Atomunfall
15 Personen in Frankreich radioaktiv kontaminiert
Die Pannen bei französischen Atomanlagen reißen nicht ab: Bei der Inspektion der Atomanlage im südfranzösischen Saint-Alban sind 15 Mitarbeiter radioaktiv kontaminiert worden. Es ist der dritte Atomunfall innerhalb von zwei Wochen.
Paris - Und wieder ein Atom-Zwischenfall in Frankreich: Bei 15 Mitarbeitern der Zentrale Saint-Alban im Südosten des Landes wurden Ende vergangener Woche leichte Spuren einer Kontamination festgestellt, wie der Stromkonzern EDF am Montag bekannt gab. Die Experten seien nach der Inspektion einer Baustelle untersucht worden, dabei seien leichte Spuren von radioaktiven Elementen gefunden worden.
Die Kontamination sei aber ohne gesundheitliche Konsequenzen, und die Betroffenen hätten ohne Behandlung nach Hause gehen können, erklärte EDF. Eine Untersuchung sei eingeleitet worden, um den Grund der Verstrahlung herauszufinden.
Erst vor zwei Wochen waren in der
Atomanlage Tricastin 74 Kilogramm Uran ausgetreten und in zwei Flüsse gelangt. Am Donnerstag wurde zudem ein undichtes Kanalisationsrohr in einer Brennstäbefabrik in
Romans-sur-Isère entdeckt, aus dem zwischen 120 und 750 Gramm Uran ausgelaufen waren. Die Pannen hatten zu scharfen Protesten von Atomgegnern geführt.
RENAISSANCE DER ATOMKRAFT IN EUROPA
Frankreich will seine Position als europäischer Atomstaat Nummer eins weiter ausbauen. Derzeit wird in Flamanville am Ärmelkanal der erste Europäische Druckwasserreaktor (EPR) des Landes gebaut, der 2012 ans Netz gehen soll. Anfang Juli kündigte Präsident Nicolas Sarkozy den Bau eines zweiten EPR an. Schon heute produzieren in Frankreich 58 Reaktoren fast 80 Prozent des Stroms. Der vom französischen Atomunternehmen Areva und dem Münchner Siemens-Konzern entwickelte EPR soll auch ins Ausland verkauft werden, etwa nach China, Südafrika, Großbritannien und in die USA.
Noch in der laufenden Legislaturperiode will Italien mit dem Bau eines Reaktors der neuen Generation beginnen, sagte Wirtschaftsminister Claudio Scajola Ende Mai. Er erinnerte daran, dass dies der wiedergewählte Regierungschef Silvio Berlusconi in seinem Wahlkampf versprochen hatte. Die Italiener hatten 1987, kurz nach dem Großbrand im ukrainischen AKW Tschernobyl, per Referendum den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Seither wurden die vier Reaktoren des Landes stillgelegt. Derzeit werden in Italien 60 Prozent des Stroms mit Gas produziert. Außerdem importiert Italien große Mengen an Strom, etwa aus der Schweiz. Im November vereinbarte der italienische Stromkonzern Enel mit dem französischen Konzern EdF eine Beteiligung von 12,5 Prozent am französischen EPR in Flamanville.
In der Schweiz ist erstmals seit 20 Jahren wieder der Bau eines AKW geplant. Es soll bei Orten errichtet werden, rund 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Begründet wird dies mit den zu Ende gehenden Laufzeiten der fünf Schweizer Atomkraftwerke, die zwischen 1969 und 1984 errichtet wurden. Dadurch könne es ab 2020 Engpässe bei der Stromversorgung geben, argumentiert der Stromkonzern Atel. Das Bündnis "Nein zur Atomkraft", in dem 28 Organisationen und Parteien zusammengeschlossen sind, hat bereits eine Volksabstimmung zu dem Thema gefordert. Heute werden in der Schweiz rund 38 Prozent des Stroms mit Atomkraft produziert, der Rest stammt vor allem aus Wasserkraftwerken.
Auch in Großbritannien ist eine Rückkehr zur Atomenergie im Gespräch. Im Januar billigte die Regierung in London grundsätzlich den Bau von EPR-Reaktoren. Im Mai vereinbarten Premierminister Gordon Brown und der französische Staatschef Nicolas Sarkozy eine Zusammenarbeit beim Bau neuer Atomkraftwerke. Derzeit liefern in Großbritannien zehn Reaktoren rund 18 Prozent des Stroms. Diese Meiler wurden in den sechziger und siebziger Jahren gebaut; Atomkraftgegnern halten sie für überaltert.
Polen und die drei baltischen Länder planen bereits seit 2006 ein gemeinsames Atomkraftwerk mit einer Kapazität von 3000 Megawatt. Die Gespräche befinden sich derzeit allerdings in der Sackgasse, weil sich die vier Länder noch nicht über die Aufteilung des produzierten Stroms einigen konnten. Polen beansprucht mindestens die Hälfte für sich allein.
lub/AP