Von Christian Schwägerl
Es wäre eine horrende Situation, wenn die Alternative zu solchen Szenarien jeweils darin bestünde, die 666-Milliarden-Grenze zu sprengen und so das Ökowirtschaftssystem zu gefährden. Der Weltklimagipfel von Kopenhagen ist deshalb kein Seitenereignis im globalen Wirtschaftskrisenmanagement, sondern sein wichtigstes Forum. Dort müssen die Länder des Westens die Lehren aus der gegenwärtigen Finanzkrise ziehen und anerkennen, dass sie bereits in einer CO2-Insolvenz stecken. China muss sich der Tatsache stellen, dass seine Aufholjagd historisch legitim sein mag, aber die Zukunft auch des eigenen Landes gefährdet. Länder wie Indien sollten eine massive Aufwertung erfahren, indem sie als CO2-Gläubiger anerkannt werden.
Der Sinn dieser Übung wäre, die planetare Buchhaltung auf eine seriöse Grundlage zu stellen, wie sie die Finanzwelt in den vergangenen Jahren gebraucht hätte. Die Währung, in der Zins und Tilgung geleistet werden, ist CO2-Verzicht sowie das Know-how, Wohlstand mit erträglicher Umweltbelastung, also mit grünen Technologien und intelligentem Produktdesign zu erzeugen. Dieses Wissen ist heute so teuer, dass es in Ländern wie Indien und China nicht genutzt wird.
Ein Klimavertrag, der seinen Namen verdient, müsste die globalen Marktmechanismen so umbauen, dass ganz automatisch massiv Kapital in diese grüne Technologien und Lebensweisen fließt, wie es bisher in zu große Häuser geflossen ist. Er würde mit dem Satz beginnen: "Jeder Mensch hat das Recht auf maximal zwei Tonnen CO2 pro Jahr." Das hieße nicht, den Verbrauch zum 1. Januar 2010 zu kappen, aber es würde das Leben jenseits der Kreditgrenzen als solches entlarven und ins Unrecht setzen.
Sind die Gesellschaften, die hinter den entscheidenden Spielern auf dem Weltklimagipfel stehen, reif dafür? Das lässt sich daran ablesen, welchen Stellenwert die Mäßigung kulturell einnimmt. Die nötige Mäßigung geht über das radikale Energiesparen weit hinaus, denn der energetische Umbau der Entwicklungsländer funktioniert nur mit massiven Investitionen aus dem Westen in Entwicklungsländern, die dann für Sozialausgaben und Straßenbau fehlen. Die Größenordnung liegt bei hundert Milliarden Euro jährlich, sieben Milliarden davon aus Deutschland.
Eine derart gereifte Gesellschaft würde die Finanzkrise zum Anlass nehmen, in Zukunft umweltschädliches Wirtschaftswachstum als Verlust zu bilanzieren. Sie wäre, auf Deutschland gemünzt, daran zu erkennen, dass Verbraucher ihren Kant-Wert achten; dass Siemens-Aktionäre ihre Dividenden minimieren, um Indien und China hocheffiziente Kraftwerke und Energiespartechnologien zu Vorzugspreisen zu verkaufen; dass die Deutsche Bank als Existenzzweck nicht die Eigenkapitalrendite definiert, sondern ihre Erfolge dabei, Ökounternehmer rund um den Globus mit Geld zu versorgen; dass die deutschen Rentner dafür demonstrieren, Geld aus der Rentenkasse in staatliche Energieforschung umzubuchen, um ihren Enkeln Ressourcenkriege zu ersparen.
Eine Utopie? Das Menetekel Finanzkrise führt die existentiellen Risiken vor Augen. Ein seriöser Kreditrahmen hätte alles verhindern können. Deshalb ist ein global gültiger Pro-Kopf-Grenzwert viel weniger utopisch als die Vorstellung, dass die Erde und die Zivilisation ein, zwei, drei Billionen Tonnen zusätzliches Kohlendioxid schon irgendwie vertragen werden.
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