Sonntag, 22. November 2009

Wissenschaft



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22.10.2008
 

Klimawandel

Chinas Treibhausgas-Ausstoß droht sich zu verdoppeln

Chinas Wirtschaftswachstum könnte alle Klimaschutzbemühungen des Westens zunichtemachen: Der Bericht eines staatlichen Instituts warnt vor einer Verdopplung des Treibhausgas-Ausstoßes Chinas in nur 30 Jahren.

Peking - Die chinesische Wirtschaft wächst rasant, und mit ihr die Umweltverschmutzung. Schätzungen zufolge hat das riesige Land schon im vergangenen Jahr die USA als weltgrößter Treibhausgas-Emittent abgelöst. Offizielle Zahlen der chinesischen Regierung gibt es bisher nicht. Jetzt aber scheint sie ihr Schweigen zaghaft zu brechen. Forscher der staatlichen Chinesischen Akademie der Wissenschaften haben einen Bericht über die Zukunft der Energieversorgung ihres Landes veröffentlicht - und der ist alles andere als erfreulich.

Ohne dramatische Gegenmaßnahmen werde der Treibhausgas-Ausstoß rasant steigen, heißt es in dem Bericht. Im Jahr 2020 könnte China eine Menge an Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen, die 2,5 Milliarden Tonnen reinem Kohlenstoff entspreche. Unter ungünstigen Bedingungen könnten es 2,9 Milliarden Tonnen werden. Bis 2030 könnten die Emissionen sogar 3,1 bis 4 Milliarden Tonnen Kohlenstoff entsprechen. Das wäre in etwa eine Verdopplung der aktuellen Werte.

Im vergangenen Jahr haben alle Staaten der Welt gemeinsam den Gegenwert von rund zehn Milliarden Tonnen Kohlenstoff ausgestoßen, wovon 8,5 Milliarden Tonnen auf die Benutzung fossiler Brennstoffe entfielen. Laut dem Bericht des Oak Ridge National Laboratory in den USA hatte China im Jahr 2007 mit 1,8 Milliarden Tonnen erstmals die USA (1,6 Milliarden) als weltgrößter Emittent überholt. Russland lag mit 432 Millionen Tonnen auf Platz drei, dicht gefolgt von Indien. Fachleute messen den Treibhausgas-Ausstoß oft in Tonnen Kohlenstoff. Die entsprechenden Mengen an Kohlendioxid liegen noch höher, da es 3,67-mal schwerer ist als reiner Kohlenstoff.

Warnung vor riskanter Untätigkeit

Zwar gibt die Chinesische Akademie der Wissenschaften keine eigene Schätzung zu den Emissionen des Landes ab. Doch der "Energiebericht China 2008" warnt eindringlich vor enormen Risiken, sollte die Regierung die CO2-Emissionen angesichts des rasanten Wirtschaftswachstums nicht einschränken. "Egal, wie historische Verantwortung definiert wird", heißt es in dem Papier, "unser Land darf auf dem Wege seiner Entwicklung nicht die ungebremsten Emissionen der entwickelten Länder wiederholen." Deshalb müsse man vorausplanen und in einer langfristigen Strategie den Treibhausgas-Ausstoß in den Griff bekommen.

Im nächsten Jahr werden die Vereinten Nationen versuchen, ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll zu schließen. Die Europäische Union hat in der vergangenen Woche vorgeschlagen, dass die Schwellenländer sich zu einer 15- bis 30-prozentigen Senkung ihrer Treibhausgas-Emissionen verpflichten - gegenüber einem Szenario, in dem die Emissionen ungebremst weitergehen. Die EU selbst will ihren Kohlendioxid-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 1990 senken, Deutschland um 40 Prozent.

Bewegen sich die Schwellenländer?

Klimaschützer mahnen schon seit Jahren, die Entwicklungs- und Schwellenländer stärker in die Umweltschutzmaßnahmen einzubinden. Politisch war das in der Vergangenheit aber oft schwierig, da die aufstrebenden Staaten - allen voran große Volkswirtschaften wie China, Indien oder Brasilien - ihr Recht auf Wirtschaftswachstum und Wohlstand betonen. Bisher haben sie sich geweigert, bindende Klimaschutzziele zu akzeptieren. Nur: Sollte ihr Treibhausgas-Ausstoß ähnlich schnell wachsen wie ihre Wirtschaft, wären alle noch so großen Klimaschutzbemühungen der westlichen Staaten von vornherein wertlos. Und Forscher befürchten, dass genau das passieren könnte - da etwa viele Chinesen bislang nur aus purer Armut umweltfreundlich seien.

Die USA haben dagegen die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls auch mit dem Argument abgelehnt, dass das Abkommen ohne die Teilnahme Chinas wertlos sei. Hauptziel der Verhandlungen des kommenden Jahres wird es deshalb sein, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Ob China künftig konzilianter sein wird, ist allerdings offen. Zwar ist der neue Energiebericht ein Schritt in diese Richtung, und auch die teils drastischen Umweltschutzmaßnahmen im Zuge der Olympischen Spiele haben Hoffnung aufkeimen lassen. Allerdings enthält der Energiebericht auch folgenden Satz: "Im Verhältnis zur Senkung der Kohlendioxid-Emissionen ist die wirtschaftliche Entwicklung wichtiger."

Finanzkrise bedroht Klimaschutz zusätzlich

Die globale Finanzkrise könnte den Klimaschutz nun noch weiter hinter die Wirtschaft zurücktreten lassen. Das Europaparlament etwa soll im Dezember das von der EU-Kommission vorgeschlagene Energie- und Klimapaket beschließen. Doch Polen und Italien drohen inzwischen mit einem Veto, während Deutschland und Frankreich an den Umweltschutzplänen festhalten wollen.

Klimaforscher haben jetzt erneut eindringlich davor gewarnt, den Klimaschutz zu vernachlässigen. Der Klimawandel werde im Gegensatz zur Finanzkrise garantiert die nächsten Jahrzehnte andauern, lautete das Fazit auf der 3. Potsdamer Klimakonferenz 2008, an der am Dienstag mehr als 200 Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Umweltschutz teilgenommen haben.

Die Umweltprognosen der Vergangenheit seien zu optimistisch gewesen, betonten die Wissenschaftler. Dies gelte für die Erderwärmung, den Anstieg des Meeresspiegels und die Kohlendioxid-Emissionen, sagte Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Ziel war es beispielsweise, bis heute den Anstieg der Emissionen zu stoppen, doch nicht einmal dieses bescheidene Ziel wurde erreicht." Besonders problematisch sei dies angesichts des weltweit steigenden Energiebedarfs.

Die Finanzkrise zeige genauso wie die "Klimakrise", was passiere, "wenn man seinen Kredit überzieht und kurzfristiges Denken an der Tagesordnung ist", meinte Lucht. PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber bezifferte die jährlich notwendigen Investitionen zur Umsetzung der Klimaziele der Bundesregierung auf rund 2,5 Milliarden Euro - eine "eigentlich marginale Größe". Sollte Europa beim Klimaschutz "einknicken", hätte das einen Dominoeffekt auf andere Staaten, die sich dann auch nicht mehr an Beschränkungen gebunden fühlen müssten.

mbe/Reuters/dpa

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