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25.09.2008
 

Gefährliches Methanhydrat

Klimakiller löst sich aus den Tiefen des Eismeeres

Von Christoph Seidler

Gasblasen, die großflächig vom Meeresgrund an die Oberfläche blubbern: Eine russisch-schwedische Arktisexpedition hat ein dramatisches Phänomen im Eismeer beobachtet. Der arktische Meeresboden setzt offenbar große Mengen des Klimakillers Methan frei.

Das Meer schien zu kochen, rund um die "Jacob Smirnitskyi". Gasblasen blubberten um den grauen Rumpf des 70 Meter langen russischen Forschungsschiffs an die Wasseroberfläche. Es waren Wissenschaftler einer schwedisch-russischen Expedition, die die beunruhigende Entdeckung am vergangenen Donnerstag machten - in Gewässern vor der Küste Sibiriens, die so bitterkalt sind, dass allein der Gedanke an kochendes Wasser lächerlich erscheint.

Während das Gas aufstieg, als ob irgendwo jemand eine riesige unsichtbare Mineralwasserflasche geöffnet hätte, wussten die Forscher der " International Siberian Shelf Study 2008" schnell, womit sie es zu tun hatten: Methan - ein hochpotenter Klimakiller, mehr als 20-mal wirkungsvoller als CO2 - bahnte sich vor ihren Augen ungehindert den Weg ins Freie. Der Stoff lagert eigentlich als Eis-Methan-Gemisch, sogenanntes Gashydrat, sicher gebunden am Ozeanboden. Allein in den sibirischen Schelfmeerbereichen vermuten die Forscher 540 Milliarden Tonnen an Gashydrat-Vorkommen.

Im Grundsatz sind Methanhydrate interessant, weil sie auch als Energiequelle dienen können. Doch schon seit einiger Zeit machen sich Wissenschaftler Gedanken über deren Stabilität in den Wassern der Arktis. Das Problem: Der dauerhaft gefrorene Boden am Meeresgrund, der die Vorkommen bisher sicher umschlossen hat, fängt wegen der Erderwärmung offenbar an zu tauen.

Das Methan kann sich so auf den Weg in die Atmosphäre machen und dort die Erde weiter aufheizen - wodurch weiteres Methan aus dem Arktischen Ozean freiwerden würde. Ein Teufelskreis. Russische Forscher schätzen, dass sich die Methankonzentration der Erdatmosphäre durch die in der Arktis gespeicherten Mengen verzwölffachen könnte.

Wie stark sich die Permafrostbereiche in der Arktis - und mit ihm die Methandepots am Meeresgrund - tatsächlich erwärmen, darüber gibt es langwierige Diskussionen. Doch viele Forscher glauben, dass die gefrorenen Schelfbereiche deutlich gefährdeter sein könnten als der Eisboden an Land.

Dass bereits jetzt offenbar großflächig Gas vom Ozeanboden aufsteigt, scheint unbestritten. Im vergangenen Sommer hatte die russische Forscherin Natalia Schachowa von zerbröselnden Methanhydraten berichtet, für dieses Jahr gibt es die Berichte von der "Jacob Smirnitskyi".

Überall entlang der russischen Nordküste machten die Forscher an Bord des Schiffes problematische Beobachtungen. Der an der Expedition beteiligte schwedische Wissenschaftler Örjan Gustafsson von der Universität Stockholm berichtet auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, an welchen Stellen die Expedition großflächig aufsteigendes Methan nachweisen konnte:

  • In der von Treibeis bedeckten westlichen Laptew-See (bei einer Länge von 110 Grad Ost) habe man erhöhte Methanwerte in Wasser und Umgebungsluft gemessen.

  • Auch in der westlichen Laptew-See (bei einer Länge von 133 Grad Ost), nicht weit von der Mündung der Lena, habe man ähnliche Beobachtungen gemacht. Hier hatte der russische Forscher Igor Semiletow bereits erhöhte Methankonzentrationen nachgewiesen, die nun bestätigt wurden.
  • Auch in westlichen Bereichen der Ostsibirischen See (östlich der Neusibirischen Inseln) und der östlichen Laptew-See fanden die Forscher massiv erhöhte Gaskonzentrationen in Wasser und Luft.

Doch die Geschehnisse am 18. September stellten das alles in den Schatten. Während das frei gewordene Methan in den anderen Fällen im Wasser gelöst war, strömte es nun in Gasblasen nach oben. Ein Zeichen dafür, dass die Gasfreisetzung am Meeresboden besonders schnell und ungezügelt ablief. "Die Schlote von Methanblasen konnten wir mit dem Echolot und mit seismischen Instrumenten nachweisen", beschreibt Forscher Gustafsson die Situation. Es sei das erste Mal überhaupt, dass Forscher den beunruhigenden Vorgang des blubbernden Meeres direkt beobachtet hätten.

Klare Reflexionen auf dem Echolot hätten die Blasen hinterlassen. Und auf den seismischen Bildern seien Sedimentstrukturen am Meeresboden zu erkennen gewesen, die nach oben gewiesen hätten. Aus ihnen sei das Methan vermutlich ausgetreten.

Aus der theoretischen Möglichkeit der Methanfreisetzung aus den arktischen Gashydraten scheint mehr und mehr eine schmerzhafte Realität zu werden - mit möglicherweise verheerenden Folgen für das Klima. Ist die Erde bereits in eine Art Teufelskreis eingetreten, in der steigende Meerwasser- und Flusstemperaturen den Boden immer weiter antauen und so noch mehr Methan freisetzen? "Es ist zu früh zu sagen, dass wir einen solchen 'Tipping Point' erreicht haben", sagt Polarforscher Gustafsson.

Bevor sie weitreichende Schlüsse ziehen, wollen die Forscher der "International Siberian Shelf Study 2008" ihre Messergebnisse nach ihrer Heimkehr erst einmal für eine wissenschaftliche Veröffentlichung vorbereiten. Doch eines ist für Örjan Gustafsson bereits jetzt klar: "Wir brauchen unbedingt weitere Feldstudien." Denn präzise Daten aus dem hohen Norden gibt es noch immer viel zu wenige. Immerhin ist das sibirische Schelfmeer fast sechsmal so groß wie Deutschland.

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