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Überfischung Plünderung der Meere könnte zu Todeszonen führen

2. Teil: Die Macht der Konsumenten

Verantwortung weist das Regierungspapier auch den Bürgern zu. "Nachhaltigen Konsum" sollten sie praktizieren. Doch was heißt das? Der Verbraucher steckt in einem Dilemma: Ärzte und Ernährungsexperten raten dazu, mindestens einmal pro Woche Fisch zu essen. Fische enthalten besonders wertvolle ungesättigte Fettsäuren, denen allerlei gesundheitsförderliche Wirkungen nachgesagt werden. Länder mit hohem Fischkonsum wie Japan und Island weisen die weltweit höchsten Lebenserwartungen auf.

Gefangener Dorsch im Hafen von Rostock-Warnemünde: Wer sorglos an den Fischkauf herangeht, muss damit rechnen, Diebesgut auf dem Teller zu haben
DDP

Gefangener Dorsch im Hafen von Rostock-Warnemünde: Wer sorglos an den Fischkauf herangeht, muss damit rechnen, Diebesgut auf dem Teller zu haben

Was also kaufen? Wenn die EU-Minister die Fangmengen drastisch reduzieren würden, wie es Umweltschützer fordern, könnte im schlechtesten Fall noch mehr Fisch aus Weltregionen kommen, in denen es gar keine Auflagen für die Fischerei gibt. Um solche negativen Folgen zu vermeiden, bedarf es größter Aufmerksamkeit von Verbrauchern. Die Umweltorganisationen Greenpeace und WWF bieten im Internet und als Broschüren "Fisch-Führer" an, die bei der Auswahl verantwortungsvoll gefangener Fische helfen. In beiden Führern sind zahlreiche Fischarten aufgelistet, deren Verzehr der Umwelt keinen schaden zufügt. Allerdings muss sich der Verbraucher bei manchen Fischen die Mühe machen, nach der Herkunftsregion zu fragen. Umweltschützer ermutigen dazu, dies sowohl an der Fischtheke als auch im Restaurant zu tun. Das nämlich würde bei den Fischeinkäufern die Aufmerksamkeit für die Öko-Probleme schärfen.

Eine gute Orientierung gibt auch das Label des Marine Stewardship Council (MSC), das auch in Deutschland bereits auf vielen tiefgefrorenen Fischprodukten prangt. "Bevor ein Fischereibetrieb unser Label erhält, muss er nachweisen, dass er sich nicht an Überfischung beteiligt und nachhaltige Praktiken anwendet", sagt Marnie Bammert, die Vertreterin der MSC-Organisation in Berlin.

Anfang Oktober hat Bammert bekannt gegeben, dass die deutschen Seelachsfischer an der Nordsee sich mit Erfolg der strengen MSC-Überprüfung unterzogen haben. Die Cuxhavener Fischer mussten beweisen, dass sie dem Meer nicht zuviel Fisch entnehmen und auf andere Fischarten, Meeressäuger und Wasservögel Rücksicht nehmen. So benutzten die Kutterfischer aus Cuxhaven ausschließlich großmaschige Netze, erklärte die deutsche MSC-Beauftragte. Jungfische könnten durch die Lücken im Geflecht entschlüpfen, wachsen, sich fortpflanzen und so dafür sorgen, dass immer zahlreich Nachwuchs vorhanden sei.

"Wir haben keine genauen Zahlen"

Als Schwarmfisch schwimme Seelachs nicht mit anderen Arten herum, so dass kaum ungewollter Fisch - der sogenannte Beifang - in den Netzen lande. Die Kutterfischer zögen ihre Netze ausschließlich über steinigen Untergrund, der wenig empfindlich sei. Sie verwendeten leichte Netze mit Rollengeschirr statt Eisenketten und beführen immer wieder dieselben Routen. Die Auswirkungen des Fangbetriebes auf den Meeresboden seien gering, der Dieselverbrauch niedrig. "Die deutschen Heringfischer an der Ostsee haben sich nun ebenfalls für unseren Begutachtungsprozess angemeldet", berichtet Bammert.

Auf das MSC-Siegel zu achten, lohnt sich für Verbraucher, denen an einem reinen Gewissen gelegen ist. Wer nämlich sorglos an den Fischkauf herangeht, muss damit rechnen, Diebesgut auf dem Teller zu haben. "Wir haben keine genauen Zahlen, aber es steht fest, dass noch immer große Mengen illegal gefangenen Fisches in der EU angelandet werden und aus anderen Teilen der Welt zu uns kommen", sagte der Chef der EU-weiten Fischereiaufsichtsagentur im spanischen Vigo, Harm Koster, SPIEGEL ONLINE.

Die Kontrollen auf den Schiffen und in den Häfen müssten so verstärkt werden, dass diese Praktiken endlich ein Ende hätten. Ein weltweites Nachweissystem sei nötig. Ähnlich gravierend wie illegaler Fang sei die Beifangproblematik: "Zu viel Fisch wird draußen auf der See oftmals tot wieder zurückgeworfen", klagte Koster, "weil er zu klein ist oder zu Arten gehört, die der Verbraucher nicht nachfragt". Wie groß diese Beifangmengen seien, lasse sich derzeit nicht bestimmen.

Koster unterstützt daher den Plan der EU-Kommission, es zur Pflicht zu machen, den gesamten Fang an Land zu bringen und auf die erlaubte Fangmenge anzurechnen. "Dann würde Klarheit herrschen, was dem Meer entnommen wird und es bestünde ein Anreiz, in nachhaltigere Fangmethoden zu investieren."

Verbraucher müssten Druck erzeugen

Einen Ausweg aus den Überfischungsproblemen sehen viele in der Aquakultur. Fische werden dabei nicht aus dem offenen Meer gefangen, sondern in großen Käfigen in Küstennähe großgezogen. Frankreich möchte bis Jahresende den Vorsitz des EU-Rats dazu nutzen, eine Großoffensive für den Ausbau der Aquakultur in der EU zu starten. Die Fischzucht hinkt in der EU nämlich anderen Weltregionen hinterher. Weltweit stammen bereits rund vierzig Prozent des gesamten Fischkonsums aus Aquakultur, in der EU 18 Prozent.

Doch Umweltschützer sind von der Expansion der Aquakultur nicht begeistert. Betroffen von dem EU-Plan wären auch so ökologisch sensible Gebiete wie das Donaudelta am Schwarzen Meer. Auf dem IUCN-Weltnaturschutzkongress nannten Experten auch bei der scheinbar eleganten Aquakultur zahlreiche ökologische Gefahren. Wildfische würden domestiziert, gebietsfremde Arten häufig eingesetzt. Das Fischfutter werde aus Wildfischen oder Tierresten hergestellt, riesige Mengen organischer Abfälle kämen ins Wasser, ebenso wie Parasiten, Medikamente und giftige Imprägniermittel an den Käfignetzen.

Die Weltnaturschutzunion IUCN arbeitet nun zusammen mit dem Dachverband der EU-Fischfarmen freiwillige Auflagen aus, die Umweltschäden vermindern oder vermeiden helfen sollen. Und noch einen Erfolg kann IUCN verzeichnen: Vertreter der spanischen Fischereiindustrie verpflichteten sich auf dem Kongress in Barcelona dazu, gemeinsam mit den Umweltschützern eine nachhaltigere Fischerei aufzubauen. Es ist die erste Vereinbarung dieser Art - ausgerechnet mit Spanien, das in der EU als größter Sünder unter den Fischereinationen gilt. Allerdings dämpfte ein Vertreter der spanischen Fischereibranche Erwartungen an das Abkommen, was die anwesenden Umweltvertreter enttäuschte: "Wir müssen nicht viel ändern, nur hier und da etwas." Der Druck, die Plünderung der Meere zu stoppen, muss wohl doch von Verbrauchern, Lebensmittelketten und Politikern kommen.

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