Von Luca Gasperini, Enrico Bonatti und Giuseppe Longo
Romano Serra von der Università di Bologna und Valerij Neswetailo von der Universität Tomsk entnahmen unterdessen Proben aus Baumstämmen und untersuchten sie auf Anomalien in den Mustern der Jahresringe. Auch das Flugzeug, das uns nach Krasnojarsk gebracht hatte, kehrte an einem dieser Tage zurück und überflog das Gebiet, während ein Fotograf Luftaufnahmen anfertigte. Diese wollten wir mit den Bildern vergleichen, die Kulik sechs Jahrzehnte zuvor aufgenommen hatte.
Die untersten Sedimente im See, so unsere Vermutung, würden Spuren des Tunguska-Ereignisses enthalten. Wir hatten den See nur wenige Male überquert und dabei mit unseren hochauflösenden akustischen Geräten seinen Untergrund untersucht, da wurde bereits klar, dass die Schicht der den Seeboden bedeckenden Sedimente über zehn Meter dick ist. Ein kleiner Teil davon war vom Wind in das Gewässer befördert worden. Die meisten aber waren über den kleinen Fluss Kimtschu hineingelangt, der den Tscheko speist. Doch der See ist den größten Teil des Jahres gefroren. Wir gingen also davon aus, dass die Sedimentschicht durch diese Ablagerungen wahrscheinlich nur einige Zentimeter pro Jahr wächst. Eine sehr dicke Sedimentschicht würde also bedeuten, dass der See schon vor 1908 existierte, dem Jahr des Tunguska-Ereignisses.
Doch je weiter die Kartierung des Seebodens voranschritt, desto überraschter waren wir. In seiner Mitte ist der See etwa 50 Meter tief, zum Ufer hin steigt sein Boden steil an. Er ähnelt also einem Trichter, einem auf der Spitze stehenden Kegel. Wie eine solche Form entstanden sein könnte, lässt sich nur mit Mühe erklären. Wäre der See Jahrtausende alt, hätten die feinen Sedimente, die ihn allmählich füllten, vermutlich zu einem weitgehend flachen Boden geführt. Auch Kombinationsprozesse von Erosion und Sedimentation zogen wir in Betracht, wie sie für einen kleinen Fluss typisch sind, der sich durch eine relativ flache Landschaft schlängelt. An den Abenden diskutierte unser gesamtes Team diese Frage, während wir unter Regenplanen das köstliche russische Kascha verspeisten, ein traditionelles Essen aus geröstetem Buchweizen. Zu einer schlüssigen Begründung der Trichterform gelangten wir jedoch nicht.
Schon bald aber neigte sich unsere Zeit im Tunguska-Gebiet dem Ende zu. Am vorletzten Tag unseres Aufenthalts mühten sich die Expeditionsteilnehmer, das Boot zu zerlegen, die Ausrüstung zu verpacken und auch schon die meisten Zelte abzubauen. Als am nächsten Mittag der Hubschrauber eintraf, beeilten wir uns, alles zu verladen - ein letzter Kraftakt, denn auch dieses Mal konnte der Hubschrauber nicht landen. Doch schließlich stiegen wir wohlbehalten ein, und die Rückreise begann.
Zurück in unseren Instituten in Italien, werteten wir die gemessenen Bodentiefen genauer aus. Wir stellten fest, dass die Form des Tscheko sich deutlich von der anderer sibirischer Seen mit ihren gewöhnlich flachen Böden unterscheidet. Die meisten Seen der Region bilden sich in Vertiefungen, die durch Schmelzvorgänge in der allgegenwärtigen Permafrostschicht entstehen und schließlich mit Wasser volllaufen. Die trichterartige Form des Tscheko ähnelt hingegen bekannten Einschlagkratern ähnlicher Größe, etwa dem Odessa-Krater, der vor 25.000 Jahren beim Einschlag eines kleinen Asteroiden nahe der heutigen texanischen Stadt Odessa entstand.
Könnte der Tscheko tatsächlich ein wassergefüllter Einschlagkrater sein, entstanden im Jahr 1908 durch das Fragment eines Objekts aus dem Weltraum? Dieser Gedanke erschien uns nun immer attraktiver, so dass wir prüften, ob der See bereits zuvor existiert haben könnte. Zuverlässige Landkarten dieser unbesiedelten Region aus der Zeit vor 1908 sind nur mit Mühe aufzutreiben, doch schließlich fanden wir eine militärische Landkarte von 1883, die den See nicht verzeichnete. Auch Einheimische aus der Stadt Evenk berichteten, dass durch die Explosion von 1908 ein See entstanden war. Aber wenn er tatsächlich erst seit 100 Jahren existiert: Wie lässt sich dann die Dicke der Sedimentschichten an seinem Grund erklären?
Unsere seismischen Daten wiesen auf zwei unterschiedliche Sedimentzonen hin. Die obere ist etwa einen Meter stark und besteht aus fein geschichteten Ablagerungen, wie sie für eine ruhige Sedimentation typisch sind. Die Zone darunter fällt hingegen durch ihre ungeschichtete chaotische Struktur auf.
Die italienischen Paläobotanikerinnen Carla Alberta Accorsi von der Università di Modena und Luisa Forlani von der Università di Bologna fanden jüngst in einer Studie heraus, dass die oberen Sedimentschichten des Tscheko unzählige Spuren von Wasserpflanzen aufweisen. In den tieferen Schichten dagegen fehlen solche Spuren völlig, stattdessen enthalten sie große Mengen Pollen von Waldbäumen. Daher scheinen die "echten" Sedimentschichten des Sees nur rund einen Meter dick zu sein, was für ein geringes Alter spricht.
Geheimnisvoller Reflektor
Mit unseren Unterwasserkameras hatten wir im tieferen Teil des Sees auch die halb im Seeboden begrabenen Überreste von Baumstämmen untersucht. Ultraschallwellen, mit denen wir dasselbe Gebiet "durchleuchteten", lieferten zudem Bilder einer charakteristischen haarartigen Struktur, die auf Überreste von Stämmen und Zweigen hindeuten könnten. Möglicherweise sind dies die Spuren eines ehemaligen Waldes, den das Tunguska-Ereignis vernichtet hatte und dessen Pollen in den tieferen Sedimentschichten aufgetaucht waren.
Vielleicht lassen sich diese Schichten so erklären: Ein Objekt aus dem Weltraum traf auf sumpfigen Boden, der seinerseits auf einer Dutzende Meter dicken Permafrostschicht auflag. Die Bewegungsenergie des Objekts wurde beim Aufprall in Wärme umgewandelt, was zum Schmelzen des gefrorenen Bodens führte. Dabei wurden Methan und Wasserdampf freigesetzt und der Krater so um ein weiteres Viertel vergrößert. Gleichzeitig schleuderte der Aufprall die schon vorhandenen Fluss- und Sumpfsedimente auf die Flanken des Einschlagkraters, wo wir mit unseren Ultraschallgeräten nun die chaotischen Schichten entdeckten.
Unser seismisches Profil des Sees zeigt zudem eine auffallend starke Reflexion, die von einem Ort einige Meter unter der Mitte des Seebodens stammt. Dort scheint sich ein guter Reflektor für akustische Wellen zu befinden, vermutlich ein etwa meterdickes felsiges Objekt. Oberhalb dieser Stelle entdeckten wir zudem eine schwache magnetische Anomalie. Sind auch das Hinweise auf ein Fragment des Tunguska-Objekts?
Wir sind höchst gespannt, dies herauszufinden, und werden nächstes Jahr zum Ort des Tunguska-Ereignisses zurückkehren. Dort nehmen wir dann eine Grabung in der Mitte des Tscheko-Sees vor - in der Hoffnung, endlich das Geheimnis des rätselhaften reflektierenden Objekts zu lüften.
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