Von Philip Bethge
Später wird sie das sogenannte Metagenom der Darmbakterien bestimmen. Der Grund: Die Mikroben helfen den holzfressenden Termiten bei der Zerlegung von Zellulose. Hernañdez' Ziel ist es, die verantwortlichen Enzyme zu isolieren. Sie könnten für den Auftraggeber des Projekts, die US-Firma Verenium, von großer Bedeutung sein. Das Unternehmen hofft, dass die Stoffe aus den Termitendärmen künftig die Herstellung von Biotreibstoffen erleichtern könnten.
Oder das Inbio-Projekt, für das Diego Vargas die unscheinbare Monimiaceae siparuna aus dem Urwald barg. Pilzspezialist Jorge Blanco legt sich die Blätter der Pflanze im Inbio-Labor vorsichtig zurecht. Mit einem Skalpell zerteilt er die grünen Pretiosen, befördert sie in kleinen Stücken auf Nährplatten. Bald werden hier Pilze sprießen, die ihr Leben bislang im Inneren der Blätter fristeten.
In Reagenzkolben werden die blau, rosa und weiß schimmernden Pilze schließlich vermehrt und an Forscher der Harvard Medical School und der amerikanischen National Cooperative Drug Discovery Group versandt. Neue Medikamente gegen Krebs und Malaria erhoffen sich Experten von den schleimigen Tropenbewohnern.
Pilze statt Insekten
Werden die Pflanzen und Tiere der costa-ricanischen Berg- und Regenwälder die Hoffnungen der Forscher am Ende erfüllen können? Einige Erfolge hat Inbio bereits vorzuweisen. Ein Mittel gegen Übelkeit und Kater etwa geht auf die Forschung zurück, isoliert aus dem costa-ricanischen Baum Quassia amara. In marinen Organismen aus der karibischen See fanden die Spezialisten ein fluoreszierendes Protein, das als Marker in Laboratorien verwendet wird. Der warme Schlamm einer vulkanischen Region lieferte den Inbio-Forschern ein Enzym, das den Chemikalienverbrauch bei der Textilverarbeitung reduziert. Ein Teil der Lizenzgebühren, die Inbio erhält, fließen in den Schutz der costa-ricanischen Vielfalt.
Die große biotechnologische Sause indes blieb bislang aus. Inzwischen haben sich Merck und andere große Geldgeber zurückgezogen. "Die Pharmaunternehmen wollen nicht mehr den langen Prozess bezahlen, der notwendig ist, um vielversprechende Naturstoffe zu finden", sagt Giselle Tamayo, wissenschaftliche Leiterin der Inbio-Abteilung für Bioprospektion.
"Wir haben die Erwartung geweckt, dass das hier eine Goldmine ist", räumt Tamayo selbstkritisch ein, "das ist nicht der Fall". Doch die Forschungsstätte bleibe auch so "ein Erfolgsmodell". Die Naturstoff-Fahndung gehe - mit weniger Geld - weiter. Heute arbeitet Inbio vor allem mit Universitäten und öffentlichen Geldgebern zusammen. Auch der Schwerpunkt der Arbeit hat sich verlagert. Scannten die Experten früher vor allem Insekten nach neuen Stoffen, sind es heute Pilze, Mikroben und vor allem Pflanzen.
Wandelnde Enzyklopädie der Flora und Fauna
Die Regierung Südkoreas beispielsweise hat eine Million Dollar zur Verfügung gestellt, damit südkoreanische Forscher 300 verschiedene Pflanzenarten aus Costa Rica auf mögliche Wirkstoffe gegen Krebs und Asthma scannen dürfen. Inbio-Experten stellen dafür Pflanzenextrakte zur Verfügung. 489 Gramm konzentrierte Tropenpflanze gewinnen sie aus einem Kilogramm Blätter.
Für den Biologen Vargas heisst das, auch weiterhin jede Woche mehrfach in die Naturschutzgebiete des Landes zu fahren, um die Schätze Costa Ricas, der "reichen Küste", zu bergen. Seit 11 Jahren macht Vargas das schon. Längst ist er eine wandelnde Enzyklopädie der Flora und Fauna.
"Man kann nur schützen, was man auch kennt", sagt der Biologe. Auch die Katalogisierung und Bestimmung der costa-ricanischen Vielfalt ist ein Ziel von Inbio. Jetzt zwackt Vargas mit einer an einem langen Rohr befestigten Zange einen Zweig von Hedyosmum correanum ab. Die Pflanze wächst ausschließlich in Panama und Costa Rica. Die Zerstörung ihres Lebensraums macht ihr schwer zu schaffen.
Vorsichtig inspiziert Vargas die winzigen grünen Blüten der Seltenheit. "Wir wissen noch nicht, welchen Nutzen diese Pflanze für die Menschheit birgt", sagt der Biologe, "aber wir sind auf einem guten Weg, es herauszufinden."
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