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06.08.2008
 

Neue Landkarte

So könnte die Arktis aufgeteilt werden

Von Christoph Seidler

Wenn die fünf Polarstaaten versuchen, die Arktis mit ihren vermuteten Öl- und Gaslagerstätten unter sich aufzuteilen, droht Streit. Eine neue Arktiskarte zeigt, wo die Konfliktpunkte in der unwirtlichen Region um den Nordpol liegen.

Beim Familienfoto auf dem Kutter "Smilla" hatten sich die Minister ganz besonders um Harmonie bemüht: Eine lächelnde Herrenrunde mit einer Dame vor der malerischen Kulisse des Gletschers im Ilulissat-Eisfjord. Als sich Ende Mai Spitzenpolitiker der fünf Arktis-Staaten zum einem Mini-Gipfel trafen, ging es ihnen vor allem um eine Botschaft: Im hohen Norden gibt es keinen Streit, kein Wettrennen um den Pol, man werde sich friedlich einigen.

Von einem "guten politischen Rahmen für eine friedliche Entwicklung im arktischen Ozean in der Zukunft" war im Abschlussdokument, der "Erklärung von Ilulissat", zu lesen. Konkurrierende Gebietsansprüche in der schmelzenden Arktis sollten unter Uno-Regie nach geltenden rechtlichen Normen gelöst werden. Wie schwierig das allerdings werden dürfte, zeigt nun eine neue Landkarte aus Großbritannien. Auf ihr ist eindrucksvoll zu sehen, wo die Konfliktpunkte liegen. "Wir haben eingezeichnet, welche Gebiete beansprucht werden könnten", sagt Martin Pratt von der International Boundaries Research Unit der University of Durham im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Ähnlich wie die Antarktis wird der Arktische Ozean so zum Flickenteppich: Grün sind die russischen Ansprüche, Norwegens Forderungen sind in Orange eingezeichnet - und so weiter. Besonders interessant sind schraffierte Flächen. Sie markieren Bereiche, die bisher nicht von einem Staat beansprucht sind, es aber in Kürze werden könnten. Die Anträge Russlands und Norwegens liegen den Experten der zuständigen Uno-Kommission bereits vor, die Russen müssen allerdings bis zum kommenden Jahr nacharbeiten. Kanada und Dänemark bereiten ihre Gebietsforderungen noch vor, die sie bis zum Jahr 2013 beziehungsweise 2014 präsentieren müssen. Wichtig sind dafür geophysikalische Daten des Ozeangrundes, die eine Fortsetzung der Landmasse unter Wasser beweisen.

Bei der Veröffentlichung von Zwischenergebnissen haben sich Forscher aus beiden Ländern wiederholt euphorisch über mögliche Territoriumsgewinne für ihr Land geäußert. Die USA können bislang keine Gebietsforderungen stellen, weil sie das Seerechtsübereinkommen der Uno nicht ratifiziert haben. Doch in Hintergrundgesprächen geben US-Offizielle zu verstehen, dass in Washington bereits seit einigen Jahren in aller Stille ein Antrag vorbereitet wird, der nach einer Ratifikation des Abkommens - wahrscheinlich nach der Präsidentschaftswahl - nur aus der Schublade gezogen werden muss.

Die verbleibenden blauen Wasserflächen auf der aktuellen Arktiskarte aus Durham, die Hohe See, die der gesamten Menschheit gehört, sind verschwindend klein. Für Experten sind die Aussagen nicht unbedingt neu; für die breite Öffentlichkeit wird aber eindrucksvoll klar, wie sich etwa in der Gegend um den Pol die Ansprüche Russlands, Kanadas und Dänemarks überschneiden. Gebietsstreitigkeiten gibt es zum Beispiel auch in der Barentssee zwischen Norwegen und Russland - und zwischen den USA und Kanada in der Beaufortsee.

"Bis zu einem gewissen Maß spekulativ"

Die Landkarte der neuen Arktis hat allerdings ein entscheidendes Manko: Sie täuscht mehr Präzision vor, als sie tatsächlich bieten kann. Die Uno-Regeln zu Gebietsforderungen sind nämlich höchst kompliziert. Bis auf Russland und Norwegen, die ihren Hut bereits in den Ring geworfen haben, weiß niemand genau, welcher Staat Anspruch auf welche Territorien erheben wird. Sein buntes Machwerk sei "bis zu einem gewissen Maß spekulativ", gesteht auch Pratt ein. In den Anmerkungen weise man aber auch genau darauf hin.

Das Produkt der Briten hat noch ein weiteres kleines Problem. Die Nordwest-Passage durch das Inselreich Nordkanadas firmiert als kanadisches Gewässer - eine Lesart, die nicht unumstritten ist. Die Regierung in Ottawa bemüht sich zwar, genau diese Sichtweise durchzusetzen und schickt immer wieder kanadische Patrouillenboote in den hohen Norden. Die Amerikaner und Europäer sehen die Meeresgebiete aber als internationale Wasserstraße an. Eine Sicht, die vor allem eigennützig ist: Sollte die Passage in einigen Jahren routinemäßig im Sommer passierbar sein, müssten Schiffe aus den USA oder der EU nicht bei jeder Reise um Erlaubnis fragen - und unter Umständen Transitgebühren zahlen.

Pratt sagt, dass seine neue Landkarte bei den schwierigen politischen Verhandlungen um die Arktis helfen solle. Diese werden sich zweifellos noch einige Jahre hinziehen. Doch die Tendenz ist klar: Der hohe Norden, wo knapp ein Viertel der noch unentdeckten Öl- und Gasvorkommen der Welt liegen, wird aufgeteilt; die bunten Karte aus Großbritannien gibt schon einmal einen Vorgeschmack darauf. In den Verhandlungen wird sich zeigen, ob alles tatsächlich so friedlich zugehen wird, wie die Polarstaaten beim Grönland-Gipfel im Mai versprochen haben.

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