Es könnte vorläufig folgender Devise gehorchen: Schönheit ist die Selbsttransparenz der Lebendigkeit, das sprachlose Sichtbarwerden ihres Grundcharakters - Kreativität, Gefühl, Übermut, Sympathie, Schmerz und Liebe - in allen Formen auf einer Skala vom vollkommen unbewusst Körperlichen bis zum total künstlich Geistigen. Diese Idee der Schönheit besagt, dass wir in ihr Wahrheit über das Leben vernehmen, dass wir diese aber nicht wissenschaftlich erfahren, als Erklärung, sondern poetisch, als Gefühl. Wir wissen es doch längst: Jedes lebensvolle Gesicht ist schön. Und jedes Wesen, und sei es noch oder gerade so bizarr wie Haeckels Medusen, vermag darum anzuziehen: weil es - gerade unbewusst! - Leben in Fülle hat. Dies war Haeckels intuitive Erkenntnis, mit der er die Subversion seiner eigenen darwinistischen Thesen betrieb. Haeckel war ja gerade von dieser überwältigenden Manifestation des Vitalen, von seiner Ausdrucksfähigkeit gebannt. Man denke an des jungen Forschers Nächte vor seinem improvisierten Labortisch in italienischen Hotels, an dem er immer tiefer in die Welt unbekannter Formen hinabtauchte.
Es ist ja nicht so, dass diese Fülle heute keinen mehr interessierte. Ganz im Gegenteil. Nur den Hütern der offiziellen Wahrheit, den Universitätsprofessoren und den Feuilletonredakteuren, ist sie suspekt, denn sie wirft alles, was sie gelernt haben, über den Haufen. Sie ist schön, und sie ist real.
Aber die Abstimmung mit den Füßen zeigt: Natur ist eine tragende Säule unserer Alltagskultur geworden. Tier- und Landschaftsfilme füllen Fernsehprogramme zur besten Sendezeit. Der grüne Rand ums Haus, Zimmerpflanzen, sogar das Blumenmuster auf Tellern und Tapeten holen Vegetatives ins nächste Lebensumfeld. Im kleinsten Apartment ist Platz für Hund, Fisch oder Ziervogel. Und in den Ferien gilt: bloß weg, in "unberührte" Länder.
Natur, so scheint es, ist dem Menschen ein elementares Bedürfnis - und das offensichtlich in dem Maß mehr, wie das Reservoir erlebbarer unberührter Landschaft schrumpft. Wir hängen an Tieren und Pflanzen wie an einer Nabelschnur. Denn in seinem Leib ist der Mensch selbst Natur. Unser innerer Kern ist körperlich, organisch und unserem rationalen Denken letztlich entzogen. Das Zentrum dieses Mysteriums bildet das Schöne.
Nur die Erfahrung des Schönen lotet das Volumen möglicher Erfahrungen aus - ohne Worte, aber doch auf eigene Art höchst rational: Die Vernunft des Schönen nämlich entspringt den organischen Gesetzen, denen das menschliche Leben ebenso unterliegt wie das der Tiere und Pflanzen. Die elementarsten Möglichkeiten, das Wunder des Aufblühens und die Verzweiflung des Zerfalls, ragen mit ihren Wurzeln ins Dunkel unserer Psyche hinein, die uns darum verborgen ist, weil sie vom Auf und Ab unseres Körpers regiert wird. In diesem Sinn ist die vegetative Welt um uns mit der Psyche in uns identisch. Ihr hält die Natur einen stummen Spiegel vor. Sie drückt vor mir aus, was in mir ist.
Die Natur offenbart ihr Geheimnis nicht dem Argument und nicht der biochemischen Analyse. Sie zeigt es - als Geste und als Gestalt, als Eindruck von Licht und Wärme, von Dunkel und Verfall, von Härte und Dauer, von Wachstum und Wiederkehr. Wir können den letzten Sinn, der uns nebelhaft bleibt, dennoch erfassen, weil wir dazugehören. In der Koralle, im stiebenden Fischschwarm stecken ebenso viele Schichten des Erlebens wie in mir selbst, wenn ich meine Ausdauer vernehme, meine Wehmut. Das ist eine Objektivität, die sich nie auf den Nenner einer Zahl reduzieren lassen wird. Und doch ist sie es, die wir alle, alle Lebewesen, verstehen. Es ist der poetische Kern des Kosmos, der sich auf diese Weise einen Ausdruck bahnt.
Was in Haeckels Bildern mitschwingt, was sie auch heute noch anrührend macht, ist nicht ihre stammesgeschichtliche Präzision. Es ist diese Ergriffenheit, es ist die Möglichkeit, in der Freude ohne Worte zu uns selbst zu kommen. Eine Zeitgenossin Haeckels, die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé, brachte diese Einsicht wie wenige zum Ausdruck, als sie - ebenfalls bereits anachronistisch - in einem Brief notierte: "Man kann doch die Blättchen und Blütenköpfchen nicht sehen, ohne zu wissen: Man ist ihnen verwandt. Der Frühling sagt es so laut, dass auch wir Frühlinge sind. Denn dies ist der Grund unseres Entzückens an ihm."
Auf anderen Social Networks posten:
Den sollte man ihm sehr wohl vorwerfen. Das war ja nicht "die vorherrschende Meinung" und Haeckel ja sicherlich kein Jasager und Mitläufer, sondern ein aktiver Gestalter. Und dass wir heute noch nicht ganz davon los [...] mehr...
Dass insbesondere solche Begriffe wie "Schönheit", "Wahrheit", "Realität", "Substanz", "Geschichte", "Gott" usw. absolut relativ sind. Danke für den misslungenen [...] mehr...
„Es kann daher auch die Tötung von neugeborenen verkrüppelten Kindern (.....) vernünftigerweise nicht unter den Begriff des Mordes fallen, wie es noch in unseren modernen Gesetzbüchern geschieht. Vielmehr müssen wir dieselbe als [...] mehr...
Auch Rilke, Rainer-Maria: In seinen Elegien beschreibt er den Tod als Übergang vom Leben in einen Zustand nicht sichtbarer, doch absoluter Substanz der inneren Wahrheit. Die Verschmelzung der äußeren Realität mit der inneren [...] mehr...
Ich glaube man sollte eine Unterscheidung machen was wir gefühlsmäßig als "schön" empfinden und was uns täglich von den Medien als "schön" vorgesetzt wird. So halte ich die Wüste nicht für schön. Für den [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Natur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH