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Japan Monsterwellen sollen Fischerboot versenkt haben

Der Tod kam ohne Ankündigung: Im offenem Meer ist ein japanischer Fischkutter verschwunden, vermutlich von einer Monsterwelle versenkt. Forscher haben die Verhältnisse im Computer nachgestellt - und erstmals eine mögliche Erklärung gefunden, unter welchen Umständen "Freak Waves" entstehen können.

Die See holte sich die "Suwa Maru No. 58" ohne Vorwarnung. Am 23. Juni 2008 schipperte das Boot mit 20 Fischern an Bord im Kuroshio-Strom östlich von Japan. Die Wellen schwappten zwei bis drei Meter hoch - kein Ausflugswetter, aber für den 135 Tonnen schweren Kutter auch keine akute Gefahr. Die Besatzung hatte in der Nacht einen Treibanker ausgeworfen, die Maschinen waren ausgeschaltet. Die Überlebenden sollten später berichten, dass die Besatzung unter Deck ausspannte und sich per Telefon mit den Seeleuten eines Schiffs in der Nähe unterhielt.

Plötzlich ließ ein gewaltiger Schlag die "Suwa Maru" erzittern. Eine Welle traf das Boot mittschiffs, warf es auf die Seite. Fünf oder sechs Seeleute wurden ins Meer gespült, erzählte ein Überlebender der "Japan Times". Zehn Minuten später schlug eine zweite Welle ein und gab dem Schiff den Rest. Sieben Seemänner konnten von anderen Fischerbooten geborgen werden, doch nur drei von ihnen überlebten.

Was war geschehen? Die japanische Küstenwache registrierte in jener Nacht Windgeschwindigkeiten von rund 36 km/h im Unglücksgebiet. Die Crew der "Suwa Maru" wurde von den Wellen offensichtlich völlig überrascht. Jetzt haben Wissenschaftler den Vorfall genauer analysiert - und vermuten die berüchtigten "Freak Waves" hinter dem Unfall.

Meeresgebiet berüchtigt für extremen Seegang

Monsterwellen, die sich bis zu 40 Meter hoch aufbäumen und selbst große Schiffe zerschmettern, wurden lange für Seemannsgarn gehalten. Erst seit einigen Jahren ist klar, dass Freak Waves - auch als Rogue Waves bekannt - nicht nur existieren, sondern bei weitem häufiger vorkommen, als Meeresforscher auch nur entfernt geahnt hatten. Die Wasserwände können nicht nur in Stürmen, sondern auch bei nahezu ruhiger See wie aus dem Nichts auftauchen, verursacht von Unwettern, die Hunderte Kilometer entfernt toben.

Messungen mit Radarsatelliten haben ergeben, dass sich im Schnitt zwei bis drei Mal pro Woche irgendwo auf den Weltmeeren riesige Wellen erheben. Ein Brennpunkt ist der Nordatlantik, wo ein Forschungsschiff im März 2006 serienweise Riesenwellen dokumentierte. Sogar flache Gewässer wie die Nordsee sind nicht sicher: Im November 2006 wurde eine Forschungsplattform bei Borkum von einem 20 bis 25 Meter hohen Kaventsmann getroffen. Auch der Untergang des Tankers "Prestige" im Herbst 2002 wurde auf Monsterwellen zurückgeführt.

Zwei dieser Ungeheuer könnten auch die "Suwa Maru" auf den Meeresgrund geschickt haben, glaubt ein Team um Hitoshi Tamura von der japanischen Behörde Meeresforschung und
-technologie. Denn das rund 400 Kilometer östlich von Tokio gelegene Gebiet, in dem das Drama stattfand, ist nach Angaben der Forscher "berüchtigt für abnormale Wellen" und regelmäßige Schiffsunglücke.

Computersimulation ergab Monsterwellen-Gefahr

Die Wissenschaftler haben ein Computermodell mit Daten über Wind- und Meeresströmungen gefüttert und so versucht, den Wellengang in der Nacht des 23. Juni 2008 zu rekonstruieren. Im Fachblatt "Geophysical Research Letters" kommen sie zu dem Ergebnis, dass die Bedingungen in der Region zum Zeitpunkt des Unglücks tatsächlich die Entstehung von Monsterwellen begünstigt haben: Die Wellen seien steiler, ihre Kämme länger geworden, und die Strömungen hätten sie an einzelnen Stellen fokussiert. Unter dem Einfluss steigender Windgeschwindigkeiten habe die Größe der Wasserberge exponentiell zunehmen können.

Das Geschehen hat sich demnach in drei Phasen abgespielt:

  • In Phase eins vom 19. bis 22. Juni gab es nur kleine Veränderungen der Windgeschwindigkeit und Wellenhöhe.
  • In Phase zwei zog ein Tiefdruckgebiet über die Region - es herrschte starker Wind, die Wellenhöhe wuchs schnell.
  • In Phase drei, die am 23. Juni begann, legte sich der Sturm wieder, der Wind wechselte aber auch die Richtung.

Am Ende gab es der Simulation zufolge drei Wellensysteme mit unterschiedlichen Laufrichtungen und Frequenzen. Unter diesen Umständen können sich Wellen kreuzen und überlagern - beste Voraussetzungen für die Entstehung von Freak Waves. In dieser sogenannten Kreuzsee haben sich schon zahlreiche Schiffsunglücke ereignet, wie Tamura und seine Kollegen bemerken.

Erste Erklärung für enges Wellenspektrum

Die Kreuzsee sei aber nur der Auftakt im Drama um die "Suwa Maru" gewesen. Wichtiger war demnach die Wirkung des Windes auf den Wellengang: Der Sturm habe die Wellen in eine Richtung gezwungen und zusammengepresst, so dass sie sich zu monströser Größe aufschaukeln konnten (siehe Grafik).

Entstehung von Monsterwellen
DER SPIEGEL

Entstehung von Monsterwellen

In Experimenten im Labor habe sich herausgestellt, dass ein solches enges Wellenspektrum die Entstehung von Monsterwellen begünstigt, schreiben Tamura und seine Kollegen. "Unsere Studie bietet jetzt erstmals eine plausible Erklärung, wie ein solch abnormaler Zustand entstehen kann", so die Forscher. Um die wirklichen Mechanismen der Freak-Wave-Entstehung aufzuklären, sind Beobachtungen im Ozean allerdings weiterhin "zwingend notwendig", erklärte Tamura gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen prüfen, ob unsere Ergebnisse mit der Realität übereinstimmen."

Ähnlich äußerte sich Wolfgang Rosenthal, der früher für das GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht Monsterwellen erforscht hat. Bei Satellitenbeobachtungen im Rahmen des internationalen "MaxWave"-Projekts hatte sich gezeigt, dass Kreuzseen und Freak Waves oft zur gleichen Zeit aufgetreten sind. Zudem weisen die Simulationen von Tamuras Team nach Rosenthals Ansicht darauf hin, dass zur Zeit des Untergangs der "Suwa Maru" mehrere Mechanismen zur Entstehung von Monsterwellen vorlagen. Es sei allerdings "nicht klar", so Rosenthal zu SPIEGEL ONLINE, "ob tatsächlich eine Rogue Wave auftrat".

Offen bleibt damit auch, ob die Forscher Hinweise auf eine Monsterwellen-Brutstätte östlich von Japan gefunden haben. Natürlich könne man das Rechenmodell auch auf die Untergänge anderer Schiffe in der Gegend anwenden, meint Tamura. "Aber wegen des Mangels an lokalen Daten wird es nicht leicht sein, eine direkte Beziehung zwischen Monsterwellen und diesen Unfällen nachzuweisen."

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