Atomunfall
800 Gramm uranhaltige Flüssigkeit in Frankreich ausgetreten
Noch ein Zwischenfall in einer südfranzösischen Atomanlage: In einer Brennstäbe-Fabrik in Romans-sur-Isère sind nach einem Leitungsbruch knapp 800 Gramm uranhaltige Flüssigkeit ausgetreten. Die Atomaufsicht erklärte, es gebe "keinen Einfluss auf die Umwelt".
Paris - Keine zwei Wochen ist es her, dass in einem französischen Atomkraftwerk radioaktives Material ins Freie gelangte, nun gibt es wieder einen Unfall: Bei einem Störfall in einer französischen Atomanlage in Romans-sur-Isère in der Nähe von Grenoble sind am Freitag knapp 800 Gramm uranhaltige Flüssigkeit ausgetreten. Eine Gefahr für die Umwelt und die Mitarbeiter bestehe aber nicht, erklärte der Generaldirektor der französischen Atomaufsicht (ASN), Jean-Christophe Niel, nach einer Untersuchung des Werks. Die Behörde stufe das Leck auf der ersten Stufe der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse ein.
Die Skala umfasst die Stufen null bis sieben, wobei null die niedrigste Stufe darstellt. Die Betreiberfirma Areva hat die defekte Pipeline mittlerweile gesperrt. Die undichte Stelle befinde sich an einem unterirdischen Rohr, das Uranhaltige Flüssigkeit transportiere, teilte Areva mit. Der Riss an der Leitung sei vermutlich bei Arbeiten im Jahr 2006 entstanden, teilte die ASN unter Berufung auf das Unternehmen mit. Areva wollte noch am Freitag mit der Säuberung des betroffenen Gebietes beginnen.
Umweltminister Jean-Louis Borloo zeigte sich bemüht, die Bevölkerung zu beruhigen. Eine Überreaktion sei unangebracht. Schließlich gebe es jedes Jahr 115 "kleine Unregelmäßigkeiten" in der französischen Atomindustrie.
Auf dem Gelände des Kernkraftwerks
Tricastin waren in der Nacht zum 8. Juli aus einer Anlage zur Reinigung verstrahlter Materialien sechs Kubikmeter uranhaltige Flüssigkeit in die Umwelt gelangt. Die französische Atomaufsicht hatte den Vorfall ebenfalls auf der niedrigsten Stufe einer siebenstelligen Unfallskala eingeordnet. Für Beunruhigung bei den Anwohnern sorgen aber weiter schwankende Messungen des Urangehalts im Grundwasser.
RENAISSANCE DER ATOMKRAFT IN EUROPA
Frankreich will seine Position als europäischer Atomstaat Nummer eins weiter ausbauen. Derzeit wird in Flamanville am Ärmelkanal der erste Europäische Druckwasserreaktor (EPR) des Landes gebaut, der 2012 ans Netz gehen soll. Anfang Juli kündigte Präsident Nicolas Sarkozy den Bau eines zweiten EPR an. Schon heute produzieren in Frankreich 58 Reaktoren fast 80 Prozent des Stroms. Der vom französischen Atomunternehmen Areva und dem Münchner Siemens-Konzern entwickelte EPR soll auch ins Ausland verkauft werden, etwa nach China, Südafrika, Großbritannien und in die USA.
Noch in der laufenden Legislaturperiode will Italien mit dem Bau eines Reaktors der neuen Generation beginnen, sagte Wirtschaftsminister Claudio Scajola Ende Mai. Er erinnerte daran, dass dies der wiedergewählte Regierungschef Silvio Berlusconi in seinem Wahlkampf versprochen hatte. Die Italiener hatten 1987, kurz nach dem Großbrand im ukrainischen AKW Tschernobyl, per Referendum den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Seither wurden die vier Reaktoren des Landes stillgelegt. Derzeit werden in Italien 60 Prozent des Stroms mit Gas produziert. Außerdem importiert Italien große Mengen an Strom, etwa aus der Schweiz. Im November vereinbarte der italienische Stromkonzern Enel mit dem französischen Konzern EdF eine Beteiligung von 12,5 Prozent am französischen EPR in Flamanville.
In der Schweiz ist erstmals seit 20 Jahren wieder der Bau eines AKW geplant. Es soll bei Orten errichtet werden, rund 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Begründet wird dies mit den zu Ende gehenden Laufzeiten der fünf Schweizer Atomkraftwerke, die zwischen 1969 und 1984 errichtet wurden. Dadurch könne es ab 2020 Engpässe bei der Stromversorgung geben, argumentiert der Stromkonzern Atel. Das Bündnis "Nein zur Atomkraft", in dem 28 Organisationen und Parteien zusammengeschlossen sind, hat bereits eine Volksabstimmung zu dem Thema gefordert. Heute werden in der Schweiz rund 38 Prozent des Stroms mit Atomkraft produziert, der Rest stammt vor allem aus Wasserkraftwerken.
Auch in Großbritannien ist eine Rückkehr zur Atomenergie im Gespräch. Im Januar billigte die Regierung in London grundsätzlich den Bau von EPR-Reaktoren. Im Mai vereinbarten Premierminister Gordon Brown und der französische Staatschef Nicolas Sarkozy eine Zusammenarbeit beim Bau neuer Atomkraftwerke. Derzeit liefern in Großbritannien zehn Reaktoren rund 18 Prozent des Stroms. Diese Meiler wurden in den sechziger und siebziger Jahren gebaut; Atomkraftgegnern halten sie für überaltert.
Polen und die drei baltischen Länder planen bereits seit 2006 ein gemeinsames Atomkraftwerk mit einer Kapazität von 3000 Megawatt. Die Gespräche befinden sich derzeit allerdings in der Sackgasse, weil sich die vier Länder noch nicht über die Aufteilung des produzierten Stroms einigen konnten. Polen beansprucht mindestens die Hälfte für sich allein.
Umweltminister Borloo hatte nach dem Vorfall angekündigt, das
Grundwasser in der Nähe aller französischen Atomanlagen untersuchen zu lassen. Zuvor hatte die Atomaufsicht die Anlage in Tricastin geschlossen.
flo/lub/afp/Reuters