Washington - "Für uns Menschen sehen alle Spottdrosseln gleich aus", sagt Doug Levey von der University of Florida in Gainesville. "Aber umgekehrt gilt das nicht." Zusammen mit Kollegen hat Levey die nordamerikanischen Singvögel untersucht und dabei herausgefunden, dass sie bei der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung erstaunliche Leistungen vollbringen. Den Tieren gelang es, einzelne Menschen voneinander zu unterscheiden, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences".
Spottdrossel: In 60 Sekunden vermeintliche Angreifer analysiert
Spottdrosseln verteidigen ihre Nester aggressiv und fliegen Scheinangriffe auch auf große Gegner wie Menschen. Die Forscher hatten für ihren Versuch die Tiere absichtlich gestört. Studienleiter Levey ließ mehrere Studenten an mehreren Tagen auf Bäume steigen und die Nester der grau-weißen Vögel kurz berühren. Schon nach zwei solchen Besuchen verließen die jeweiligen Spottdrosseln fluchtartig das Nest, sobald sie den jeweiligen Übeltäter aus der Ferne nahen sahen. Sie erkannten die Studenten inmitten des vielbevölkerten Universitätsgeländes selbst dann, wenn sie aus einer anderen Richtung kamen oder andere Kleidung trugen.
Wenn die Forscher einen anderen Freiwilligen zum Nest schickten, reagierte die Drossel dagegen ganz anders. Sie war nicht vorher aufgeschreckt, sondern ließ den Fremden bis auf fünf Meter an ihr Nest herankommen, ehe sie angriff.
Die Wissenschaftler wählten für ihren Versuch verschiedene Nester, die in der Nähe von Fußwegen oder Parkplätzen lagen, so dass viele Menschen nahe an den Brutplätzen vorbeigingen. Die Drosseln mussten daher nicht lernen, zwei Individuen auseinanderzuhalten, sondern einen einzelnen in einer Masse zu erkennen. Im Durchschnitt gingen während der Brutzeit 15.000 Passanten nahe an den Versuchsnestern vorbei.
Interessanterweise waren die Spottdrosseln, an deren Nester mehr Menschen vorbeiliefen, deutlich toleranter und weniger aggressiv. Dieses Verhalten ist aus biologischer Sicht sinnvoll, erklären die Forscher: Die Vögel verschwenden dadurch etwa in Städten mit vielen Menschen weniger Energie, weil es ihnen gelingt, Fehlalarme weitgehend zu vermeiden.
In früheren Laborstudien hatten Wissenschaftler Tauben dazu gebracht, einzelne Personen zu erkennen. Das klappte aber erst nach mühsamem Training. Die Drosseln dagegen lernen der neuen Studie zufolge außergewöhnlich schnell. In 60 Sekunden könnten sie demnach die Entscheidung treffen, ob sie eine herannahende Person kennen oder nicht.
chs/ddp/AP
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