Von Volker Mrasek
Was ist bloß im hohen Norden los? Das Meereis des Arktischen Ozeans schwindet unerklärlich schnell. Im September 2007 bedeckte es nur noch eine Fläche kaum halb so groß wie Europa: ein Verlust von beinahe 40 Prozent gegenüber dem Mittel der achtziger und neunziger Jahre, wie das Nationale Schnee- und Eisdatenzentrum der USA ausrechnete. Gletscher auf Grönland verblüffen mit erhöhten Abschmelzraten. Seit 1995 und zunehmend schnell seit der Jahrtausendwende erwärmt sich das Nordpolarmeer. Im Sommer 2007 lag die Temperatur im Bereich der Beringsee zwischen Alaska und Ostsibirien um fünf Grad Celsius über dem langjährigen Mittel – mehr als je zuvor. Die Eisbedeckung erreichte einen Minusrekord.
Der Wandel in der Arktis vollzieht sich dabei viel rascher, als es globale Klimamodelle prognostizieren. Mit steigenden Treibhausgas-Emissionen allein lässt sich das Phänomen nicht erklären.
Doch was heizt die Arktis dann so rasant auf?
Eine neue Studie US-amerikanischer, norwegischer und deutscher Wissenschaftler bringt jetzt neue Erkenntnisse. Wie das Team im Fachmagazin "Geophysical Research Letters" berichtet, hat sich die Zirkulation der Atmosphäre im hohen Norden zu Beginn dieses Jahrzehnts drastisch umgestellt - mit einer systematischen Verlagerung von Luftdruckzentren nach Nordosten im Winterhalbjahr. Das neue "abrupte Klimaänderungsmuster", wie die Forscher es nennen, sei durch einen ausgeprägten "atmosphärischen und ozeanischen Hitzetransport" polwärts gekennzeichnet und die treibende Kraft hinter den aktuellen Klimaveränderungen in der Arktis. Aufdecken ließ es sich mit Hilfe spezieller Filtertechniken, die räumlich-zeitliche Abweichungen von Luftdruckfeldern sichtbar machen.
"Den Point of no return haben wir im Fall des arktischen Meereises schon überschritten", glaubt der prominente US-Klimaforscher James Hansen, Direktor des Goddard-Instituts für Weltraumstudien der Raumfahrtbehörde Nasa.
Grundsätzlich steht das Nordpolargebiet unter dem Einfluss der beiden großen Ozeane. Das Kräftemessen zwischen Luftdruckzentren im Nordatlantik (Azoren-Hoch und Island-Tief) und Nordpazifik (Aleuten-Tief und subtropisches Hoch) prägt Zirkulation und Klima der Arktis. Bisher herrschte dabei ein herbst- und winterliches Luftdruckmuster vor, das Meteorologen als dreipolig beschreiben – mit Island-Tief, Azoren- und Subtropen-Hoch als entscheidende Faktoren mit Fernwirkung bis in die Arktis. Unter diesen Bedingungen wehen die Winde bevorzugt "zonal", das heißt entlang der Breitenkreise, wodurch sich die Arktis gegen den Süden einigermaßen abschottet.
"Das ist wie ein Kurzschluss"
Doch zu Beginn dieses Jahrzehnts habe sich dieses Dreieck "unvorhergesehen" zu einem langgezogenen Halbmond über Eurasien verformt und seither eine "völlig andere Dipol-Struktur", wie es in der neuen Veröffentlichung heißt. Nun beherrschen ein ausgeprägtes Tief über Sibirien und ein Hoch über Kanada und dem angrenzenden Pazifik die Szene. Die Folge: Der Wind weht meridional, also entlang der Längenkreise, und befördert Wärme aus tieferen Breiten in die Arktis. "Das ist wie ein Kurzschluss", sagt Rüdiger Gerdes, Leiter der Sektion Meereisphysik am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), einer der fünf Autoren der neuen Studie.
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