Von Volker Mrasek
Besonders extrem fiel die meridionale Wärmeinjektion im Winter 2005/2006 aus. Da flossen 90 Terawatt aus dem Nordatlantik in die Barentssee jenseits des Nordkaps. Das ist eine Steigerung des Wärmeinhaltes, die der Leistung von 90.000 herkömmlichen Atomkraftwerken entspricht und dem arktischen Meereis schwer zusetzte. Physiker Gerdes hat keinen Zweifel, dass es "schnell verschwindet, wenn das neue Luftdruckmuster so bestehen bleibt". Im Winter würde das Polarmeer zwar immer wieder zufrieren. Doch es würde dabei zu wenig Meereis zusammenkommen, um den warmen Sommer zu überdauern.
Diese Einschätzung teilt auch James Overland vom Pazifik-Meeresumweltlabor der US-Wetterbehörde NOAA in Seattle. Im Fachmagazin "Tellus" verweist der Ozeanograph jetzt zusammen mit Fachkollegen gleichfalls auf ein neues, meridionales Strömungsregime in der Arktis. "Wenn der polare Dipol erhalten bleibt, dann verlieren wir das arktische Meereis 40 Jahre früher als durch den Einfluss der Treibhausgase allein", sagt Overland im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Selbst wenn die arktische Zirkulation wieder zum Normalzustand zurückkehrte und der Dipol sich nur alle zehn Jahre ausbildete, werde es "brenzlig", fürchtet der NOAA-Forscher: "Wir bekommen dann jedesmal so große Eisverluste, dass es unmöglich wird, zum Ausgangszustand zurückzukehren."
Overland verweist darauf, dass 2007 "kein Ausreißer gewesen ist". Im Sommer 2008 sei die Meereisfläche abermals fast genauso stark zusammengeschrumpft. Man kann sich die weitere Entwicklung denken: Es ist immer weniger Meereis da, und am Ende unterschreitet es die kritische Masse für das Überleben in der warmen Jahreszeit.
Gerdes und seine Co-Autoren halten es für gut möglich, dass mit den "drastischen Veränderungen" in der Arktis eine "neue Ära des erwärmungsbedingten Klimawandels" begonnen hat. Die Zunahme von Treibhausgasen wie Kohlendioxid und Methan in der Erdatmosphäre hätte demnach bereits dazu geführt, dass ein Schalter im Klimasystem umgelegt wurde. Allerdings: In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebte die Arktis schon einmal eine kurze Serie sehr milder Winter. Auch damals herrschten meridionale Strömungen vor, wie man heute weiß. Doch die Wärme wurde vor allem aus dem Nordatlantik importiert und nicht, wie derzeit, aus dem Nordpazifik. Außerdem, sagt Rüdiger Gerdes, "war die Erwärmung räumlich beschränkt bis etwa 75 Grad nördlicher Breite". Heute durchdringt die Hitze dagegen das komplette Polargebiet.
Es mag sein, dass das neue Zirkulationsmuster in der Arktis zu einem gewissen Grad mit der natürlichen Variabilität des Klimas zu tun hat. Doch so dramatisch, wie die Veränderungen und der Meereisrückgang im Moment sind, reicht das den Forschern als Erklärung nicht aus. Für den US-Meeresforscher Overland besteht kein Zweifel: Die starke Verlagerung von Luftdruckzentren auf der Nordhalbkugel nebst starkem Hitzeimport in die Arktis "ist ein eindeutiges Erwärmungssignal".
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