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Artentod Massenzucht soll Thunfisch retten

4. Teil: "Nicht ob, sondern wann"

Im Februar 2007 durfte ich den Betrieb unter strengen Auflagen besuchen. Rob Staunton, der Leiter, fährt mit mir zur Arno Bay am Westufer des Spencer-Golfs 120 Kilometer nördlich von Port Lincoln. Man hatte mir zugesagt, abgesegnet von Stehr persönlich, dass mir eingeschränkt Zutritt in den Gral - zu dem Riesentank - gewährt würde. Fotografieren darf ich im Innern nicht. Alles hier ist Betriebsgeheimnis - von der Konstruktion und Handhabe der Technik über die Wasseraufbereitung bis zur Klimatisierung.

Damals gab es noch einen Wettlauf mit Teams der japanischen Kinki-Universität in Higashi-Osaka, die im Aquarium schon Thunfische züchteten, wenn auch nicht im Großmaßstab. Inzwischen arbeiten Forscher beider Einrichtungen zusammen.

Gleich beim Eintritt schlüpfen Staunton und ich in sterilisierte weiße Gummischuhe. Keinesfalls dürfen wir Krankheitskeime hineintragen. Bevor wir das Heiligtum betreten, von nun an unter Aufsicht des leitenden Mitarbeiters Thomas Marguritte, wechseln wir nochmals die Schuhe. Diesmal sind sie blau. Wir kommen in einen großen, höhlenartigen Raum, den viele Lichtröhren schwach erhellen. Bis auf die leise summende Klimaanlage ist es still. Nun erklimmen wir den Betonrand des Riesenbeckens und blicken ins scheinbar ruhige Wasser hinunter. Das Behältnis misst im Durchmesser vielleicht 25 Meter und ist 6 Meter tief. Bei der schwachen Beleuchtung erkennen wir nicht viel.

Doch sobald Marguritte ein paar kleine Fische hineinwirft, zerspringt die Wasseroberfläche, und es blitzt blau und silbern. Schon schäumt das Becken von den vielen sichelförmigen Rücken- und Schwanzflossen der gierigen Insassen. Dabei wurden sie, wie ich erfahre, gerade vor einer Stunde gefüttert.

Die schnittigen Bestien, die wild unter uns kreisen, erinnern an blanke Torpedos. Sie mögen 300 Kilogramm wiegen. Zur hinteren Körperspitze führt an Bauch und Rücken eine Linie gelb leuchtender falscher Flossen. Die Seitenflossen dieser Art leuchten chromgelb. Bei den nördlichen Arten sind sie schwarz. Von der Größe her sind diese Tiere geschlechtsreif, jedoch ist ihr Geschlecht äußerlich nicht erkennbar.

Während wir den Fischen zusehen, reden wir über das Zuchtprogramm. "Die natürlichen Verhältnisse von indonesischen Gewässern, wo die Tiere nach unserer Kenntnis ablaichen, können wir genau nachahmen", erzählt Marguritte. "Sagen wir, dort laichen sie im Frühsommer ab, so um den 20. November, wenn die Tage lang sind und das Wasser warm ist. Also bieten wir ebendiese Bedingungen auch unseren Fischen. Wir regeln entsprechend die Lichtdauer, die Luft- und Wassertemperatur und sogar die herrschende Strömung."

Als kritischer Faktor galt damals die geringe Wassertiefe in dem Becken, denn vor den Indonesischen Inseln, wo diese Art sonst ablaicht, liegt der fast acht Kilometer tiefe Sundagraben, die tiefste Stelle des Indischen Ozeans. Dieser Sorge sind die Forscher jetzt enthoben. Die zunehmend verbesserten Haltungsmethoden und Rahmenbedingungen führten, wie gesagt, zu ersten Erfolgen.

Anschließend treffe ich den geschäftsführenden Direktor, den 42-jährigen Marcus Stehr, Sohn des Firmenchefs. Am Vortag hatte er eine Flotte von Ringwadenbooten in der Großen Australischen Bucht vor der Südküste besucht, die sich daranmachten, in ihrem gemeinsamen Riesennetz ungefähr 100 Tonnen Thunfisch nach Port Lincoln zur Farm zu bringen.

Auch Marcus Stehr äußert sich begeistert und sehr optimistisch zu dem Projekt. Ob ein Durchbruch wohl die Haltung der Australier gegenüber dem Thunfisch ändern würde? Dazu sagte er damals nur: "Nicht ob, sondern wann."

Ob die Blauflossenthunfische überleben, dürfte von solchen Zuchtbemühungen abhängen.

Der Hochseeangler nimmt den Thun als kräftigen, gewandten Gegner wahr, ein Harpunier als schillernden Schatten, der mit starken Schwanzschlägen zu entkommen sucht. Ein Ringwadenfischer erlebt ein wildes Gewusel silber-blauer Körper. Langleinenfischer sehen erst die an Bord geholten toten Tiere. Für den Thunfischfarmer handelt es sich um namenlose Kreaturen, die schlachtreif gemästet werden müssen. Der Auktionator auf dem Tsukiji-Fischmarkt in Tokio hat eine lange Reihe gefrorener Blöcke in Thunfischform ohne Schwanz vor Augen. Und japanische Konsumenten schauen auf ein Scheibchen rohes, rotes Fleisch, Toro. Für Biologen stellt ein Roter Thunfisch ein Wunder an Hydrodynamik dar, das alle anderen Fische in so vieler Hinsicht übertrumpft: beim Fressen, in der Größe, in der Geschwindigkeit, beim Tauchen, bei Fernwanderungen.

Wer nicht möchte, dass Thunnus thynnus ausstirbt, der wird sich wohl daran gewöhnen müssen, dass diese einzigartigen Fische zukünftig wie Schafe oder Kühe gehalten werden - als domestizierte Tiere. Vielen mag diese Vorstellung schmerzlich sein. Sie werden diese Kraftpakete, diesen Inbegriff eines großen Raubfischs, nicht zum Haustier machen wollen. Doch andernfalls droht den Blauflossenthunen - und der Maguro- Industrie - eine düstere Zukunft.

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