Von Alexander Stirn
Würde Galileo Galilei heute leben, vor die Tür treten und sein selbst gebautes Teleskop in den Nachthimmel richten, er könnte gleich wieder einpacken. Weder würde er die vier Jupitermonde entdecken, die ihn berühmt machen sollten, noch die seltsamen Beulen des Saturns, die später als dessen Ringe identifiziert wurden. Wahrscheinlich würde er nicht einmal bemerken, dass das Band der Milchstraße aus Millionen einzelner Sterne besteht. Die Nacht ist auch nicht mehr das, was sie mal war.
Vor 400 Jahren, als der große Astronom in Padua seine bahnbrechenden Entdeckungen machte, waren mit bloßem Auge noch viele Tausend Sterne zu sehen. Heute müssen sich Städter glücklich schätzen, wenn sie in klaren Nächten einige Dutzend funkelnder Lichter am Himmel erkennen können. Schuld daran sind die Menschen selbst: Mit ihren Lichtern, Straßenlaternen und Leuchtreklamen machen sie die Nacht zum Tage.
"Das ist schon lang nicht mehr nur das Problem einiger Astronomen", sagt Andreas Hänel, Sprecher der Arbeitsgruppe "Lichtverschmutzung" bei der Vereinigung der Sternfreunde. Hell erleuchtete Städte bringen Zugvögel von ihrem Kurs ab, Straßenlampen locken Insekten in den Tod, vor lauter Licht finden frisch geschlüpfte Meeresschildkröten den Ozean nicht mehr. Auch der menschliche Körper reagiert auf die nächtliche Helligkeit zunehmend allergisch. Hinweise erhärten sich, dass der Verlust der Dunkelheit sogar Krebserkrankungen begünstigt. Und trotz neuer Konzepte und technischer Lösungen für die Wiederverdunklung der Nacht, tut sich in Deutschlands Städten bislang wenig.
Im Gegenteil, die Lichtverschmutzung wächst in Deutschland jedes Jahr um mehrere Prozent, schätzt Hänel. Ein Drittel der Bundesbürger hat laut einer Emnid-Umfrage noch nie die Milchstraße gesehen. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 44 Prozent. In Mitteleuropa finden Sternenfreunde kaum noch eine Region, in der sie einen intakten Nachthimmel bewundern können.
"Selbst in den kleinsten Orten meint man inzwischen, jeden noch so unbedeutenden Kirchturm anstrahlen zu müssen", klagt Hänel. Werbetafeln sind taghell erleuchtet, und Discos machen mit Skybeamern auf sich aufmerksam - extrem starken, in den Himmel gerichteten Scheinwerfern. Die Luftverschmutzung tut das Übrige: Feine Partikel in der Atmosphäre streuen das Licht. Über Städten scheint eine Lichtglocke zu hängen.
Wie sich die Lichtverschmutzung auf Mensch und Natur, auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirkt, ist noch weitgehend unbekannt. "Meist kennen wir nur einige Fallbeispiele, wissen aber wenig über die Mechanismen dahinter", sagt Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Hölker ist Koordinator des im Februar gestarteten interdisziplinären Forschungsprojekts "Verlust der Nacht". Ökologen, Arbeitsmediziner und Chronobiologen sind darin ebenso vertreten wie Kulturhistoriker, Lichttechniker und Sozialökonomen. "Gemeinsam wollen wir versuchen, Ursachen und Auswirkungen der Lichtverschmutzung zu quantifizieren und daraus neue Beleuchtungskonzepte zu entwickeln", sagt Hölker.
Am weitesten sind die Entomologen. Schon lang wissen sie, dass Insekten mithilfe des Mondes navigieren - indem sie versuchen, den Winkel zwischen ihrer Körperachse und dem Erdtrabanten konstant zu halten. Mitunter begehen sie dabei aber einen schwerwiegenden Fehler: Die nachtaktiven Tiere verwechseln Straßenlampen mit dem Mond. Sie umkreisen dann das künstliche Licht so lang, bis sie erschöpft abstürzen oder an der heißen Lampe verbrennen. Gerhard Eisenbeis, Biologe an der Universität Mainz, schätzt, dass in einer warmen Sommernacht jede Straßenlaterne an die 150 Insekten in den Tod lockt. Hochgerechnet auf die knapp sieben Millionen Laternen in Deutschland, wären das mehr als eine Milliarde Opfer pro Nacht.
"Natürlich könnte man jetzt einwerfen: Es trifft doch nur die Mücken, die ohnehin niemand mag", sagt Astronom Hänel. "Aber für die Insektenwelt ist das ein Riesenproblem." Denn jeder Falter, der stupide eine Lampe umkreist, kommt seinen eigentlichen Pflichten nicht mehr nach. Er sucht keine Nahrung, bestäubt keine Blüten, pflanzt sich nicht fort. Da Insekten ganz am Anfang der Nahrungskette stehen, hat das Folgen für weitere Tierarten.
Doch es gibt auch Profiteure: Spinnen etwa bauen ihre Netze zunehmend an Straßenlaternen, um desorientierte und erschöpfte Insekten zu erbeuten. Ähnlich verhalten sich die eigentlich lichtscheuen Fledermäuse. "Nahrungsnetze werden durch die Lichtverschmutzung verzerrt, Ökosysteme können aus dem Gleichgewicht kommen. Genau solche Effekte müssen wir jetzt untersuchen", sagt Projektkoordinator Hölker.
Besonders deutlich wird das Problem bei Laternen, die auf Gewässer strahlen. Für seine Dissertation hat der Mainzer Biologe Mark Scheibe drei Jahre lang die Verteilung aquatischer Insekten entlang eines kleinen Bachs im Taunus untersucht. Dabei zeigte sich, dass von einer Straßenlampe so viele frisch geschlüpfte Köcherfliegen und Zuckmücken angezogen wurden, wie sie sich sonst über eine Uferlänge von 1300 Meter verteilen würden. Dort fehlen sie dann als Nahrungsquelle, Fische und Vögel drohen leer auszugehen. Scheibe warnt vor einer "katastrophalen Artenverschiebung".
Dabei ist Licht nicht gleich Licht, und das macht die Sache nicht einfacher: Um die farblichen Vorlieben von Insekten zu untersuchen, hing Gerhard Eisenbeis Fallen unter verschiedene Straßenlaternen. Größter Feind der Insekten waren demnach die alten Quecksilberdampflampen, die mit ihrem bläulich-weißen Licht jahrzehntelang das Straßenbild dominiert haben. Unter den moderneren, gelblich scheinenden Natriumdampflampen fanden sich dagegen nur halb so viele Tiere. Vor allem Nachtfalter sehen gern blau, Glühwürmchen und Zuckmücken dagegen werden stärker von gelbem Licht angezogen.
Vögel orientieren sich bei ihren Zügen - besonders bei schlechtem Wetter - gern am Mond. Genauso werden sie aber auch vom Licht der Städte angelockt und regelrecht in ihm gefangen. Stundenlang können Vögel zwischen Hochhäusern umherirren, so lang, bis sie völlig erschöpft sind oder mit den Gebäuden kollidieren. Allein in den USA sterben nach Schätzungen des U.S. Fish and Wildlife Service jährlich zwischen vier und 50 Millionen Zugvögel, weil sie von beleuchteten Funktürmen angelockt werden.
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Das ist ja eine schöne Diskussion hier, zu der man SPON nur beglückwünschen kann. Ich finde es auch sehr schlimm, dass unsere Kultur den natürlichen Tag-Nacht-Rythmus ignoriert und die Umwelt so gestaltet, als könne man jeden Tag [...] mehr...
... gehoert zu einer Demokratie dazu ... Fr. Schiller lässt seinen Tassilo sagen: Mehrheit - Mehrheit - was soll dieser Unsinn - Verstand ist stets bei Wen`gen nur gewesen... Demokratie ist die Diktatur der Unfähigen. [...] mehr...
Ich bin Techniker. Mache meinen Job schon so 50 Jahre. Sehr viel freiberuflich. Sehr gut honoriert. Techniker können Alles realisieren. Wenn es wer fordert und - am besten - der Steuerzahler bezahlt. Meist nur für [...] mehr...
Was spricht eigentlich gegen den Einsatz gelber LEDs? Inzwischen sollte es ja möglich sein, einigemassen passend die Natrium-Linie zu treffen (dann greifen die Filter wenigstens ein wenig, wenn es auch zu breitbandig sein [...] mehr...
...daß die Umgebung unserer Wohnung beinahe taghell erleuchtet ist, obwohl der Publikumsverkehr nach 20 Uhr gen null geht. Die Festbeleuchtung, die überwiegend per Leuchtstoffröhren erfolgt, nützt dem Nachbargrundstück im [...] mehr...
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