SPIEGEL ONLINE: Im vorigen Jahr haben Sie herausgefunden, dass einige Messstationen in Peking verlagert wurden, offenbar um die Ergebnisse zu verbessern. Wie kamen Sie darauf?
Andrews: Ich sah eine Nachricht auf der Web-Seite des Umweltschutzbüros des Pekinger Chaoyang-Bezirks. Auf dieser Web-Seite wurden seit 2003 zusammenfassende Berichte veröffentlicht. Ich bemerkte, dass im Jahr 2006 die Lage von zwei Stationen verändert wurde. Der tägliche Report über die Luftqualität ist ein simpler Durchschnittswert von ausgewählten Messstationen .
SPIEGEL ONLINE: Gab es weitere Quellen?
Andrews: Der Wechsel wurde auch auf der Web-Seite des Umweltministeriums und des Chinesischen Umweltüberwachungszentrums bekannt gegeben. Das Dokument wurde danach übrigens gelöscht. Das Umweltministerium teilte mit, dass drei weitere Stationen hinzukamen: außerhalb der Innenstadt, jenseits des 6. Stadtringes.
SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Qualität der Luft in letzter Zeit verbessert?
Andrews: Nach offiziellen Daten für die ersten sechs Monate 2008 ist die Qualität besser als in den Jahren davor. Allerdings wurden diese Informationen ohne die zwei Stationen in verkehrsreichen Zonen gesammelt, die bei den Datenmessungen zwischen 1984 und 2005 noch dabei waren. Stattdessen wurden die drei neuen Stationen außerhalb der Innenstadt mitgerechnet. Deswegen versteht sich wohl mein Zögern von selbst, den offiziellen Daten über die Luftqualität zu glauben.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben aber noch andere Bedenken?
Andrews: In einer Studie haben chinesische Umweltwissenschaftler Anfang des Jahres herausgefunden, dass die Teilchen-Menge in der Luft um die Hälfte höher war als offiziell mitgeteilt. Am 4. Juli wurde ein "perfekter" Luftverschmutzungsindex veröffentlicht, mit einer Feinstaubkonzentration von 150 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die Reporter der BBC kamen in ihrer Messung auf einen doppelt so hohen Wert.
SPIEGEL ONLINE: Seit dem letzten Wochenende hat die Regierung Fabriken geschlossen und die Hälfte der Autos von den Straßen verbannt. Wird das helfen?
Andrews: Wenn diese Maßnahmen wirklich durchgesetzt werden, könnte sich die Luftqualität in Peking entscheidend verbessern.
SPIEGEL ONLINE: Was könnte schief gehen?
Andrews: Peking hat 1998 den Krieg gegen die Luftverschmutzung ausgerufen. Seither wurde eine Serie von ehrgeizigen Maßnahmen verkündet, um die Luftqualität zu verbessern. Aber es hapert ernsthaft an der Durchsetzung, die Luft ist nicht weniger schmutzig. Werden die Fabriken nun wirklich die Produktion herunterfahren oder werden sie die Nacht zum Tag machen? Werden die Chemie-Fabriken und die Minen schließen? Werden die Lkw, die mit ihren Abgasen stark die Umwelt verschmutzen, von den Straßen fern bleiben? Wird die Arbeit auf den Baustellen eingestellt?
SPIEGEL ONLINE: Was können die Bürger tun?
Andrews: Ich glaube, das größte Problem, das Peking daran gehindert hat, die Qualitätskrise anzugreifen, ist der Mangel an öffentlichem Bewusstsein darüber, wie schlimm die Verschmutzung wirklich ist. Wenn sich die Qualität verbessert hat, wie die Regierung behauptet - warum muss man dann noch mehr tun?
SPIEGEL ONLINE: Sind die Pläne einiger Athleten gerechtfertigt, sich nicht in China, sondern in Südkorea oder in Japan vorzubereiten?
Andrews: Ich habe den Eindruck, dass die Athleten vieler Länder woanders trainieren, um sich besser auf die Wettkämpfe konzentrieren zu können. Das gab es auch schon vor anderen Olympischen Spielen. In diesem Sommer hat es den Nebeneffekt, dass sie sich nicht der schmutzigen Luft Pekings aussetzen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Abgesehen von den Gefahren für die Gesundheit - welche weiteren Folgen hat die schlechte Pekinger Luft?
Andrews: Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm. Die Verschmutzung kostet jedes Jahr über sieben Prozent des Bruttosozialprodukts.
Das Interview führte Andreas Lorenz
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