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14.01.2009
 

Kampf gegen CO2

Umweltschützer behindern Algen-Großversuch

Von Christoph Seidler

300 Quadratkilometer künstliche Algenblüte sollte das deutsche Schiff "Polarstern" erzeugen - um herauszufinden, wie die Ozeane künftig mehr klimaschädliches CO2 aufnehmen können. Doch nun müssen die Forscher ihr Experiment aussetzen: wegen der Kritik von Umweltschützern.

Hamburg - Noch liegt das Streitobjekt wohlverpackt in 25-Kilogramm-Säcken in einem Container an Bord der "Polarstern": 20 Tonnen Eisensulfat. Mit der Substanz wollten Forscher eines internationalen Projektes, an dem auch das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) mitarbeitet, im Südatlantik das Wachstum von Algen anregen. Das Großexperiment sollte den Wissenschaftlern verstehen helfen, wie das Klimagas CO2 mit Hilfe abgestorbener Algen am Meeresboden versenkt werden könnte.

Doch nun hat das zuständige Bundesforschungsministerium die Forscher aufgefordert, einstweilen kein Eisensulfat auszustreuen: Zunächst sollen weitere Gutachten zur Unbedenklichkeit des Versuchs eingeholt werden - nach Angaben eines Ministeriumssprechers von zwei international renommierten, unabhängigen wissenschaftlichen Einrichtungen.

Staatssekretär Frieder Meyer-Krahmer sagte, das Vorhaben stehe eigentlich im Einklang mit allen politischen Forderungen zur Ächtung einer Ozeandüngung. "Gleichwohl haben wir das AWI gebeten, das Experiment so lange auszusetzen, bis uns eine Stellungnahme zur Unbedenklichkeit der Untersuchungen vorliegt."

"Der Wirbel wirkt wie ein großes Reagenzglas"

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte auch AWI-Forscher Ulrich Bathmann, der Versuch stelle keine Verletzung internationaler Abkommen dar. "Wir verstehen dieses Experiment als Teil der Klimaforschung", sagte Bathmann. Mit einer Eisenmenge von sechs Tonnen, die in einem Gebiet von 20 Kilometern Durchmesser ausgebracht werden solle, sei der Versuch räumlich sehr eng begrenzt. Man arbeite außerdem im Zentrum eines Ozeanwirbels, der wenig Wasseraustausch mit der Umgebung habe: "Der Wirbel wirkt wie ein großes Reagenzglas."

Bathmann hatte aber auch eingestanden, dass der Versuch das bisher größte künstliche Düngungsexperiment überhaupt wäre. Das Projekt, das das AWI mit dem indischen National Institute of Oceanography durchführt, soll dazu beitragen, den möglichen Beitrag von Ozeandüngung zur Reduktion des CO2-Gehalts in der Atmosphäre besser einschätzen zu können. Besonders interessieren sich die Wissenschaftler für die Algen des Phytoplanktons. Es ist die Basis des Nahrungsnetzes im Ozean und spielt eine Schlüsselrolle im globalen Kohlenstoffhaushalt.

Die Algen entziehen dem umgebenden Wasser und somit auch der Atmosphäre durch Photosynthese Kohlendioxid. Immer wieder ist dieses Verfahren als ein Konzept des Geoengineerings zur möglichen Lösung von Klimaproblemen diskutiert worden. Ein US-Unternehmen hatte erwogen, kommerziell in die Ozeandüngung einzusteigen und dafür CO2-Zertifikate zu verkaufen - war damit aber gescheitert. Das AWI hatte die US-Pläne seinerzeit kritisiert und mehr Forschung gefordert.

Umweltministerium berichtet von internationalen Protesten

Nun wird das AWI seinerseits scharf angegriffen. Die Umweltschutzorganisation Aktionskonferenz Nordsee (AKN) sprach von einem "größenwahnsinnigen Plan". Hintergrund sei das wirtschaftliche Interesse, eine billige Lösung des weltweiten CO2-Problems zu finden. AWI-Forscher Bathmann kritisierte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, die AKN habe sein Institut niemals kontaktiert, und nannte die Kritik einen Schnellschuss.

Doch in Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) haben die Kritiker einen mächtigen Verbündeten. Das Bundesumweltministerium teilte nach den AKN-Protesten mit, schon in der vergangenen Woche habe man ein entsprechendes Schreiben an das Forschungsministerium geschickt. Darin habe das Ministerium den unverzüglichen Stopp des Projekts gefordert. Weiter heißt es in dem Schreiben, der geplante Versuch habe bereits international zu Protesten geführt und untergrabe Deutschlands Glaubwürdigkeit und Vorreiterrolle beim Schutz der biologischen Vielfalt.

Das AWI fühlt sich zu Unrecht angegriffen. Die potentiellen Umweltbelastungen seien bewertet worden, teilte das Institut mit. Dabei habe man zeigen können, dass das Experiment keine negativen Folgen für die Umwelt haben werde. Die Eisenkonzentration, die durch die Düngung im Oberflächenwasser auftrete, sei geringer als die natürliche Eisenkonzentration in küstennahem Meerwasser. Dort gelangt das Eisen ins Meer, wenn sich Eisberge in wärmerer Umgebung auflösen.

Nun müssen die Gutachter über die Zukunft des Großversuchs entscheiden. Immerhin haben sie für ihr Votum noch etwas Zeit - einstweilen sind die Forscher erst mal auf dem Weg in das Gebiet, in dem das Experiment eigentlich stattfinden sollte. Nach Angaben des AWI brauchen sie noch etwa zwei Wochen für die Reise.

mit Material von AP

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