umweltschützer sprachen von einer Verzögerungstaktik, da derzeit die Vergabe von Ölbohrlizenzen in der Tschuktschen-See läuft. Dort lebt eine der beiden Eisbärpopulationen Alaskas. Die Ölindustrie ist deswegen nur wenig begeistert von der Entscheidung zum Eisbärenschutz. Marilyn Crockett, die Chefin der Vereinigung der Öl- und Gasindustrie in Alaska, erklärte, sie befürchte nun zahlreiche Prozesse und Klagen, wenn es um gegenwärtige Produktionsanlagen und geplante Erweiterungen gehe. Der Verband vertritt 17 Öl- und Gasfirmen sowie die Besitzer der Trans-Alaska-Pipeline. Auch eine Klage gegen den Beschluss der Regierung wollte Crockett nicht ausschließen. Die Grundlage der Entscheidung müsse noch geprüft werden.
chs/AFP/AP/Reuters
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