Bonn/Leipzig - Ethische Begründungen für Naturschutz gibt es viele. Was bislang weitgehend fehlte, waren Berechnungen des wirtschaftlichen Werts der Artenvielfalt - und damit der Kosten ihres Verlusts. Diese Lücke versucht nun Pavan Sukhdev zu schließen. Die G-8-Staaten hatten den Leiter der Abteilung Globale Märkte der Deutschen Bank beauftragt, einen entsprechenden Bericht auszuarbeiten. Die Zwischenergebnisse stellte Sukhdev am heutigen Donnerstag auf der Bonner Uno-Konferenz zum Schutz der Artenvielfalt vor.
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Ansonsten beschränkt sich Sukhdev vorerst häufig auf exemplarische Darstellungen. Denn der genaue Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt lasse sich nur schwer ermitteln, da viele natürliche Erträge bei dessen Berechnung bislang nicht berücksichtigt werden. Den BIP-Verlust allein durch eine fortschreitende Entwaldung beziffert Sukhdev aber auf die genannten sechs Prozent, wobei der Effekt für Arme überdurchschnittlich hoch wäre. Schon heute erreicht der Wertverlust allein durch Entwaldung jährlich Billionenbeträge.
Rund 45 Milliarden Dollar pro Jahr betragen die Kosten für Aufbau und Bewirtschaftung eines weltweiten Systems zum Schutz aller Ökosysteme. Den damit erzielbaren Ertrag gibt Sukhdev mit 4,4 bis 5,2 Billionen Dollar an, woraus sich eine extrem günstige Kosten-Nutzen-Relation von 100 zu eins ergeben würde. Dabei sind Schutzgebiete in Entwicklungsländern zehnmal billiger als in Industriestaaten.
Die weltweite Ausweisung von Meeresschutzgebieten im Umfang von 20 Prozent der Gesamtfläche würde für die kommerzielle Fischerei jährliche Einbußen von 270 Millionen Dollar bedeuten. Zugleich könnten damit, weil Überfischung vermieden würde, Fischereieinnahmen im Umfang von 70 bis 80 Milliarden Dollar pro Jahr langfristig gesichert werden. Durch Nichthandeln droht dem Bericht zufolge wegen des Zusammenbruchs der Fischbestände ein Verlust von bis zu 100 Milliarden Dollar und von 27 Millionen Arbeitsplätzen.
Weitere beispielhafte Daten aus dem Sukhdev-Bericht:
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel erklärte, noch immer verdiene man mehr Geld mit der Zerstörung als mit dem Schutz der Natur. "Es gibt keinen Knappheitsindikator, keinen Preis für biologische Vielfalt", erklärte der SPD-Politiker. "Aber es gibt so etwas wie eine Geringschätzung künftiger Güter." Es sei nicht nur erforderlich, den Wert der Artenvielfalt und die Höhe ihres Verlustes zu erforschen. Die eigentliche Frage sei: "Welche Instrumente gibt es eigentlich, dem Schutz der Biodiversität einen Wert zuzuordnen?" Bislang sei der Emissionshandel das einzige Instrument, den Schutz und die Nutzung der Natur zu verbinden.
Schwung nach Finanzzusage
Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Einschätzung Gabriels mit ihrer Finanzzusage in Milliardenhöhe Schwung in die Uno-Artenschutzkonferenz gebracht. Knapp 30 Staaten hätten sich bereit erklärt, Schutzgebiete auszuweisen. Neben Deutschland wollen auch Norwegen und Spanien Mittel für den Kampf gegen die Abholzung der Wälder bereitstellen. Auch nichtstaatliche Geldgeber wie die Umweltinitiative WWF wollen sich beteiligen. Die Bundesregierung will für den weltweiten Waldschutz bis 2012 zusätzlich eine halbe Milliarde Euro zur Verfügung stellen. Ab 2013 soll es dann jedes Jahr ein halbe Milliarde Euro sein.
Die Artenschutzkonferenz unter dem Dach der Vereinten Nationen soll am morgigen Freitag mit der Verabschiedung eines Bonner Mandats zu Ende gehen. Darin wird der Verhandlungsverlauf für die nächsten beiden Jahren festgeschrieben. Die Staatengemeinschaft hat sich im Übereinkommen über die biologische Vielfalt verpflichtet, bis 2010 den Verlust an Artenvielfalt signifikant zu reduzieren.
Merkel gegen Tempolimit auf Autobahnen
Merkel versuchte auch an anderer Stelle, sich als Vorreiterin in Sachen Umweltschutz zu profilieren. Beim Weltverkehrsforum in Leipzig sprach sich die Kanzlerin erneut dafür aus, den erlaubten Ausstoß eines Landes an klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) auf Pro-Kopf-Basis zu bemessen. Derzeit belaste jeder US-Amerikaner das Klima im Schnitt mit 20 Tonnen CO2 im Jahr, ein Europäer mit elf und ein Chinese mit drei Tonnen. "Selbst wenn wir die Steigerung der Weltbevölkerung nicht einrechnen, müssen wir auf vier Tonnen bis Mitte des Jahrhunderts kommen", betonte die Kanzlerin. Klimaexperten fordern ein Pro-Kopf-Maximum von zwei Tonnen CO2 im Jahr 2050.
Anstelle staatlicher Vorgaben zur Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes forderte Merkel "marktwirtschaftliche Instrumente" wie den Emissionshandel. Ziel müsse es sein, die Erderwärmung bei zwei Grad zu halten. Einem Tempolimit auf deutschen Autobahnen erteilte Merkel erneut eine Absage. Es dürfe "keine Konzentration auf Nebenkriegsschauplätze geben", sagte sie. Nötig seien eine bessere internationale Zusammenarbeit beim Klimaschutz und verstärktes Energiesparen. Deutschlands wirtschaftliche Chance als Exportweltmeister liege in der Entwicklung und Vermarktung neuer Umwelttechnologien.
mbe/AFP/AP
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