Stralsund - Wird der verirrte Buckelwal in der Ostsee überleben können? Oder muss er schnellstens zurück in den Atlantik finden?
Die Stralsunder Walforscherin Anja Gallus vom Deutschen Meeresmuseum glaubt, dass der Buckelwal mittelfristig gute Überlebenschancen hat. In der Regel ernährten sich die Tiere im Polarmeer von Krill und wanderten dann weiter südwärts, wo sie ihre Jungen bekämen. In der Ostsee könnten die Wale vorübergehend auch von kleineren Fischen leben, erläuterte die Expertin.
"Die Ostsee ist kein geeigneter Lebensraum für Buckelwale"
Anderer Meinung ist die Meeresbiologin Petra Deimer. Der Buckelwal müsse schnellstens aus der Ostsee herausfinden, um zu überleben, sagte die Wissenschaftlerin von der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM). Das Nahrungsangebot in dem Binnenmeer sei gering und werde, wie die Wasserqualität, nach Osten hin immer schlechter. Zudem könne die Ostsee im Winter zufrieren. "Er darf auf keinen Fall in der Ostsee bleiben", betonte Deimer.
Auch der Wal-Experte des WWF, Volker Homes, sieht die Überlebenschancen in der Ostsee gering: "Die Ostsee ist kein geeigneter Lebensraum für Buckelwale. Die riesigen Meeressäuger finden hier einfach nicht genügend Nahrung."
Der Buckelwal war am Freitag zufällig von drei Biologen vor der Küste Rügens entdeckt worden. Laut Wissenschaftlern eine Sensation - der letzte Buckelwal war 1978 in der Ostsee gesichtet worden.
Dass der Wal aus der Ostsee in den Atlantik zurückfinden könne, sei laut Deimer aber möglich: "Wale sind intelligente und unternehmungslustige Tiere", sagte sie. So sei auch der 2006 vor der polnischen Küste beobachtete Buckelwal nie tot gefunden worden. "Deshalb denke ich, das kann gutgehen", sagte Deimer. Aus der Ostsee herausfinden müsse der Wal allerdings alleine, Rettungsversuche bewertet Homes als sinnlos: "Einem Wal beizubringen, aus der Ostsee rauszuschwimmen, ist so gut wie unmöglich."
Über die Gründe, warum sich der Buckelwal in die Ostsee verirrt hatte, kann nur spekuliert werden: Harald Benke, der Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, nannte Fischschwärme als möglichen Grund dafür, dass der Wal während seiner gewohnten Sommerroute in die Arktis versehentlich über die Nordsee in die Ostsee geschwommen sei. "Die Wale ernähren sich von diesen Schwärmen und folgen ihnen", sagte er. "Auch dieser Wal schwamm vermutlich hinter so einem Fischschwarm her. Der ist einfach auf den falschen Weg gelangt."
Höllenlärm unter Wasser
Das glaubt auch Deimer. Das Tier sei vermutlich auf der Futtersuche im Kattegat in die Ostsee geraten, wo er sicherlich kleine Dorsche und Heringe gefunden habe. "Wale sind nicht wählerisch", meinte Deimer. Sie seien aber sehr neugierig, vor allem, solange sie nicht die Fortpflanzung beschäftige.
Der WWF vermutet hingegen auch Unterwasserlärm als mögliche Ursache für die Desorientierung. "Es muss in einigen stark befahrenen Meeresregionen für Wale etwa so sein, wie wenn wir direkt neben einer Autobahn stehen", sagte Homes. "Der Unterwasserlärm stört womöglich ihre Wahrnehmung und ihren Orientierungssinn." Auch Deimer meint: "Die Menschen machen einen Höllenlärm unter Wasser." Die Chancen für eine Rückkehr des Buckelwales zu seinesgleichen hängt daher auch vom Schiffsverkehr, unterseeischen Sprengungen und Bohrungen ab.
Der Buckelwal war nach der Sichtung am Freitag zunächst nicht wieder aufgetaucht. Chancen, das Tier zu orten, werden von Experten als sehr gering bewertet, da die sechs in der Ostsee installierten Detektoren auf Ortungen von Schweinswalen spezialisiert seien. Die Gesänge des Buckelwals lägen jedoch auf einer völlig anderen Frequenz.
lub/dpa/ddp
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