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23.07.2009
 

Stammzellforschung

Forscher erzeugen Mäuse aus reprogrammierten Körperzellen

Von Jens Lubbadeh

Wie gut sind Stammzellen aus reprogrammierten Körperzellen? Wissenschaftler haben nun gezeigt, dass sie offenbar ähnlich potent sind wie embryonale. Die Forscher erzeugten aus den Zellen vollständig neue Mäuse.

Stammzelle ist nicht gleich Stammzelle: Nach den schwierigen Debatten um die embryonalen Stammzellen, die ethisch umstritten sind, weil zu ihrer Erzeugung Embryonen zerstört werden müssen, öffnete sich der Wissenschaft ein neuer Weg. 2006 gelang es dem Japaner Shinya Yamanaka, Körperzellen durch Zugabe von vier Genen zu Alleskönner-Stammzellen zu reprogrammieren. Aus Körperzellen waren in einen ursprünglichen, embryonalen Zustand zurückversetzte Stammzellen geworden.

Gesunde Maus: Aus reprogrammierten Körperzellen erzeugt
Dr Qi Zhou

Gesunde Maus: Aus reprogrammierten Körperzellen erzeugt

Auf diesen sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) ruhen enorme Hoffnungen. Doch es gab auch immer wieder Zweifel, ob diese Zellen wirklich solche Alleskönner sind wie embryonale Stammzellen - sprich - ob sie tatsächlich pluripotent sind und sich in jede Zelle des Körpers verwandeln lassen. So berichtete eine Forschergruppe unlängst im Magazin "Cell Stem Cell", dass iPS-Zellen andere genetische Aktivität zeigen als embryonale Stammzellen.

Nun haben zwei chinesische Forscherteams offenbar den letzten Zweifel an der Pluripotenz ausgeräumt: Sie schufen aus iPS-Zellen gänzlich neue Tiere - im Prinzip klonten sie die Mäuse. Allerdings nicht nach der gängigen Methode. Der Erfolg gelang zwei chinesischen Forschergruppen gleichzeitig, die beiden Teams veröffentlichten ihre Arbeiten parallel in den Journalen "Nature" und "Cell Stem Cell".

Bereits zuvor war ein gängiger Test auf Pluripotenz von iPS-Zellen gewesen, ob man mit ihnen Chimären erschaffen konnte. Dazu injiziert man die Zellen in einen frühen Embryo. Integrieren sich die Zellen in den Organismus und bilden verschiedenste Körpergewebe mit aus - und sogar Spermien oder Eizellen -, gilt das als Pluripotenz-Nachweis. Allerdings war es noch nie zuvor gelungen, aus iPS-Zellen einen vollständigen Organismus zu erzeugen.

Um das zu vollbringen, injizierte das Team um Xiao-yang Zhao, das seine Arbeit in "Nature" vorstellte, die iPS-Zellen nicht in einen normalen frühen Embryo, sondern in veränderte Zellen mit dem vierfachen Chromosomensatz. Aus diesen Zellen kann kein Organismus entstehen, sondern Gewebe, das den Embryo unterstützt - die Plazenta. Das Verfahren trägt den Namen tetraploide Embryo-Komplementierung.

Das Team um Zhao erzeugte nun mit der Yamanaka-Methode insgesamt 37 iPS-Zelllinien aus den Körperzellen erwachsener Mäuse. Dann mischten sie die Plazenta-Vorläuferzellen mit den iPS-Zellen. Bei Erfolg entstand aus den iPS-Zellen ein kompletter Embryo und daraus eine gesunde Maus, die also ein Klon der Maus war, aus deren Körperzellen die iPS-Zellen erzeugt worden waren.

Zhao und seinem Team gelang es tatsächlich, auf diese Weise lebensfähige Mäuse zu bekommen. Einige davon zeugten sogar Nachwuchs, berichteten die Forscher.

Allerdings klappte das Verfahren nur mit dreien der insgesamt 37 iPS-Zelllinien. Außerdem war die Ausbeute sehr gering: Die Forscher injizierten iPS-Zellen in insgesamt 848 Plazentavorläufer, 27 Mäuse wurden geboren. Das entspricht drei Prozent.

Von ähnlichen Resultaten berichtet die Gruppe um Shaorong Gao vom Nationalen Institut für Biowissenschaften in Peking im Journal "Cell Stem Cell". Sie schuf fünf neue iPS-Zelllinien. Aus einer ließen sich - ebenfalls über den Weg der tetraploiden Embryo-Komplementierung - lebende Mäuse gewinnen. Ein Tier überlebte, bis es erwachsen war.

Chronik der Stammzellforschung

1998 - Embryonale Stammzellen

Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.

2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)

2007 - Menschliche iPS-Zellen

Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen

März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt

März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut

April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen

Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen

Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln

Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen

Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen

Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen

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