Von Bernhard Pötter
Man muss schon eine gehörige Portion Zweckoptimismus mitbringen, um das Kyoto-Protokoll als Erfolg zu werten. Immerhin: "Das Ziel, zwischen 2008 und 2012 die Emissionen der Kyoto-Staaten um 5,2 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, sieht erreichbar aus", sagt Sergej Kononov vom Sekretariat der UNFCCC, der Uno-Klimaschutzkonvention. Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte: Das Ziel wird nur erreicht, weil sich die wirtschaftlichen Bedingungen gewaltig verschoben haben, und weil die größten Umweltverschmutzer nicht mehr oder noch nicht in seinen Tabellen auftauchen. Denn weltweit steigen die Emissionen von Treibhausgasen rasant. Das Kyoto-Protokoll - einst in die Welt gesetzt, um den Klimakollaps abzuwenden - zeigt exemplarisch, wie hilflos die internationale Diplomatie auf die Realität reagiert.
Die Zahlen der UNFCCC sehen erst einmal gut aus: Von 1990 bis 2006 ist der Ausstoß von Treibhausgasen in den 41 Ländern, die das Abkommen 1992 unterzeichnet haben, um fünf Prozent gesunken. Bei den 39 Ländern, die das Kyoto-Protokoll ratifiziert haben, sind die Zahlen sogar noch besser: Minus 17 Prozent stehen hier zu Buche, was das Ziel - minus 5,2 Prozent im Schnitt von 2008 bis 2012 - in greifbare Nähe rückt.
Doch die Probleme beginnen im Kleingedruckten der UNFCCC-Daten. Denn wirklich etwas getan haben nur wenige Länder: Großbritannien etwa hat seine Emissionen statt wie geplant um 12,5 Prozent gleich um 16 Prozent gesenkt. Schweden war ein Plus von vier Prozent erlaubt, nun ist es ein Minus von neun Prozent. Frankreich spart vier Prozent bei einem Kyoto-Ziel von Null. Deutschland hat sein Ziel, die Treibhausgasemissionen bis 2012 um 21 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, nach Angaben der Bundesregierung schon jetzt erfüllt.
| Kyoto-Protokoll: Wer sein Ziel am weitesten verfehlt hat | |||
| Land | Reduktionsziel laut Kyoto-Protokoll | Änderung der Treibausgas-Emissionen 1990 - 2006 |
Differenz in Prozentpunkten |
| Spanien | +15,0 | +49,5 | +34,5 |
| Luxemburg | -28,0 | +1,2 | +29,2 |
| Österreich | -13,0 | +15,2 | +28,2 |
| Kanada | -6,0 | +21,3 | +27,3 |
| Liechtenstein | -8,0 | +19,0 | +27,0 |
| Neuseeland | 0,0 | +25,8 | +25,8 |
| Dänemark | -21,0 | +1,7 | +22,7 |
| Italien | -6,5 | +9,9 | +16,4 |
| Island | +10,0 | +25,7 | +15,7 |
| Finland | 0,0 | +13,1 | +13,1 |
| Irland | +13,0 | +25,5 | +12,5 |
| Japan | -6,0 | +6,2 | +12,2 |
| Portugal | +27,0 | +37,6 | +10,6 |
| Slowenien | -8,0 | +1,2 | +9,2 |
| Schweiz | -8,0 | +0,8 | +8,8 |
| Norwegen | +1,0 | +7,8 | +6,8 |
| Niederlande | -6,0 | -2,6 | +3,4 |
| Deutschland | -21,0 | -18,5 | +2,5 |
| Belgien | -7,5 | -6,0 | +1,5 |
| Griechenland | +25,0 | +24,4 | -0,6 |
| Großbritannien | -12,5 | -15,9 | -3,4 |
| Frankreich | 0,0 | -4,0 | -4,0 |
| Monaco | -8,0 | -13,1 | -5,1 |
| Schweden | +4,0 | -8,9 | -12,9 |
| Tschechien | -8,0 | -23,7 | -15,7 |
| Polen | -6,0 | -28,9 | -22,9 |
| Slowakei | -8,0 | -32,1 | -24,1 |
| Ungarn | -6,0 | -31,9 | -25,9 |
| Russland | 0,0 | -34,1 | -34,1 |
| Rumänien | -8,0 | -43,7 | -35,7 |
| Bulgarien | -8,0 | -46,2 | -38,2 |
| Litauen | -8,0 | -53,0 | -45,0 |
| Lettland | -8,0 | -55,1 | -47,1 |
| Estland | -8,0 | -55,7 | -47,7 |
| Ukraine | 0,0 | -51,9 | -51,9 |
| Australien | +8,0 | keine Angaben | - |
| Weißrussland | -8,0 | keine Angaben | - |
| Kroatien | -5,0 | keine Angaben | - |
| Quelle: UNFCCC | |||
Doch diese Zahlen sind geschönt: Sie basieren teils auf der rechnerischen Verlagerung von Emissionen in die Schwellenländer und teils auf sogenannten "Wallfall-Profits", zustande gekommen durch den Zusammenbruch der energieintensiven Energien in den sozialistischen Staaten des Ostblocks. Um volle 37 Prozent ist der Ausstoß dieser Länder seit 1990 zurückgegangen. Die Emissionen Russlands etwa, des weltweit drittgrößten Verschmutzers in absoluten Zahlen, brachen um 34 Prozent ein.
Diese wirtschaftliche Katastrophe war der Freifahrtschein für andere Länder, sich nicht um den Klimaschutz zu kümmern. Allein die USA, die das Kyoto-Protokoll nie ratifiziert haben, steigerten ihre Emissionen seit 1990 um 14 Prozent - statt sie, wie in Kyoto versprochen, um sieben Prozent zu senken. Aber auch Staaten, die Kyoto brav ratifiziert hatten, vergaßen die völkerrechtlich verbindliche Verpflichtung schnell wieder. Dänemark etwa hatte eine Reduktion um 21 Prozent versprochen, pustete aber 2006 sogar noch zwei Prozent mehr in die Luft als 1990. Auch Japan (Ziel: minus 6, Realität: plus 6) und Italien (Ziel: minus 7, Realität: plus 10) oder Österreich (Ziel: minus 13, Realität: plus 15) verfehlen ihre Ziele um Längen. Spanien hatte in Kyoto einen Zuwachs der Klimagase von 15 Prozent herausgehandelt - und steigerte seine Emissionen um satte 50 Prozent.
Sorge macht den UNFCCC-Klimaschützern auch der Trend: Nach anfänglichen Erfolgen beim Klimaschutz in den neunziger Jahren steigen die Emissionen seit 2000 überall wieder stark an - und zwar viermal schneller als in den Neunzigern.
Die USA stehen abseits, der ehemalige Ostblock hat seinen Beitrag bereits geleistet, die Entwicklungsländer haben eher zu wenig als zu viele CO2-Emissionen für ein wirtschaftliches Überleben, die Schwellenländer haben riesigen Nachholbedarf bei Wachstum und Wohlstand: Als Klimaschutz-Lokomotive bleibt da nur die Europäische Union. Doch die fährt höchstens mit halber Kraft. Bisher liegen die Emissionen der EU 15 um 2,7 Prozent unter 1990.
Bleibt es bei diesen Anstrengungen, werden die Europäer 3,6 Prozent erreichen und damit ihr gemeinsames EU-Ziel von acht Prozent weit verfehlen, hat die Europäische Umweltbehörde EEA errechnet. Zwar sei bei massiver Förderung des Energiesparens, der erneuerbaren Energien, der Aufforstung und des Emissionsrechtehandels sogar eine Senkung um elf Prozent drin. Doch betrachtet man den momentanen Streit um das EU-Klimapaket, erscheinen solche zusätzlichen Anstrengungen kaum möglich.
Bisher verdeckt nur der Zusammenbruch der Ost-Wirtschaft das fast flächendeckende Versagen der Industriestaaten, ihre Emissionen zurückzufahren. Doch ein Blick auf die wirklichen Verschmutzer der Atmosphäre zeigt, warum die Vereinten Nationen Ende 2009 in Kopenhagen dringend ein verbessertes Nachfolgemodell des Kyoto-Protokolls beschließen müssen: Schon heute stammen 53 Prozent der Treibhausgas-Emissionen aus den Entwicklungs- und Schwellenländern, besonders aus China und Indien.
2006 hat China zum ersten Mal die USA als größter CO2-Sünder überholt. Das Land pustet laut dem Carbon Budget 2007 des Global Carbon Project jährlich 1,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen in den Himmel, gefolgt von den USA und Russland. Auf Platz vier liegt Indien - das ebenso wie China keiner Emissionsbeschränkung unter dem Kyoto-Protokoll unterliegt.
Die dramatische Steigerung der Emissionen lässt sich direkt in der Atmosphäre nachweisen: 2007 stieg der Anteil von Kohlendioxid an der Atmosphäre um 2,2 Teile pro Million (ppm) auf 383 ppm, im Vorjahr waren es nur 1,8 ppm. Damit liegt der Anteil des Kohlendioxids in der Atmosphäre inzwischen um 37 Prozent über dem Wert der Zeit um 1750, kurz vor Beginn der Industrialisierung. Besonders beunruhigend: Der Emissionszuwachs der vergangenen Jahre liegt noch über dem "Worst-Case-Szenario" das der Uno-Klimarat IPCC in seinem jüngsten Sachstandsbericht im Februar 2007 entworfen hat.
Vor allem die US-Regierung unter Präsident George W. Bush hat immer wieder betont, vor einem amerikanischen Engagement müssten sich erst China und Indien zu ihrer Klima-Verantwortung bekennen. Diese Haltung ist weder historisch zu rechtfertigen noch mit den gleichen Rechten aller Menschen vereinbar. Denn weil Europa, Amerika und Japan viel früher mit der Industrialisierung begonnen haben, stammen nur 20 Prozent der Treibhausgase in der Atmosphäre aus Entwicklungsländern.
Auch die Pro-Kopf-Emissionen sind ungleich. Während ein Chinese im Durchschnitt rund vier Tonnen Kohlendioxid im Jahr emittiert, liegt der durchschnittliche Deutsche bei 10, ein Amerikaner bei 20 Tonnen. Um aber die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden, halten Wissenschaftler die Halbierung der globalen CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 für notwendig. Die rund neun Milliarden Menschen, die 2050 voraussichtlich die Erde bevölkern werden, dürften dann im Jahresmittel nur zwei Tonnen CO2 pro Kopf ausstoßen.
Deshalb müsste selbst China seine Emissionen langfristig halbieren. Die Deutschen aber sollten noch deutlich kreativer werden. Denn der durchschnittliche Bundesbürger erreicht zwei Tonnen Kohlendioxid im Jahr schon durch Autofahren, durch seine Mahlzeiten oder durch seinen Stromverbrauch - jeweils, wohlgemerkt.
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Ich habe mal ein Buch über den Untergang von Atlantis gelesen, die wollten auch, als einige Wissenschaftler den Untergang berechneten und vorhersahen, die Uhr wieder zurückdrehen und den ganzen Fortschritt abschaffen (Der war [...] mehr...
Stimmt, nur dass das Geld für den Ablasshandel damals bleibende Werte geschaffen hat (Was wären unsere Städte ohne unsere Kirchen) und heute einfach nur im schwarzen Loch verschwindet. Aber: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte: [...] mehr...
Hmm, warum meinen Sie, dass es diesem Wissenschaftler zu gut geht? Ist es denn seine Schuld, dass es Leute wie Sie gibt, denen es zu hoch ist, dass ein Faktum mehr als nur eine Folge haben kann? Ich fasse Ihren Beitrag oben mal [...] mehr...
Das sind Probleme die schon die ganze Menschheitsgeschichte auftreten und bewältigt werden können. Wüsten kommen und gehen. Der Meeresspiegel verändert sich immer wieder erheblich. Unsere Voraussetzungen sind besser denn je [...] mehr...
Oh je ... es geht nicht um Leben und Tod? Für Sie und mich vielleicht noch nicht, wir sind hier in Deutschland vor den härtesten Folgen relativ sicher. Aber anderswo versinken ganze Inselstaaten im Meer, und an wieder anderen [...] mehr...
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