Einzig die "hochgradig produktiven Ungleichgewichte" seien nachhaltig, aber leider sucht ja niemand nach ihnen. Hier wird deutlich, dass Reichholf die Essenz der wissenschaftlichen Forschung vieler Jahrzehnte ignoriert. In keinem Lehrbuch der modernen Ökologie steht geschrieben, Veränderungen in der Natur seien schädlich und daher dringend zu verhindern. Schon seit den 1930er Jahren wissen wir, in welcher Weise gerade Feuer, Insekten, und Stürme zu nützlichen Effekten in vielen Wäldern der Erde führen. Erst durch solche "Störungen" wird die Fortpflanzung vieler Arten möglich, erst durch sie werden Nährstoffe für neues Leben frei gesetzt.
Auch die Populationsbiologie untersucht seit langem, wie sich Tiere und Pflanzen immer neu an wechselnde Bedingungen anpassen. Eines ihrer zentralen Ergebnisse ist, dass es Wandel selbst dort gibt, wo die stabilen Umweltbedingungen diesen eigentlich gar nicht nahe zu legen scheinen. Schließlich: "Nachhaltigkeit", ein Begriff aus der Forstwissenschaft, beinhaltet für die Fachwelt nicht, dass in zwanghafter Weise ein statischer Zustand angestrebt würde.
Am Ende der verquasten Theorien in der Grauzone zwischen Unbestimmtheit und dumpfen Angriffen nach irgendwohin wird es dann doch noch bitter ernst: Mit kühnem Schwung entlarvt Reichholf die Probleme der Menschheit mit sich selbst als Irrtümer, die dem durch Wissenschaft und Naturschutz propagierten Suchen nach dem imaginären Gleichgewicht zu entspringen scheinen.
Das Entstehen von "Kriegen, Raubzügen und Unterdrückung" will Reichholf zwar nicht wirklich begrüßen. Aber er suggeriert, dass wir uns manchen Kummer ersparen würden, wenn wir diese "Irrtümer" endlich als biologische Notwendigkeit begreifen könnten. Sicherlich würden wir dann einsehen, dass leider auch der Krieg zum produktiven Ungleichgewicht gehört. Denn ohne dieses "käme die Kultur an ihr Ende".
Sollen also Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit damit aufhören, Treibhausgas-Emissionen, die Verarmung der Kulturlandschaft, das Auslöschen von Tier- und Pflanzenarten, die Zerstörung der Lebensgrundlage von Kleinbauern in Entwicklungsländern zum Thema zu machen? In einem Punkt hat Josef Reichholf recht: "Die Natur" insgesamt wird von diesem Planeten nicht verschwinden, auch nicht bei einer Verdopplung des Kohlendioxidgehaltes der Atmosphäre. Aber es ist ein billiger, ja zynischer Standpunkt. Denn die Kultur käme nicht aus Mangel an Ungleichgewicht an ihr Ende, sondern lange vorher: Weil ein kleiner Teil der Menschheit nicht erkennen wollte, dass die von ihm ausgelösten Veränderungen der Umwelt Lebensgrundlagen anderer Menschen vernichten.
Glücklicherweise verbreitet sich inzwischen die Erkenntnis, dass Naturschutz auch Klimaschutz sein kann und umgekehrt. So erlaubt biologische Vielfalt in der Agrarlandschaft nicht nur einen geringeren Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln, sondern sie hilft auch der kleinbäuerlichen Landwirtschaft in den ärmsten Regionen der Welt. Diese aber ernährt nicht nur die Menschen, sie trägt auch deutlich weniger zum Klimawandel bei als unsere hochtechnisierte Landwirtschaft im "Ungleichgewicht". Nachhaltig genutzte Wälder in allen Klimazonen sind biologisch reichhaltiger als Kiefern- oder Ölpalmenplantagen – und sie entziehen bei guter Pflege der Atmosphäre schädliches Kohlendioxid. Alle diese Werte in einer historisch kurzen Phase des Energiehungers zu opfern, heißt diejenigen Ungleichgewichte auf dem Planeten zu fördern, aus denen viele kriegerische Auseinandersetzungen in unserer Zeit entstanden sind.
Zum Essay von Josef H. Reichholf
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