Von Christian Schwägerl
Bonn – Vorreiter Norwegen hatte in der Bundesregierung als Messlatte gegolten. Das skandinavische Land stellt neuerdings 320 Millionen Euro pro Jahr für Projekte zum Schutz von Regenwäldern zur Verfügung. Nun setzt Deutschland zum Überholen an: Bis gestern Abend verhandelte Kanzlerin Merkel mit Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), am Mittwoch Vormittag verkündete sie dann auf dem Uno-Naturschutzgipfel in Bonn eindrucksvolle Zahlen: Die 210 Millionen Euro, die Deutschland bereits heute zum Schutz der Regenwälder zur Verfügung stelle, würden deutlich aufgestockt. Um insgesamt 500 Millionen Euro in den vier Jahren bis 2012, dann sogar um jährlich 500 Millionen Euro.
Bundeskanzlerin Merkel: Artenvielfalt hat für den Menschen einen großen Nutzen
Merkel warnte in ihrer Rede, ein Scheitern der internationalen Naturschutzanstrengungen könne die Menschheit teuer zu stehen kommen. Sie forderte andere Industriestaaten auf, ihre Investitionen in den Naturschutz zu verstärken. Aber auch private Geldgeber, also Firmen und Millionäre, könnten bei der globalen Initiative "Life Web" mitmachen: Auf der von der Bundesregierung eingerichteten Internet-Plattform bieten bereits 26 ärmere Länder artenreiche Naturgebiete an, für deren Schutz bisher das Geld fehlt. "Diese Initiative ist ein Leuchtturm", sagte Merkel. Erst am Dienstag hatte die Demokratische Republik Kongo offiziell erklärt, bei entsprechender Finanzierung 13 Millionen bis 15 Millionen Hektar Regenwald als Wildnis schützen zu wollen. Ein Projekt zum Schutz der letzten Orang-Utans auf der indonesischen Insel Borneo hat Gabriel bereits für die zusätzlichen Waldschutz-Mittel auserkoren.
Die Kanzlerin hob hervor, dass den Regenwäldern eine wichtige Rolle als Kohlenstoffspeicher zukomme. 20 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen stammten aus Rodung und Zerstörung von Wäldern und Mooren. Sie kritisierte insbesondere die Waldzerstörung "für den Anbau von Monokulturen für Soja, Palmöl, Zellulose". Bei der Nutzung von Biokraftstoffen müsse darauf geachtet werden, dass Umweltstandards eingehalten würden.
Merkel: "Fairer Ausgleich zwischen Arm und Reich" nötig
Der Verlust von Biodiversität hänge auch mit dem Konsumverhalten in den Industrieländern zusammen, sagte die Kanzlerin. Artenvielfalt habe für den Menschen einen großen Nutzen, der erst teilweise erschlossen sei. So sei aus der Pazifischen Eibe der Bauplan für ein wichtiges Krebsmittel gewonnen worden. Die Natur speichere "das Erfahrungswissen von Millionen Jahren".
Merkel begrüßte es, dass die Unterhändler auf der Uno-Konferenz am Mittwoch eine Einigung über eine künftige bindende Vereinbarung erzielten, wie Erlöse aus der Nutzung genetischer Ressourcen geteilt würden. Ein "fairer Ausgleich zwischen Arm und Reich" sei nötig.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte zuvor von einem "Durchbruch" bei den Verhandlungen gesprochen. Erstmals seit 16 Jahren zeichne sich ab, wie Industrie- und Entwicklungsländer bei der Nutzung etwa von Pharmawirkstoffen aus Regenwäldern kooperieren könnten. "Es wäre unfair, wenn Entwicklungsländer die Biodiversität schützen und Industrieländer daraus Medikamente machen, ohne dass es eine Teilhabe an den Profiten gibt", sagte Gabriel. Die Vorarbeit Deutschlands werde es erlauben, 2010 auf der Uno-Naturschutzkonferenz in Japan eine verbindliche Regelung zu beschließen.
In einer Grußbotschaft, die Unep-Chef Achim Steiner verlas, warnte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, vor weiterer Naturzerstörung. Die Überschwemmungskatastrophe in Myanmar zeige, wie wichtig der Schutz von Ökosystemen sei: "Dort sind in den vergangenen 30 Jahren die Hälfte der Mangrovenwälder zerstört worden", erklärte Ban Ki-moon. "Dies hat das Land verletzlicher gegenüber Überschwemmungen gemacht."
Bis Freitagabend wollen die rund 120 Minister aus aller Welt ein Abschlussdokument der Tagung erarbeiten. Umstritten ist weiterhin, ob es Naturschutzauflagen für die Gewinnung von Agro-Kraftstoffen geben soll. Zudem ist unklar, ob ausschließlich Industrieländer neue Schutzgebiete finanzieren müssen oder ob Entwicklungsländer sich an den Kosten beteiligen. Über Kriterien, welche Hochseegebiete unter Schutz gestellt werden sollten, gibt es offenbar eine erste Einigung.
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