Von Holger Dambeck
Die Bilanz des Erdbebens in den Abruzzen ist verheerend: Fast 300 Menschen starben, jedes dritte Gebäude im engeren Einzugsgebiet des Bebens ist so stark beschädigt, das es nicht mehr genutzt werden kann. Ein großer Teil der Häuser kann höchstwahrscheinlich nicht renoviert werden, sondern muss vollkommen neu entstehen. 33.000 Menschen sind obdachlos geworden.
Welch gewaltigen Kräfte Mittelitalien Anfang April erschüttert haben, zeigen auch sogenannte Interferogramme, die italienische Geoforscher jetzt mit Hilfe von Satellitendaten erstellt haben. Sie fußen auf Radaraufnahmen von Orbitern wie "Envisat" und "Cosmo-SkyMed", der von der Italienischen Weltraumagentur betrieben wird.
Die Satelliten messen das Echo der ausgesandten Radarwellen. Legt man zwei Radarmessungen übereinander, die vor und nach dem Beben entstanden sind, dann werden Veränderungen in der Höhe der Erdkruste sichtbar. "Ein Erdbeben ist ein richtiger Bruch in der Erdkruste", sagt Monika Sobiesiak vom Geoforschungszentrum Potsdam. "Und jedes Beben hinterlässt bleibende Deformationen."
Gute Radar-Reflektoren gefragt
SAR Interferometrie (InSAR) nennen Wissenschaftler die Methode, mit der sie millimeterfeine Höhenunterschiede messen können. Nicht immer sind Messungen allerdings brauchbar, wie Sobiesiak erklärt. "Es kann Probleme geben durch Wolken oder Vegetation. Die Radarmessung braucht gute Reflektoren", sagt die Seismologin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Auf den Interferogrammen sind bunte Farbsäume wie in einem Regenbogen zu erkennen. Seismologen bezeichnen sie als Fringe, der englische Begriff für Saum. Ein Durchlauf durch das gesamte Farbspektrum entspricht einem Höhenunterschied von der halben Wellenlänge des Radars. Im Falle des Esa-Satelliten "Envisat" sind das 2,8 Zentimeter.
"Wir haben die Interferogramme nur wenige Stunden nach Erhalt der 'Envisat'-Daten erstellt", sagt Ricardo Lanari vom Istituto per il Rilevamento Elettromagnetico dell' Ambiente (IREA-CNR) in Neapel. Als Vergleichsmessung hätten Daten vom 1. Februar gedient. "Wir konnten das Muster des Bebens sofort sehen." Bodenmessungen mit GPS-Empfängern in dem Gebiet hätten die "Envisat"-Daten bestätigt, sagt Stefano Salvi vom Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia (INGV).
Die Interferogramme zeigen, dass die Erde sich an manchen Stellen um einige Zentimeter erhöht hat (siehe Fotostrecke). "Das Deformationsfeld baut sich um den Bruch auf", erklärt Sobiesiak. Die sichtbaren Ringstrukturen seien ganz normal. Nahe der Bruchstelle ist der Abstand der Fringes besonders klein. Dort laufen die Farbsäume, die Höhenveränderungen repräsentieren, auch parallel zum Bruch.
Mit den erstaunlich präzisen Radarmessungen von kleinen Höhenveränderungen wollen Wissenschaftler aber nicht nur Erdbeben analysieren. Häuser seien auch sehr gute Radarreflektoren, sagt die Potsdamer Seismologin Sobiesiak. "Deshalb versucht man auch, mit der Methode Schäden an Gebäuden zu klassifizieren."
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