AKW-Zwischenfall in Slowenien
Atom-Alarm, ein Fax und viel Verwirrung
Von Christoph Seidler, Holger Dambeck und Marion Kraske
Die Eilmeldung ließ das Schlimmste befürchten: Im slowenischen Kernkraftwerk Krsko habe es einen Störfall gegeben, wurde per EU-Warnsystem "Ecurie" verbreitet. Wenig später war die Verwirrung dann komplett: Die Slowenen faxten nach Wien, es handele sich lediglich um eine Übung. Nun haben die Behörden ihre Fehler eingestanden.
Berlin - Vor knapp vier Jahren war alles noch ein Test. Slowenien, das Land war gerade Mitglied der EU geworden, lud Ende Oktober 2004 ein zur großen Katastrophenschutzübung. In einer sogenannten "Level-3-Exercise" sollte getestet werden, wie gut das EU-weite Atomwarnsystem "Ecurie" funktioniert. Das fiktionale Szenario: Im Bahnhof der Stadt Maribor sollte sich eine kleinere nukleare Explosion ereignet haben.
Die slowenischen Behörden schickten in schneller Folge vier Warnmeldungen heraus, wenig später quittierte Belgien als erstes EU-Land, dass man die Dramatik der Lage erkannt habe, bald darauf wurden in Österreich die - wiederum gespielten - ersten Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet: Einschränkungen beim öffentlichen Verkehr, bei der Verteilung von Lebensmitteln und so weiter.
Am späten Mittwochnachmittag wurde ein ähnliches Szenario für kurze Zeit Realität. Um 17.38 Uhr Ortszeit schickten die slowenische Atomsicherheitsbehörde (SNSA) eine Warnmeldung an die Zentrale des "Ecurie"-Systems: "Alarm". "Es war das erste Mal überhaupt, dass eine Nachricht mit dieser Dringlichkeit verschickt wurde", sagte Thomas Breuer von Greenpeace im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das 1987 nach dem Reaktordesaster von Tschernobyl eingerichtete Warn-Netzwerk kennt drei Arten von Meldungen, die an alle EU-Länder, Kroatien und die Schweiz verschickt werden:
- Nachrichten im Rahmen von Übungen, wie beim Szenario von Bahnhof Maribor
- Informationen, über Situationen, die zunächst auf ein Land begrenzt sind, aber für Nachbarländer dringlich werden könnten, wie unlängst, als im schwedischen Atomkraftwerk Oskarshamn Spuren von Sprengstoff gefunden wurde. In diesen Fällen ist im Kopf der "Ecurie"-Meldung ein "I" zu vermerken
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Alarmmeldungen, wie von der slowenischen Atomaufsichtsbehörde wegen des Vorfalls in Krsko
Das System hat mehrere Sicherheitsmechanismen: Alle Nachrichten sind codiert, je nach zu übertragender Information werden bestimmte Buchstabenfolgen verwendet. So sollen Übersetzungsfehler vermieden werden. Vor dem Versand wird jede Mail digital signiert, damit beim Empfänger automatisch die Echtheit geprüft werden kann.
Google Earth / TerraMetrics
Von Slowenien aus ging die Nachricht über ein spezielles Mailsystem ("CoDecS") in das EU-Lagezentrum nach Brüssel, von dort aus weiter nach Luxemburg. Dort sitzt die "Radiation Protection Unit", die Strahlenschutzabteilung der EU-Generaldirektion für Energie und Transport. Der zuständige Mitarbeiter war gerade auf dem Weg in den Feierabend. Hastig zurück an den Schreibtisch beordert, versicherte er sich bei den Behörden in Slowenien, ob man es nicht vielleicht doch mit einem Fehlalarm zu tun habe - doch Ljubljana bestätigte: Es gebe eine kritische Situation in Krsko, mit drohenden grenzüberschreitenden Folgen. Die Alarm-Meldung sei gerechtfertigt.
DRUCKWASSERREAKTOR UND RISIKO PRIMÄRKREISLAUF
Ein Kernkraftwerk erzeugt Strom durch Turbinen, die mit Wasserdampf angetrieben werden. Die erforderliche Hitze wird durch Kernspaltung im Reaktorkern gewonnen. Bei einem Druckwasserreaktor wie in Krsko zirkuliert das Kühlwasser in einem geschlossenen Primärkreislauf und nimmt die Hitze des Reaktorkerns auf. Dabei wird das Wasser unter einen so hohen Druck gesetzt, dass es über 300 Grad Celsius heiß wird ohne zu sieden. Der Siedepunkt von Wasser ist abhängig vom Druck: Bei geringem Luftdruck - beispielsweise auf einem hohen Berg - siedet Wasser schon unterhalb von 100 Grad Celsius, bei hohem Druck erst oberhalb dieser Grenze.
Das ultraheiße Wasser wird aus dem Reaktorkern im Primärkreislauf in Heizschlangen im Dampferzeuger gepumpt und erhitzt dort wie ein Tauchsieder Wasser des Sekundärkreislaufs zu Wasserdampf - ohne mit ihm direkt in Berührung zu kommen. Danach fließt das Primärkreislauf-Wasser in den Reaktorkern zurück. Der Wasserdampf des Sekundärkreislaufs treibt die Turbinen an, kondensiert und wird zurückgepumpt und erneut erhitzt.
Das Wasser des Primärkeislaufs ist radioaktiv. Bei allen älteren Druckwasserreaktoren waren die Heizrohre im Dampferzeuger stets ein Sicherheitsrisiko: Die vieltausend daumendicken Heizschlangen im Dampferzeuger, in denen das 300 Grad heiße, nuklear verseuchtes Kühlwasser zirkuliert, bilden eine empfindliche Nahtstelle zwischen dem hochradioaktiven Reaktorkern und den Turbinen im Sekundärkreislauf. Bricht eines der Röhrchen, so wird wegen des Druckgefälles zwischen Primär- und Sekundärkreislauf, tonnenweise hochbelastetes Kühlwasser in den mit unbelastetem Speisewasser gefüllten Dampferzeuger gepresst. Sind größere Mengen abgeflossen, schaltet sich automatisch die Notkühlpumpe des Reaktors ein: Noch mehr verseuchtes Wasser strömt in den nichtradioaktiven Teil. Laut EU-Kommission entwich im Reaktor von Krsko Wasser des Primärkreislaufs aus noch ungenannten Gründen.
Erst im Februar 2007 gab es im schwedischen Atomkraftwerk Ringhals einen ähnlichen Vorfall: Bei einem der insgesamt vier Reaktoren war ein "kleines Leck" im Primärkreislauf entdeckt worden.
2004 leckte ein tschechischer Reaktor - etwa 3000 Liter radioaktiv verseuchte Kühlflüssigkeit traten damals aus dem Primärkreislauf des abgeschalteten zweiten Blocks aus
Auch im deutschen Atomkraftwerk Biblis war Ende der achtziger Jahre Kühlwasser des Primärkreislaufs entwichen - aufgrund eines defekten Ventils Die radioaktive Belastung der Umwelt hielt sich allerdings in Grenzen, weil Auffangbecken eine Ausbreitung des Wassers verhinderten.
Was war passiert? Im Kühlwasserkreislauf des Reaktors von Krsko trat um 15.07 Uhr ein Leck auf - warum ist noch unklar. Der Reaktor wurde daraufhin heruntergefahren. Um 20.10 Uhr sei der Stillstand erreicht worden, teilt die slowenische Atomsicherheitsbehörde SNSA mittlerweile auf ihrer Webseite mit. Das ausgetretene Wasser sei innerhalb des Sicherheitsbehälters (Containment) geblieben, der den Reaktor umschließt. Es habe weder Gefahr für das Personal bestanden noch sei Kühlwasser nach außen gelangt.
Inzwischen hätten Experten den Sicherheitsbehälter betreten und bei einer ersten Untersuchung festgestellt, dass sich das Leck nahe der Kühlpumpe des Reaktors befindet. Um den Schaden beheben zu können, müsse der Reaktor weiter abgekühlt werden, erklärte SNSA-Dirketor Andrej Stritar. Dies werde vermutlich einige Tage dauern.