Von Christian Schwägerl
Die größte aller Kreditblasen ist noch gar nicht geplatzt. Schon seit Mitte März hat der durchschnittliche Deutsche sein Kohlendioxid-Konto für 2009 überzogen. Jede Autofahrt, jede heiße Dusche und jedes Elektrogerät laufen bis zum Jahresende auf Kredit. Der Durchschnittsamerikaner ist schon seit Anfang Februar für den Rest des Jahres im roten Bereich.
Es gibt keine World Carbon Bank AG, die wegen solcher Zahlen implodieren würde. Die Bank, das sind die Lebensgrundlagen der menschlichen Zivilisation. Aber es gibt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, das Auskunft über das Kreditblasenrisiko gibt. Dessen Wissenschaftler haben nun im Wissenschaftsjournal "Nature" veröffentlicht, dass vor 2050 noch ziemlich genau 666 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre gelangen dürfen. Dann ist den besten Klimamodellen zufolge die durchschnittliche Temperatur der Atmosphäre um zwei Grad Celsius gestiegen. Hinter dieser Schwelle wartet eine permanente planetare Wirtschaftskrise.
Statt einzelner Autofirmen würden Millionenstädte versenkt, statt Wertpapierdepots Korallenriffe zersetzt, und die Menschen müssten nicht in sichere Anlagen fliehen, sondern in Gebiete mit Trinkwasser. Diese Krise wäre so systemisch, wie es nur geht. Sind Regenwälder ausgetrocknet und Korallen durch Kohlensäure aufgelöst, verschwinden ihre globalen Dienstleistungen, die bislang jedem Menschen zugutekommen. Sind Atmosphäre und Ozeane deutlich erwärmt, wird Klimastress zum globalen Dauerzustand.
Zwei Tonnen CO2 pro Jahr darf jeder bis 2050 produzieren
Dass die Zahl 666 in der biblischen Apokalypse und bei Okkultisten eine Rolle spielt, muss einen nicht weiter beunruhigen - eher schon, was der säkulare Prophet Karl Kraus 1908 zur "apokalyptischen 666" geschrieben hat: "Die misshandelte Urnatur grollt; sie empört sich dagegen, dass sie die Elektrizität zum Betrieb der Dummheit geliefert haben soll. Habt ihr die Unregelmäßigkeiten der Jahreszeiten wahrgenommen?" Aber eigentlich reichen die nackten Zahlen, die Schmelzrate des Polareises, die mangelhaften Ernten, die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Wüsten.
Die Zahl aus dem Potsdam-Institut ist viel wichtiger als das Volumen der toxischen Wertpapiere und Konjunkturprogramme dieser Tage. Die 666 Milliarden Tonnen Gas sind nun die naturwissenschaftlich definierte Obergrenze für die Verbrennung von Kohle, Erdgas, Öl und Wäldern, schlichtweg für alles, Heizung, Landwirtschaft, Industrieproduktion, Verpackungen, Reisen, Strom. 666 Milliarden Tonnen des Wohlstandsabfallgases CO2 müssen für die nächsten 41 Jahre reichen, für durchschnittlich acht Milliarden Erdbewohner. Das muss man, um es fassbar zu machen, umrechnen in eine Maßeinheit, die für jeden Menschen gilt: CO2 pro Kopf.
Das CO2-Guthaben, das jeder Mensch bis zur Jahrhundertmitte hat, beträgt zwei Tonnen CO2 pro Jahr - es ist eine für heutige Verhältnisse grotesk niedrige Zahl. Der durchschnittliche Erdbewohner verursacht schon heute 4,6 Tonnen, der so umweltbewusste Durchschnittsdeutsche anhaltend zehn Tonnen, der Durchschnittsamerikaner 20 Tonnen. Das CO2-Guthaben von zwei Tonnen ist also in jedem Jahr schon früh aufgebraucht. Auf Pump zu leben, ist zum Normalfall geworden.
Die Maßeinheit "Kohlendioxid pro Kopf" verdient für das 21. Jahrhundert den Rang des Meters und der Uhrzeit. Der Meter als einheitliches Maß aller Dinge passte perfekt zum Ruf der französischen Revolutionäre nach universeller Gleichheit. Vier Jahre nach dem Sturm auf die Bastille führte der Pariser Nationalkonvent das metrische System ein. Es machte die physische Welt vergleichbar. Die nächste, industrielle Revolution führte die universellen Zeitzonen herbei. Nachdem der weiträumige Bahnverkehr selbstverständlich geworden war, lösten sie den Wirrwarr Hunderter Ortszeiten ab. Die Zeitzonen vertakteten das Wirtschaften rund um den Globus. "CO2 pro Kopf" ist die Maßeinheit der Umweltrevolution, das Maß der nötigen Mäßigung.
Wendet man sie an, drehen sich die Verhältnisse um: Nunmehr geben die Armen den Reichen Kredit, die Nichtverbraucher den Verbrauchern. Es sind jene armen Schlucker in Wellblechhütten, die weniger als zwei Tonnen CO2 pro Kopf ausstoßen. Zehn Inder muss man zum rechnerischen Ausgleich für das Übermaß jedes Deutschen heranziehen. Aber es gibt nicht mehr genug Arme, um den Exzess aller Wohlstandsmenschen aufzuwiegen. Der große Teil des CO2-Kredits kommt deshalb aus der Zukunft, von denen, die sich später mit noch viel weniger als zwei Tonnen pro Kopf begnügen müssen, bis hin zur Null-Emission, um der Klimakrise zu entgehen. Wir nutzen deren CO2-Guthaben auf, um weit über unsere Verhältnisse zu leben.
Die Abwrackprämie - das Symbol der Dekadenz
Es sind merkwürdige Verhältnisse. Die Bewohner der Wohlstandszone haben es sich in einer Art Technologie-Barock gemütlich gemacht, in dem der letzte Winkel mit Elektrogeräten, Mobilitätsmaschinen und anderen Annehmlichkeiten ausstaffiert ist - so wie im feudalen Barock die Kirchen und Schlösser. Zugleich sparten sie am Notwendigsten, etwa der Energieforschung. Wenn Autos dann doch effizienter werden, reißen sie mehr Kilometer herunter, wenn Maschinen weniger Strom verbrauchen, kaufen sie mehr von ihnen. Die Abwrackprämie ist das Symbol dieses dekadenten Systems: Angesichts der Krise eines übersättigten Markts erhebt der Staat den Autokonsum zum Selbstzweck.
Vor der derzeitigen Finanzkrise hielten es zu viele Menschen für ganz normal, über ihre Verhältnisse zu leben. Villen für Gelegenheitsarbeiter, Millionenboni für schlechte Leistungen. Zu viele der Institutionen, die das hätten verhindern sollen, waren selbst von Maßlosigkeit geprägt. Sie hatten die Risiken ungedeckter Kredite so gut verteilt und versteckt, dass sie selbst oft nicht einmal mehr wegschauen mussten.
Einem ähnlichen Muster folgt das Klima-Gebaren. Die Europäer und Nordamerikaner, die am meisten Energie verbrauchen und verschwenden, sehen ihren Wohlstand als Naturrecht an, als Bonus aus dem Erdsystem, der ihnen zusteht. CO2-Minderungen wollen sie höchstens relativ zum Erreichten eingehen, Verzicht gilt als Unwort. Die fünf Milliarden Menschen in Asien, Afrika und Südamerika, die den westlichen Wohlstand nur als Utopie, als Science-Fiction aus den Fernsehkanälen kennen, sehen sich im Recht, nun auch ihr Glück zu versuchen, und sei es mit gewaltigen ungedeckten CO2-Hypotheken. Noch immer ist das Verbrennen von Öl, Kohle, Gas und Wäldern der schnellste und billigste Weg, um an Wohlstand zu kommen.
Wovor muss man da mehr Angst haben - vor dem Scheitern der Entwicklungsstrategien oder davor, dass schon morgen alle Menschen so leben können wie der Durchschnittsdeutsche? Das indische Automodell Nano ist das Symbol einer Völkerwanderung in das Leben, wie es ein typisch deutscher Mittelschichtmensch mit einem mittleren Lebensstandard, einer mittelgroßen Wohnung und einem Mittelklassewagen führt. Deshalb reklamieren Indien, China und ähnliche Länder eine nachholende Entwicklung beim fossil befeuerten Wohlstand. Erst wenn sie aufgeschlossen haben, wollen sie sich zu CO2-Minderungen verpflichten.
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Ihre Beschreibung ist nicht ganz korrekt. Arrhenius Aussage beschreibt zunächst als Hypothese den Einzelprozess, dass zunehmende CO2 Konzentration in der Erdatmosphäre zu einer Erwärmung führt. Die Erde ist aber komplexer und [...] mehr...
Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu, dass man Argumente hinterfragen sollte und die Ergebnisse der Wissenschaft nicht für bare Münze nehmen sollte. Mich stört an der Diskussion nur, dass teilweise eigentlich logische oder [...] mehr...
Hallo Kerr Komagisses, da haben sie noch meine Gruppe vergessen, die seit Jahren brav Steuern zahlt, auf Automobile verzichtet und sich wundert dass viele ihre Bekannten den menschengemachten Klimawandel auf den Lippen tragen, [...] mehr...
Wenn man sich hier so durch die Diskussion liest, kommt man zu der Erkenntnis, dass es im wesentlichen zwei generelle Standpunkte gibt: 1. Den Wissenschaftlern muss man nicht unbedingt glauben, was sie erzählen, da die nur [...] mehr...
Richtig ist dass streng genommen jede Messung auf einem Modell beruht. Trotzdem ist nicht jeder Vorgang der im Ergebnis eine bestimmte Grösse ermittelt ist eine Messung. Die Ermittlung der Temperatur aus Paläodaten ist keine [...] mehr...
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